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Princess Marilyn Douala Manga Bell bermüht sich um die Festigung einer eigenen kamerunischen Identität.

© R. Bisse Esomba

Tagesspiegel Plus

Koloniales Unrecht: „Das Berliner Schloss ist schreckliche Architektur“

Princess Marilyn Douala Manga Bell entstammt einer kamerunischen Königsfamilie. Ihr Urgroßvater ist ein Nationalheld. Deutschland ehrt ihre Aufklärungsarbeit.

Wäre Princess Marilyn Douala Manga Bell kommende Woche in Berlin und ginge zur Eröffnung des Humboldt Forums, täte sie es vermutlich mit gemischten Gefühlen. Denn die Sozialökonomin aus Kamerun, die in diesem Jahr mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet wird, findet die gewaltige Schloss-Architektur „schrecklich“.

Das sagt die 1957 in Kameruns Wirtschaftszentrum Douala Geborene gestern während einer Online-Runde, bei der das Goethe-Institut die diesjährigen Medaillen-Gewinner vorstellte, bevor sie am 28. August – Goethes Geburtstag – mit einem offiziellen, digitalen Festakt geehrt werden.

Neben Princess Marilyn Douala Manga Bell werden der japanische Komponist Toshio Hosokawa und die chinesische Choreografin Wen Hui geehrt. Die Bundesrepublik Deutschland vergibt die Auszeichnung seit 1955 an Personen, die sich um den internationalen Kulturaustausch verdient gemacht haben. Dirigent Daniel Barenboim, die Berliner Künstlerin Shirin Neshat sowie der britische Schriftsteller und Brexit-Kritiker Ian McEwan sind frühere Preisträger.

Princess Marilyn, die bei dem Termin gesteht, dass die Auszeichnung aus Deutschland sie überrascht habe, wird unter anderem für ihr Engagement zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte in Kamerun geehrt. Sie hat etliche Ausstellungsprojekte zum Kolonialismus kuratiert, Schulprojekte initiiert.

2016 war sie Teil einer Gruppe von Museumsfachleuten aus Afrika, die Vorschläge für das Humboldt Forum erarbeiteten. Was die Gruppe damals anregte, war die starre Kategorisierung in westliche und afrikanische Kunst zu überwinden, Kunstwerke aus derselben Zeit, unabhängig von ihrer Herkunft nebeneinanderzustellen und so den Besucher:innen zu ermöglichen, die Welt neu zu lesen.

Ein Mord im Namen der Deutschen

Manga Bells Eindruck fünf Jahre später: „Das Humboldt Forum hat das Potenzial nicht ausgeschöpft.“ Die Architektur ist dabei nur das augenscheinlichste Zeichen.

Die pompöse Fassade erinnert an eine Zeit, in der die Deutschen als Kolonialmacht in Kamerun unzählige Verbrechen begingen. Eines davon war die Hinrichtung Rudolf Duala Manga Bells, des Urgroßvaters der Preisträgerin.

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Rudolf Duala Manga Bell (1873 - 1914) gilt als Symbolfigur des Widerstands gegen die deutsche Kolonialmacht. Die tragische Geschichte ihres Vorfahren erzählt Princess Marilyn in der Ausstellung „Hey Hamburg, kennst Du Duala Manga Bell?“, die im April im Museum am Rothenbaum Kulturen und Künste der Welt (MARKK) eröffnet hat.

Besonders Jugendliche und Familien sollen auf Basis von Fotos, Archivgegenständen, historischer und zeitgenössischer Kunst sowie Grafic-Novel- Zeichnungen etwas über die deutsch-kamerunische Geschichte erfahren, vor allem über die Verbindung zwischen Hamburger Handelsunternehmen und den Kaufleuten aus Douala, die heute noch in beiden Stadtbildern sichtbar sind.

Princess Marilyn Douala Manga Bell glaubt an Selbstermächtigung als Mittel gegen Armut und Perspektivlosigkei. Wissen ermöglicht ein Leben in Würde, ist einer ihrer Leitsprüche. Und dabei spielt Kunst eine besondere Rolle.

Kunst als wichtiges Mittel, um Menschen zu stärken

Manga Bell gründete 1991 den ersten unabhängigen Kunstraum auf dem afrikanischen Kontinent, das Zentrum für zeitgenössische Kunst Doual’art. In Douala, einer rauen Hafenstadt, gab es davor weder Raum noch Mittel für die Produktion von Kunst. Inzwischen ist Doual'art ein international bekannter Kunstort und hat viel zur Stadtentwicklung in Douala beigetragen. Es wurden Skulpturen aufgestellt, Plätze gestaltet, Treffpunkte geschaffen, an denen Menschen unterschiedlicher Kreise sich begegnen und austauschen können.

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Das ist in einer Stadt wie Douala, in der es kaum Cafés oder öffentliche Aufenthaltsorte gibt, nicht selbstverständlich. 2007 rief Princess Marilyn Douala Manga Bell außerdem die Kunst-Triennale „Salon Urbain de Douala“ ins Leben, bei der internationale und lokale Kunstschaffende Werke für den öffentlichen Raum kreieren.

Artefakte, die zu Kolonialzeiten nach Deutschland gebracht wurden, sollten nach Kamerun zurückgehen, findet Manga Bell. Allerdings nicht einfach so. Es sei ein langer, gemeinsamer Prozess, bei dem es darum gehe, die Objekte für einen Dialog nutzbar zu machen.

Rudolf Duala Manga Bell (links) und Tube Meetom mit der Lehrerfamilie Oesterle in Aalen.

© Familienarchiv Rolf-Dieter Röger und Georg Röger/Platino <EL-2>Georg Röger/Platino[/FOTO_HINW]

„Die Museumsgegenstände sollten nicht nur Zeichen der Vergangenheit sein, sondern lebendige Objekte des Alltags werden“, so Manga Bell. Über sie sollen die – hier wie dort – vielfach unerzählten Kolonialgeschichten und Erfahrungen geteilt werden. Auch in der Hamburger Ausstellung über Rudolf Duala Manga Bell sind Kameruner Masken, Schmuck und Möbel aus der Sammlung des MARKK zu sehen. 2023 soll die Ausstellung nach Kamerun gehen. Und vielleicht, so klingt es, werden die Objekte dann dort bleiben.

Der im schwäbischen Aalen ausgebildete Rudolf Duala Manga Bell wollte die Deutschen mit friedlichen Mitteln dazu bewegen, ihre Ausbeutung einzudämmen. Er schrieb Eingaben an den Reichstag und an den Kanzler. Insbesondere wehrte er sich gegen die widerrechtliche Vertreibung der Duala aus ihren Siedlungsgebieten.

Manga Bell forderte die Verantwortlichen auf, die Enteignung rückgängig zu machen. Er mobilisierte auch die deutsche Öffentlichkeit, schickte einen Gesandten nach Berlin, der Journalisten kontaktierte – mit Erfolg, er fand Gehör. Doch die deutsche Verwaltung gab nicht nach, verurteilte Manga Bell schließlich in Kamerun wegen Hochverrats zum Tod am Strang. Am 8. August 1914 wurden er und sein Gesandter hingerichtet.

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