Liederabend mit Matthias Goerne : Das ganze Spektrum des Menschseins

Keine Kompromisse: Ein intensiver Liederabend im Kammermusiksaal mit Matthias Goerne und Daniil Trifonov am Klavier.

Der Bariton Matthias Goerne
Der Bariton Matthias GoerneFoto: Promo

So beginnt es, mit zwei fallenden Sexten: „Schla-fen, Schla-fen, nichts als Schlafen“. Schon die ersten Takte der „Vier Gesänge“ op. 2, mit denen der junge Alban Berg seine Studienzeit bei Arnold Schönberg abschloss, setzen den Ton für diesen Liederabend im Kammermusiksaal. Der das Spektrum des Menschseins ausschreitet, um Liebe, Eifersucht und Glaube kreist – und um die vielen Synonyme für den Tod, von denen Schlaf nur eines ist. Auch Matthias Goerne durchmisst baritonale Höhen und Tiefen, so sehr, dass man meint, zwei Sänger vor sich zu haben. Da gibt es die machtvolle, wotaneske Autorität, das zornige Wetterleuchten in der Stimme, die atemberaubenden Fortissimi – eine Urgewalt, die innerhalb des gleichen Atemzugs ins Lichte, Helle, in fast jungfräuliche Höhen gleitet. Es sind zwei Seiten der gleichen künstlerischen Existenz, der dramatische Opern- wie der feinfühlige Liedsänger.

Als mit Alfred Momberts halbsarkastischen Versen „Der Eine stirbt, daneben der Andere lebt: Das macht die Welt so tiefschön“ die letzten Takte verklungen sind, blickt Goerne fast ungläubig ins Publikum, fährt bruchlos fort: „Im wunderschönen Monat Mai“, der Beginn von Schumanns „Dichterliebe“. Ganz langsam und zaghaft singt er das, als würde er dem Wonnemonat nicht trauen, zu Recht: Heines lyrischem Ich wird bekanntlich übel mitgespielt, das Mädchen mag einen anderen. Mit erschütterndem d-Moll-Furor gräbt Goerne die hässliche Maske der Eifersucht aus, die Heine in harmlose Worte kleidet. Immerhin: Wenigstens er selbst findet in Daniil Trifonov, dem Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, den passenden Partner. Der erweist sich als vorzüglicher Klavierbegleiter, verzichtet auf die bei seinen Solo-Auftritten oft ins Dämonische abhebenden Exzesse und zeigt doch Profil. Wie bei „Ich hab im Traum geweinet“: nur das Skelett eines Liedes, der Sänger a capella, mit kurzen, prägnanten Einwürfen des Klaviers: Wann je hat Schumann so modern komponiert?

Keine Pause zerstört die Intensität des Abends, an dem man staunend erfährt, dass Michelangelo auch Poet war: Sowohl Hugo Wolf als auch Dmitri Schostakowitsch haben seine Verse vertont. Für den Russen war es 1974 eine seiner letzten Kompositionen: Wie bei vielen „letzten Werken“ ist der Tonsatz ausgedünnt, aufs Nötigste beschränkt. Opulent wird es noch mal bei Brahms, der seine „Vier ernsten Gesänge“ op. 121 als Reaktion auf den Schlaganfall seiner Lebensmuse Clara Schumann geschrieben hat, aber wohl auch aus Ahnung seines eigenen Todes. Doch wie zuversichtlich endet das, mit Paulus’ Lobpreisung der Liebe als das Wichtigste, was bleibt. Goerne schwingt sich zu jovialer Leichtigkeit auf, und Trifonov steht ihm zur Seite, zwei Hochdramatiker, die keine Kompromisse eingehen, ein kongeniales Paar.

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