Jonas Kaufmann in der Philharmonie : Mein lieber Prater

In der Philharmonie versucht sich Jonas Kaufmann an einem Wiener Abend. Allerdings verschafft jedes Ottakringer Bier ein intensiveres Gefühl als diese Aufführung.

Tenor Jonas Kaufmann.
Tenor Jonas Kaufmann.Foto: Angelika Warmuth/dpa

Obwohl Wien selbst alles tut, um sich marketingtechnisch als die Stadt Mozarts, Beethovens und Schuberts zu präsentieren, ist deren Musik doch viel zu universell, um wirklich Rückschlüsse auf den Lokalgeist zuzulassen.

Dem kommt man eher auf die Spur in den Operetten von Johann Strauß Sohn und Emmerich Kálmán oder in den Liedern von Robert Stolz. Sie hat sich Jonas Kaufmann auserkoren, um auf dem 2019 erschienenen Album „Mein Wien“ seine besondere Beziehung zu Österreichs Metropole zu dokumentieren.

Auf der CD spielen die Wiener Philharmoniker – für die Tournee, die ihn jetzt in die Philharmonie geführt hat, muss das günstigere Ensemble Prague Philharmonia reichen. Unter Leitung von Jochen Rieder spielen sich die Tschechen nach einer recht hemdsärmeligen „Nacht in Venedig“-Ouvertüre frei, gewinnen in der „Tik-Tak“-Polka von Strauß schnell an Geschmeidigkeit und Witz.

Die Gefahr, dass Kaufmanns Bayreuth-gestählter Operntenor diese viel zarter gelagerten Arien zerschmettern könnte, besteht nicht. Dazu wirkt der Münchner an diesem Abend – warum auch immer – viel zu müde und abgekämpft.

Ja, manches gelingt: In „Sei mir gegrüßt, du holdes Venezia“ versteht er die Dynamik auch in der Höhe noch sanft zu variieren. Auch der Wiener Dialekt scheint ihm leicht von den Lippen zu fließen.

Das Leichte wirkt durchgängig schwer

Wenn „Draußen in Sievering“ der Flieder schon blüht, schleicht sich liebliche Homogenität in die Stimme. Doch in der Mittellage wird sie rasch konturlos, und generell wirkt das Leichte bei Kaufmann an diesem Abend fast durchgängig schwer, bemüht, ertrotzt.

Rettung naht in Gestalt seiner Sparringspartnerin, der Sopranistin Rachel Willis-Szrensen. Fantastisch die resolute „Fledermaus“-Rosalinde der Amerikanerin; über das Milva-Rot in ihrer Stimme legt sich in der Höhe ein zarter, silberdurchwirkter Schimmer.

Man verlässt die Philharmonie fremdelnd

Auch im Duett mit Kaufmann, etwa bei „Lippen schweigen“ aus Lehárs „Lustiger Witwe“, ist sie die deutlich Frischere, Präsentere. Kaufmann reißt sich zusammen, findet in zwei Liedern von Robert Stolz noch mal zu sich, wenn auch mit Höhenproblemen.

In fast schon reaktionärer Schönheit, die Richard Strauss als Revolutionär erscheinen lässt, hat Stolz mit Stücken wie „Im Prater blüh’n wieder die Bäume“ die tonalen Stränge des 19. Jahrhunderts noch mal groß symphonisch ausgebaut.

Doch es hilft nichts: Man verlässt die Philharmonie fremdelnd. Jedes Ottakringer Bier verschafft ein intensiveres Wien-Gefühl als dieser Abend.

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