Klimaschutz und korrektes Verhalten : Die Moralisierung des Alltags

Was dürfen wir essen? Welche Witze sind erlaubt? Fliegst du noch? Das Private ist politisch wie nie. Ein Essay.

Schülerinnen und Schüler demonstrieren in ganz Europa für mehr Klimaschutz.
Schülerinnen und Schüler demonstrieren in ganz Europa für mehr Klimaschutz.Foto: AFP

Vor einer Woche hatte Matthias Matussek Geburtstag. Der war mal beim „Spiegel“, dann bei der „Welt“, dort schmiss man ihn raus, weil er nach den Anschlägen in Paris auf Facebook schrieb: „Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen.“ Dahinter setzte er ein Smiley. Nun tourt Matussek als rechtsnationale One-Man-Show herum, stellt sich auf leere Bierkästen, warnt vor „muslimischen Bodybuildern“, einer „Lügenpresse“ und skandiert „Merkel muss weg“. Ein Pegidist mit Bildung.

Zu Matusseks 65. kamen eine Reihe honoriger und nicht honoriger Gäste. Einige ehemalige Kollegen vom „Spiegel“, ein Fernsehmoderator mit Gitarre, aber auch Mario Müller, Ex-NPD-Jugend, jetzt „Identitäre Bewegung“, vorbestraft wegen Körperverletzung, weil er einen Antifaschisten mit einem Totschläger verletzt hatte. Erika Steinbach war ebenso gekommen wie Dieter Stein von der „Jungen Freiheit“. Die Mischung macht’s.

In diesem Fall verursachte sie allerdings eine mittelhohe Empörungswelle. Sigmar Gabriel schimpfte über den „Fall Matussek“, bürgerliche Eliten hätten mit ihrer Partyteilnahme an der Demokratie gesägt. Die „taz“ kritisierte die „Gästeliste des Grauens“. Der Fernsehmoderator distanzierte sich. Der „Spiegel“ verurteilte jede Form von Rechtsextremismus.

Das Politische ist hypermoralisch geworden

Über die Frage, wessen Geburtstag jemand feiern darf, lässt sich lange streiten. Bedeutet die bloße Teilnahme schon Akzeptanz und Legitimation einer rechtsextremen Ideologie? Ist das Private stets politisch? Vielleicht ist es ja möglich, bei einer solchen Feier auf Menschen zu stoßen, deren Ansichten man ablehnt. Haben deutsche Enkel nicht auch schon auf das Wohl des Großvaters angestoßen, der Nazi war und heute mit der AfD sympathisiert?

„Sprechen Sie ganz bewusst mal mit jemandem, mit dem Sie sonst kein Wort gewechselt hätten“, hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache gefordert. Drei Monate zuvor hatten mehr als 20 000 Menschen an der Aktion „Deutschland spricht“ teilgenommen, bei der zwei Menschen miteinander ins Gespräch kamen, deren politische Ansichten sich stark unterscheiden. Aufgerufen dazu hatte „Zeit Online“, auch der Tagesspiegel beteiligte sich.

Wer darf was? An dieser ursprünglichsten aller ethischen Fragen entzünden sich heftige Debatten. Das Politische ist hypermoralisch geworden – und das Moralische hyperpolitisch. Dürfen noch Lieder des 2009 gestorbenen Michael Jackson gespielt werden, dem vorgeworfen wird, Kinder missbraucht zu haben? Darf Annegret Kramp-Karrenbauer im Karneval einen Witz machen über Männer und eine sexuelle Minderheit? Muss in allen Texten das Gendersternchen benutzt werden? Darf ein spanisches Gedicht, in dem es um „Alleen, Blumen und Frauen“ geht, an der Fassade einer Berliner Hochschule stehen bleiben? Sollen Teenager „Germany’s Next Top Model“ gucken?

Es gibt keine Schattierungen und kein Abwägen mehr

Beantwortet werden die Fragen meist rigoros, ja unerbittlich. Da gibt’s keine Schattierungen, kein Abwägen, da wird Haltung verlangt. Mit biblischer Strenge heißt es: „Eure Rede aber sei Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel“.

Moralische Klarheit in allen Lebensfragen, von der Ernährung über die Sexualität bis zum Tod, das kennzeichnet viele Religionen. Der Katechismus der katholischen Kirche umfasst 2865 Lehren für die Gläubigen. Judentum und Islam formulieren ebenfalls eine Vielzahl ethischer Dogmen. In den USA entstand in den siebziger Jahren die „Moral Majority“, die bis heute das Fundament der Republikanischen Partei bildet.

Die enge Verzahnung von Politik und Moral war einst ein eher konservatives Charakteristikum. Heute findet sie sich überwiegend im linken Spektrum. In der Friedensbewegung, bei der Ökologie, auf Kirchentagen, im Kampf gegen Sexismus und Rassismus, für LBGT-Rechte. In der Flüchtlingspolitik wurde das Gleichnis des Barmherzigen Samariters oft eins zu eins in praktisches Handeln übersetzt. Wer unter „evangelikal“ eine verbalinspirierte Christentums-Interpretation versteht, kann hier durchaus eine linksevangelikale Bewegung konstatieren.

Ernährung, Kleidung, Verpackung, Mobilität heißen die Großthemen

Am markantesten äußert sich die Moralisierung des Alltags auf dem Gebiet der Ökologie und des Klimawandels. Am Freitag streikten weltweit Hunderttausende Schüler der „Fridays for Future“-Bewegung. Greta Thunberg aus Schweden machte den Anfang. Sie fordern konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel. Jeder könne bei sich selbst anfangen.

Erdbeeren aus Spanien, Avocados aus Chile – das ist transport- und energieaufwendig, also klimaschädlich. Kaffee aus Nicaragua, FCKW-freie Kühlschränke, Jutebeutel aus Bangladesch, Plastikgeschirr und -verpackungen, Autofahren, Flugreisen, der Verzehr von Fleisch und überhaupt von tierischen Produkten, fairer Handel, Pfandsystem, regionale und saisonale Ernährung: An diesen Themen entzünden sich leidenschaftlich geführte Kontroversen. Sie kreisen um die Großkomplexe Ernährung, Kleidung, Verpackung, Mobilität.

Die Grundlage dafür wurde Anfang der 70er Jahre durch den Begriff der „Einen Welt“ geschaffen. Begünstigt durch die ersten Aufnahmen des Planeten aus dem All und verstärkt durch die Möglichkeit der Vernichtung der gesamten Menschheit durch Atomraketen wurde die Erde zunehmend als verwund- und verletzbar, als zu schützendes und bewahrendes Gut wahrgenommen. „Eine Welt oder keine“ lautete die Alternative. Das 1972 erschienene Buch „Die Grenzen des Wachstums“ verkaufte sich millionenfach.

Europäische Kunden werden für Not in Bangladesch verantwortlich gemacht

Für David Kuchenbuch, Historiker an der Justus-Liebig-Universität in Gießen, entstand damals eine „neue Semantik der Mäßigung“. In seiner Studie über den Zusammenhang zwischen globalem Interdependenzbewusstsein und der Moralisierung des Alltags schreibt er: „Wo das homöostatische Gesamtsystem Erde, das Gleichgewicht der ,World Dynamics‘, durch die disproportionale Entwicklung einzelner Komponenten in akute Gefahr geraten schien, da lag eine Inversion des Blicks nahe, eine Problematisierung der eigenen Rolle im Weltzusammenhang“. Worin besteht der persönliche Beitrag zur Entstehung der prekären Situation des Planeten? Aus dieser Frage entstanden globale Kausalketten.

In Bangladesch stürzt eine Textilfabrik ein? Verantwortlich sind nicht etwa der Architekt und die örtliche Bauaufsicht, sondern die Verbraucher in Europa, die billige T-Shirts kaufen. Überschwemmungen in Asien, Hungersnöte in Afrika, Hurrikans in der Karibik? Wer in Wuppertal ein Steak verzehrt, trägt erheblich zum Kohlendioxidausstoß bei, ist mitverantwortlich für den Klimawandel und die daraus resultierenden Naturkatastrophen.

Hypermoral tendiert zur Intoleranz

Dem Wachstumswahn wird mit einem Folgenabschätzungsenthusiasmus begegnet, der in einer Moralisierung des Ernährungs-, Kaufs-, Verbrauchs- und Reiseverhaltens kulminiert. Unter diesem argumentativen Gerüst finden viele eine Heimat. Wer nicht darin eintritt, gilt als zynisch, verbohrt, naiv, gefährlich.

Hypermoral tendiert zur Intoleranz. Die US-Zeitschrift „The Atlantic“, die zehnmal im Jahr erscheint, veröffentlicht in ihrer jüngsten Ausgabe eine VorurteilsLandkarte der USA. Das Meinungsforschungsinstitut „PredictWise“ war beauftragt worden, ein geografisches Ranking der Intoleranz zu erstellen. Das Ergebnis überrascht auf den ersten Blick. Am intolerantesten sind weiße, hochgebildete, ältere, eher städtische Menschen, die nicht etwa in Texas, Tennessee oder Alabama leben, sondern in Suffolk County, im sehr liberalen Großraum von Boston im Bundesstaat Massachusetts. Dort befindet sich auch die Elite-Universität Harvard.

Offenbar halten in den USA weiße, sehr gebildete Menschen durch eine Art Klassenbewusstsein zusammen. Sie leben isoliert von politischer Diversität, haben selten Kontakt zu Menschen, die anderer Meinung sind, dafür aber eine sehr genaue Vorstellung vom politischen Gegner. In Suffolk County teilen neun von zehn Ehepaaren dieselbe politische Präferenz, acht von zehn Nachbarschaften sind politisch homogen.

Anhänger der Demokraten sind engstirniger als Republikaner

Sind Demokraten gegenüber Republikanern intoleranter als andersherum? Laut Public Religion Research Institute sagen 45 Prozent der Demokraten, dass sie sehr unglücklich wären, wenn ihr Kind einen Republikaner heiraten würde. Nur 35 Prozent der Republikaner würden solch eine „cross-cutting relationship“ ablehnen.

Das Ergebnis deckt sich mit einer Umfrage des Pew Research Center aus dem letzten Präsidentschaftswahlkampf. 58 Prozent der Anhänger von Hillary Clinton stimmten der Aussage zu: „Es fällt mir schwer, jemanden zu respektieren, der Donald Trump unterstützt.“ Unter Trump-Anhängern bejahten indes nur 40 Prozent die Aussage: „Es fällt mir schwer, jemanden zu respektieren, der Hillary Clinton unterstützt.“

Und in Deutschland? Verachten AfD-Wähler die Sympathisanten der Grünen mehr als andersherum? Schwer zu sagen. Hypermoral verlangt ein Entweder-oder. Was sie schwer erträgt, sind Kompromisse, Grauzonen, Leichtigkeiten, Unvollkommenheit, menschliche Widersprüche. Für die einen ist der Sack Reis, der in China umfällt, eine Metapher für weit weg und egal. Für die anderen ist auch dieser Sack Reis ein Teil der „Einen Welt“.

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