Jugendbuch über den Zweiten Weltkrieg : Mit dem Winter kommt der Feind

Geschichte als Thriller: In Davide Morosinottos Roman "Verloren in Eis und Schnee" erleben Zwillinge den Beginn der Belagerung von Leningrad

Mitglieder eines russischen Militärvereins beim Reenactment der Blockade von Leningrad.
Mitglieder eines russischen Militärvereins beim Reenactment der Blockade von Leningrad.Foto: picture-alliance/ dpa

Zu Beginn wirkt der Schrecken noch harmlos, fast wie ein Spiel. In der alten Kirche, in der sie sich mit anderen Kindern versteckt hat, klettert Nadja zum Fenster hoch, um besser zuschauen zu können. Blitze lassen den Himmel rot aufleuchten, aus der Ferne dröhnt dumpfes Brummen herüber. Und dann tauchen die Flugzeuge auf, „so viele, dass sie wie ein riesiger Schwarm Insekten den Himmel verdeckten“. Sie kommen immer näher und lassen „schwarze Eier zur Erde herabfallen“. Die Eier sind Bomben. Eine trifft die Sakristei, die Explosion schleudert die Beobachterin auf den Boden. Ein Mädchen, dessen Namen Nadja nicht kennt, stirbt. Ist das nicht so etwas wie ein doppelter Tod? Das Mädchen lebt nicht mehr, und Nadja wird sich nicht einmal an seinen Namen erinnern können.

Auf der Flucht

Die Szene spielt in Schlüsselburg, einem russischen Städtchen am Ladogasee, in dem die deutschen Invasoren im September 1941 den Belagerungsring um Leningrad schließen. „Verloren in Eis und Schnee“ heißt der Roman des italienischen Autors Davide Morosinotto, der vom Kriegsbeginn aus der Perspektive jugendlicher Zwillinge erzählt. Nadja und Viktor Danilow, 13 Jahre alt, geraten in unterschiedliche Züge, als sie mit Hunderten anderen Kindern aus der bedrohten Stadt evakuiert werden. Viktor gelangt in eine Kolchose am Rand des Urals. Nadja schafft es nur bis Schlüsselburg. Sie sind zweitausend Kilometer voneinander getrennt und setzen doch alles daran, wieder zueinanderzufinden. Wie ihnen das gelingt, das macht aus der abenteuerlichen Geschichte einen furiosen Thriller.

„Der Winter kommt und mit dem Winter kommt der Feind. Er fegt alles weg. Alles ist zerstört“, notiert Nadja, als sie sich in einer nahezu aussichtslosen Situation befindet. Doch sie denkt nicht daran, aufzugeben. „Ich lebe noch“, schreibt sie. „Ich werde unter der Schneedecke warten, wie die Glut, die unter einer dünnen Ascheschicht weiterglüht.“ Das Buch ist wie eine Dokumentation aufgebaut, bei der die beiden Hauptfiguren abwechselnd in Tagebucheintragungen von ihren Erlebnissen berichten. Ergänzt werden die Aufzeichnungen von Fotos, Landkarten, Skizzen, Zeitungsartikeln und einmal sogar von einer eingeklebten Blume.

Unter Spionageverdacht

Am Seitenrand finden sich immer wieder zeternde Anmerkungen;: „Das ist unpatriotisch!“, „Defätismus!“. Sie stammen von einem Geheimdienst-Oberst, dem die Kladden in die Hände gefallen sind und der gegen die Kinder ermittelt. Auf ihrer Odyssee verstoßen die Zwillinge gegen viele Gesetze. Sie widersetzen sich Befehlen, stehlen Lebensmittel, benutzen Waffen und beschaffen sich Armeefahrzeuge, um zu überleben. Viktor gerät in ein Straflager und flieht mit politischen Häftlingen durch einen Tunnel. Nadja versteckt einen Wehrmachtssoldaten, den sie gefangen genommen hat. Der Oberst hält die Kinder für Spione.

Genosse Stalin ist der Vater der Nation, das Licht, das uns in schweren Zeiten leuchtet“, ist sich Viktor anfangs sicher. Seine Reise durch die realsozialistische Wirklichkeit, bei der er auf Schlendrian und Korruption jeglicher Art stößt, macht aus dem glühenden Jungpionier einen Skeptiker. Nadja hält den Kommunismus für eine gute Idee, zweifelt aber an der Umsetzung. Doch als in der Festung Oreschek auf einer Insel in der Newa, wo wenige Rotarmisten dem Ansturm der „verdammten Faschistenschweine“ trotzen, die rote Fahne gehisst wird, ist sie stolz: „Die rote Fahne flattert und erinnert durch ihre Bewegungen an ein schlagendes Herz.“

Großvater als Inspirator

Morosinotto, der mit seinem Roman „Die Mississippi-Bande“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, schreibt dicht an den historischen Tatsachen entlang. Sein Großvater hatte mit dem Italienischen Expeditionskorps in Russland gekämpft. Dessen Kriegserzählungen gaben den Anstoß für das beeindruckende Buch. Mehr als eine Million Russen starben bei der Belagerung von Leningrad, die meisten davon waren Zivilisten. Ihnen setzt „Verloren in Eis und Schnee“ ein Denkmal. Die Botschaft lautet: nie wieder.

Davide Morosinotto: "Verloren in Eis und Schnee. Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow." Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi. Thienemann, Stuttgart 2018. 440 Seiten, 18 €. Ab 12 Jahren.

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