Krimi von Frank Göhre : Welt ohne Erlösung

Starkes Krimi-Comeback: Frank Göhre erzählt in "Verdammte Liebe Amsterdam", seinem ersten Thriller seit zehn Jahren, von korrupten Polizisten.

Eine Prostituierte an der Tür ihre Appartements im Rotlichtviertel von Amsterdam.
Eine Prostituierte an der Tür ihre Appartements im Rotlichtviertel von Amsterdam.Foto: picture-alliance/ dpa

An der Holztür, die von der Polizei nicht versiegelt wurde, hängt bloß ein Papierstreifen mit dem Namen „M. Köster“, befestigt mit Tesaband. Das Einzimmerapartment dahinter ist billig möbliert: Schlafcouch, Buchregal, Schreibtisch. „Nur das Notwendigste an Einrichtung, kein Schnickschnack, keine Pflanzen, keine Blumen.“ Georg „Schorsch“ Köster hat in der Pathologie die Leiche seines Bruders Michael identifiziert, der auf einem Autobahnrastplatz erschlagen wurde. Nun steht er in dessen Wohnung und ist erschüttert: „Er fühlte sich alleingelassen, mehr denn je.“ Weil er merkt, dass er den Bruder, den er seit Jahren nicht gesehen hatte, kaum kannte. Und weil Michael ein Leben wie auf der ewigen Flucht geführt haben muss.

Sprache ohne Schnickschnack

Kein Schnickschnack, diese Devise gilt auch für die lakonische Sprache, in der Frank Göhre in seinem an klassischen Hardboiled-Thrillern geschulten Roman „Verdammte Liebe Amsterdam“ von einer doppelten Spurensuche erzählt. Köster, der ein Restaurant auf der Hamburger Reeperbahn besitzt, will den Mörder fassen, vor allem aber möchte er posthum erfahren, wer sein Bruder wirklich war. Der hatte, als IT-Berater gescheitert, Detektivjobs übernommen. Zuletzt sollte er ein 15-jähriges Mädchen aufspüren, das von zu Hause ausgerissen war.

Absolvent der Noir-Schule

Die Kunst, seine Figuren indirekt zu beschreiben, über ihre Kleidung und ihre Einrichtung, hat Göhre bei Noir-Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiell Hammett gelernt. Wenn Köster bei seinen Recherchen, die ihn von Köln nach Amsterdam führen, eine Polizistenwitwe in Recklinghausen besucht, in einem „Einfamilienhaus mit Vorgarten, Jägerzaun und Wasserbecken, auf dem zwei Plastikenten schwammen“, wird ganz ohne tiefschürfende Psychologisierung klar, dass sich hinter dieser Wohlstandsfassade Abgründe auftun. Es ist eine Welt, der man als Jugendlicher nur entfliehen kann und die Köster allzu gut kennt. Nach dem frühen Tod der Mutter musste er mit seinem Bruder – das zeigen Rückblenden ins Jahr 1976 – bei einem gewalttätigen Vater aufwachsen.

Polizisten als Gangster in Uniform

Frank Göhre, 76, ist mit den Romanen seiner „St.-Pauli-Trilogie“ berühmt geworden, die von Bandenkriegen im Kiez handelten und zwischen 1986 und 1991 herauskamen. Später schrieb er Drehbücher für Sönke Wortmanns Episodenkrimi "St. Pauli Nacht" und Polizeiserien wie „Großstadtrevier“. „Verdammte Liebe Amsterdam“ ist sein erstes Buch seit zehn Jahren. Die Ruhrpott-Polizisten, von denen er erzählt, sind korrupt und gewalttätig, von den Gangstern unterscheiden sie sich nur dadurch, dass sie Uniformen tragen.

Unterschlupf im Betondschungel

Göhre schreibt dicht an der Wirklichkeit entlang, seine Milieuschilderungen gleichen Reportagen, etwa wenn er den „Betondschungel“ im Südosten von Amsterdam beschreibt, in dem Suse, das weggelaufene Mädchen, untergeschlüpft ist. Kleinkriminelle mischen sich dort mit Mafiosi und Islamisten. Wenn Suse aus dem Fenster ihrer Wohnung in einem der wabenhaft miteinander verbundenen Hochhäuser schaut, blickt sie hinunter "auf die Plastikmöbel vor dem türkischen Imbiss, auf den Suri-Change gegenüber und das sich anschließende Radio- und Fernsehgeschäft, auf den 1-Euro-Laden, den "de leckerste"-Fastfood-Automaten, das Treiben in der Passage, die jetzt stark belebt war, fast ausschließlich von Eingewanderten aus Ghana und dem Kongo, von Afghanen, Iranern und Irakern, Syrern und Marokkanern". Die Schauplätze sind so detailgenau wiedergegeben, dass sich der Leser die Verfilmung gleich dazudenken kann.

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Verbrechen, das beweist dieser starke Comebackkrimi, mögen sich aufklären lassen. Aber auf Erlösung darf keiner hoffen (Frank Göhre: Verdammte Liebe Amsterdam. Kriminalroman, CulturBooks, Hamburg 2020. 168 Seiten, 15 €).

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