Komische Oper : Den Ball flach halten am Plattensee

Lokalderby: Paul Abrahams Fußballoperette „Roxy und ihr Wunderteam“ mit den Geschwistern Pfister an der Komischen Oper Berlin.

Tobias Bonn (als Gjurka Karoly) und Christoph Marti als Roxy (rechts)
Tobias Bonn (als Gjurka Karoly) und Christoph Marti als Roxy (rechts)Foto: Iko Freese / drama-berlin.de

Sein Leben war turbulent wie eine Operette, nur leider ohne Happy End. Geboren 1892 in Südungarn, absolviert Paul Abraham ein halbes Musikstudium in Budapest, muss dann als Soldat in den Ersten Weltkrieg, wird anschließend Börsenspekulant, geht pleite, ergattert 1927 eine Stelle als Operettenkapellmeister, zieht bald ins Entertainment-Eldorado Berlin und wird 1930 durch „Viktoria und ihr Husar“ schlagartig zur Berühmtheit. Mit der „Blume von Hawaii“ gelingt ein weiterer Welterfolg, „Hotel im Savoy“ aber, Ende 1932 umjubelt uraufgeführt, wird nur wenige Wochen laufen, bevor die Nazis das Werk des jüdischen Komponisten absetzen.

Abraham flieht nach Wien, dann nach Budapest und Paris, gelangt mit Müh und Not über Kuba in die USA, wo ihn, den europäischen Hitproduzenten, keiner engagieren will. Mittellos und zutiefst verletzt entgleitet ihm die Realität, er wird für geisteskrank erklärt. Die Jahre bis zu seinem Tod 1960 verbringt er in Nervenheilanstalten.

Die Paul-Abraham-Hommage, die Barrie Kosky mit seiner „Ball im Savoy“-Inszenierung 2013 an der Komischen Oper gestartet hat, ist darum auch ein Akt der Wiedergutmachung. In dem Saal, dem einstigen Metropol-Theater, in dem der Komponist seine größten Triumphe erlebte, waren seitdem die „Viktoria“ sowie das „Märchen im Grand Hotel“ in konzertanten Aufführungen zu erleben, im Dezember wird „Dschainah, das Mädchen aus dem Tanzhaus“ folgen.

Wie sind die Witze am Plattensee? Flach natürlich!

Mit „Roxy und ihr Wunderteam“ kehren bereits jetzt die Geschwister Pfister an die Behrenstraße zurück. In letzter Sekunde entflieht darin die Titelheldin einer Vernunftehe, flüchtet im Brautkleid in eine Hotelsuite, wo die ungarische Nationalmannschaft gerade einen Sieg feiert. Die Fußballer gewähren der Lady gerne Asyl, nehmen sie sogar mit in ihr Trainingslager am Plattensee, wo zudem gerade auch ein Mädchenpensionat einquartiert ist. Dessen sittenstrenge Direktorin ist Andreja Schneider, Christoph Marti alias Ursli Pfister übernimmt selbstredend die Diven-Rolle der Roxy, deren Charme am Ende Tobias Bonn erliegt, obwohl er sich als völlig auf den Sport fixierter Mittelstürmer nach Kräften dagegen sträubt.

Seit fünf Jahren gehören die Pfisters zu Koskys Großfamilie an der Komischen Oper, Nico Dostals „Clivia“ war ihr glamouröser Einstand, gefolgt von der Mischa-Spoliansky-Revue „Heute Nacht oder nie“. „Roxy“, 1937 in Budapest komponiert, kann nicht den wüsten, bananenrepublikanischen Exotismus der „Clivia“ aufbieten, forscht auch nicht in den gesellschaftlichen Untiefen der Goldenen Zwanziger wie der Spoliansky-Abend. Gerade darum braucht das Stück Stars, die schon durch ihre pure Anwesenheit glänzen, und es braucht eine augenbetäubende Ausstattung.

Grandios sind Ausstattung und Kostüme

Stephan Prattes hat hier Grandioses geschaffen. Raffiniert gibt er den Blick auf seinen bühnengroßen Fußball, in dessen Innerem eine ganze Fankurve untergebracht ist, erst frei, nachdem die ersten Szenen vor dem kunstholzvertäfelten Eisernen Vorhang gespielt haben. Im Plattensee-Idyll wird auf Heuballen gesteppt, wenn die Jungs unterwegs sind, legt sich um die Lederkugel ein Saturn-Ring, auf dem eine Modelleisenbahn gen Ungarn dampft.

Die perfekten, zeitgeistig-authentischen Outfits dazu hat Heike Seidler kreiert. Die Hosen der Herren sind extraweit geschnitten, die Damen tragen die Haare so kurz wie die Röcke, Christoph Marti, der sich stimmlich immer mehr Richtung Zarah Leander entwickelt, darf optisch die Marika Rökk geben, mit Traumroben und neckischer Wasserwellenperücke. Sexy sehen die Fußballer sogar mit ihren in die Shorts gestopften T-Shirts aus, und wenn sich Abraham und seine Librettisten über das Frauenbild der Nazis lustig machen, mit einem Loblied auf die Handarbeit und der Körperertüchtigungsnummer „Wer Gymnastik treibt, stets elastisch bleibt“, dann konterkarieren die Pensionatsschülerinnen das mit moderner, selbstbewusster Körpersprache.

Regisseur Stefan Huber hat jede Menge Musicalerfahrung und kann darum Tempo machen. Die erste halbe Stunde ist ein ununterbrochener Sprint, die Darsteller wirbeln nur so über die Bühne, Gruppenchoreografie folgt auf Gruppenchoreografie, erdacht und charmant gemacht von Danny Costello. Dann allerdings erschlafft die Spannungskurve erst einmal, die ganz auf Effekt zusammengeleimte Handlung offenbart ihre Schwachstellen. Personenpsychologie findet nicht statt, der Running Gag mit Roxys geizigem schottischen Onkel nutzt sich ab (auch wenn Uwe Schönbeck ihn maximal knuffig spielt), manches, wie Johannes Dunz’ jaulender Ex-Bräutigam, bleibt allzu grelle Karikatur. Eine echte Entdeckung, vokal wie schauspielerisch, ist dagegen Jörn-Felix Alt als Torwart Hatschek. Mit Power und Bühnenpräsenz sorgt er für einen tollen Frischekick neben der souveränen Professionalität der Pfisters.

Die Ouvertüre wird zur Live-Fußballreportage

Nach der Pause aber nimmt der Abend erneut Fahrt auf, wie ein gutes Fußballspiel, die Stimmung steigt, das Premierenpublikum zieht mit, atemlos wie eine Schlusskonferenz im Radio geht es beim Finale zu. Hier hat Dirigent Kai Tietje mit liebevoller Hand in die Partitur eingegriffen, ebenso wie in der Eröffnungsszene, wo die Themen der Ouvertüre virtuos mit dem Live-Bericht eines Sportreporters (Mathias Schlung) synchronisiert werden.

Die Musikerinnen und Musiker der Komischen Oper spielen wie die Teufel vom Betzenberg, denn im Bestreben, mit dem Tempo des Tonfilms mithalten zu können, hat Paul Abraham vor allem Foxtrotts und Märsche komponiert. Nur eine einzige Walzernummer gönnt er sich, lässt im Liebesduett seinen Personalstil erblühen, bei dem die Melodien so hinreißend lasziv über gewagte Harmonien gleiten. Und einmal blitzt auch noch der kesse Esprit der unbeschwerten Berliner Jahre auf, die Lust an dadaistischen Texten, die, kombiniert mit den neuesten Tanzrhythmen aus Amerika, keine simplen Schlager ergaben, sondern echte urbane Hymnen: „Lass dir einen Cocktail mixen von den kleinen Donau-Nixen!“

Wieder am 7., 13., 19. und 27. Juni

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