Das europäische Industriezeitalter : Der unaufhörliche Fortschritt

Johannes Paulmann analysiert die Staatenwelt Europas in der Epoche ihrer globalen Dominanz.

Maschinenfabrik August Borsig, Gemälde von Carl Eduard Biermann 1847.
Maschinenfabrik August Borsig, Gemälde von Carl Eduard Biermann 1847.Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin, Oliver Ziebe

2010 erschienen die ersten Bände der Geschichte Europas des Beck Verlags, 2015 lagen dann acht von zehn Bänden vor. Jetzt hat Johannes Paulmann mit seinem Beitrag die Reihe fortgesetzt, sodass nur noch die Darstellung der Zeit zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution aussteht. Ziel der Reihe ist es, unter einem europäischen, nicht nationalstaatlichen Blickwinkel zentrale Entwicklungslinien der jeweiligen Epoche herauszuarbeiten und so deutlich werden zu lassen, „was Europa in den unterschiedlichen Epochen seiner langen Geschichte ausmachte und was für Vorstellungen jeweils mit dem Begriff verbunden wurden“.

Geraffte Übersicht

Das ist nicht allen Autoren in gleicher Weise gelungen, aber Johannes Paulmann hat die Aufgabe glänzend gelöst. Dafür hat ihm der Verlag auch einen Seitenumfang zugestanden, der den der anderen Bände bei Weitem übertrifft. Damit das Werk nicht noch umfangreicher wird, musste der Autor allerdings auf einen Anmerkungsapparat verzichten, und selbst die Bibliografie wurde nicht ins Buch aufgenommen. Sie ist lediglich auf der Website des Verlages einzusehen, was für ein Haus wie C. H. Beck doch ungewöhnlich ist.

Paulmann ist eine dankbare Aufgabe zugefallen, denn der von ihm zu bearbeitende Zeitraum war durch eine besondere weltpolitische Präsenz Europas geprägt: „Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte eine neue Phase der europäischen Expansion, die zur Dominanz über fast die gesamte Welt führte. Weltpolitisches Denken, territoriale Aneignung von Kolonien und informelle Durchdringung erlangten ein bis dahin unbekanntes Ausmaß und eine gesteigerte Intensität.“ Es war der Höhepunkt der imperialen Vorherrschaft der alten Welt über die neue, die Zeit des „Wettlaufs um Afrika“.

Von der Bedeutung der Meere

Das erste Kapitel des Buches ist der geopolitischen Erfassung des Kontinents gewidmet. Der Autor wählt zur Beantwortung dieser Frage den Blick auf die europäischen Meerengen, von der Kara-Straße bis zum Suezkanal und vom Ärmelkanal bis zu den Dardanellen, was eine gute Entscheidung ist. So entsteht gleich zu Beginn ein plastisches Bild dessen, was Europa damals ausmachte. Es folgt das Kapitel „Gesellschaft in Bewegung“, in dem es um die demografische Entwicklung, Migrationsbewegungen, die Entwicklung von Transport- und Kommunikationsnetzen geht, aber auch um das kapitalistische Wirtschaftssystem, die „Vergroßstädterung“ der Bevölkerung, die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Eroberung der Natur gehört zu den Signaturen der Epoche. Sie ist Teil der „Mobilisierung von natürlichen und gesellschaftlichen Ressourcen“. Die Erschließung fossiler Energieträger war eine entscheidende Zäsur in der Geschichte der Menschheit. Denjenigen, die darauf verweisen, die Europäer hätten doch heute nur einen bescheidenen Anteil am weltweiten Energieverbrauch, schreibt Paulmann ins Stammbuch: „Die Europäer waren Vorreiter und sie sind zusammen mit anderen bis heute maßgebliche Verursacher des Ressourcenverbrauchs und der industriekapitalistischen Transformation des gesellschaftlichen Umgangs mit der Natur.“ Interessant ist, dass der spätere Nobelpreisträger für Chemie, Svante Arrhenius, bereits 1896 eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen der Konzentration von Kohlendioxid und einem Anstieg der durchschnittlichen Temperatur vorlegte. Schon damals, als sich noch niemand vorstellen konnte, welche Ausmaße der Energieverbrauch einmal annehmen würde, war dieses Problem mithin bekannt.

Forschung und Kolonialismus

Die drei weiteren Kapitel des Buches sind der europäischen Kultur, der Organisation staatlicher Herrschaft sowie dem europäischen Staatensystem gewidmet. Im Kapitel über die Kultur, in dem es auch um Religion und Wissenschaft geht, um die intellektuellen Debatten der Zeit, die Welt des Theaters, die Entwicklung der Universitäten, die Prägung der Popularkultur durch den Imperialismus, fügt Paulmann exemplarisch einige biografische Skizzen ein, so von Leo Tolstoi, Giuseppe Verdi, Sara Bernhardt und Charles Darwin. Für die philosophische, die literarische und die wissenschaftliche Umwälzung der Perspektiven und daraus resultierend eine neue Auffassung von der Natur stehen beispielhaft Friedrich Nietzsche, Joseph Conrad, Sigmund Freud und Albert Einstein. Der imperialistisch erweiterte Forschungsraum prägte auch die Wissenschaft. Den Nobelpreisträger der Medizin, Robert Koch, führten seine jahrelangen Reisen zur Erforschung von Krankheiten wie Cholera und Malaria in zahlreiche Länder Afrikas und Asiens. Deren Bewohner fanden sich im Gegenzug in „Völkerschauen“ während der damals so beliebten Weltausstellungen in den Hauptstädten der Kolonialreiche wieder.

Auch die Formen europäischer Staatlichkeit waren in jener Zeit im Wandel. Der Prozess der Territorialisierung, der danach strebte, den staatlichen Verfügungsraum und den gesellschaftlichen Loyalitätsraum zur Deckung zu bringen, führte zur Gründung von Nationalstaaten, wie in Deutschland und Italien, und zur Ausbildung einer leistungsfähigen Verwaltung, des Parlamentarismus und der Parteien als Organisationsformen der Gesellschaft, einer „Massenpolitik“ mit freier Presse für eine „Massenöffentlichkeit“. Die Monarchie blieb, mit Ausnahme von Frankreich und Portugal, erhalten. Es entwickelte sich ein monarchistischer Konstitutionalismus, der unterschiedliche Ausprägungen annehmen konnte. Es gab Völker ohne Staatlichkeit, wie die Polen, Länder mit und ohne Konstitution und auch solche, die nach der revolutionären Periode um 1848 ihre Verfassung wieder einbüßten.

Der Rassismus entsteht

All dies bringt Paulmann in eine klare und übersichtliche Form. Dabei ist der Leser im Vorteil, wenn ihm die politische Geschichte der europäischen Staaten vertraut ist, denn sie wird mehr oder weniger als bekannt vorausgesetzt. Das gilt auch, wenn der Autor sich mit der Ausbildung von Verwaltung, Finanzen und Staatsgewalt beschäftigt, für die er ebenfalls eine Typologie entwickelt.

Die Territorialisierung des Staates machte aus Untertanen Staatsbürger, die Angehörige eines Staatsvolkes waren. Dies blieb nicht ohne Folgen: „In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ‚Rasse‘ zu einem Begriff, der zur Basis diskriminierender sozialer und politischer Ordnungen, insbesondere in den Kolonien, wurde. Zudem gewann er an Bedeutung für die gesellschaftliche Selbstbeschreibung Europas, blieb jedoch aufgrund eines als selbstverständlich begriffenen Weißseins oft ‚unsichtbar‘.“ Es entstand eine mindestens latent rassistische Vorstellung von Ethnizität, die die Basis für zahllose Konflikte in den folgenden Jahrzehnten schuf.

Aufrüstung ohne Zügelung

Im letzten Kapitel, „Frieden und Krieg“, geht es um das europäische Staatensystem im Zeitalter des Imperialismus, um die Erfindung der „Realpolitik“, zwischenstaatliche Politik im Spannungsfeld von Öffentlichkeit und Diplomatie, um die Bündnissysteme, die sich um den deutsch-österreichischen Zweibund einerseits und die französisch-russische Achse andererseits gruppierten. Diese „fragile Blockbildung“ ging mit einer massiven Aufrüstung einher. Leider wuchsen nicht in gleichem Maße die Instrumente und Fähigkeiten für ein europäisches Krisenmanagement.

Das zeigte sich insbesondere in Südosteuropa, wo das Habsburger-Reich durch die Annexion von Bosnien-Herzegowina erheblich zur Destabilisierung der Region beitrug. Wenige Jahre später begann ein Weltkrieg, den keiner gewollt hatte, den zu verhindern aber auch kaum jemand ernsthafte Anstrengungen unternahm. Paulmann schreibt mit dankenswerter Deutlichkeit: „Der Weltkrieg war daher 1914 zugleich vermeidbar und wahrscheinlich. Die Mächte schlitterten nicht in den Krieg, sie wandelten auch nicht im Schlaf in ihn hinein.“ Die europäischen Regierungen handelten vielmehr bewusst fahrlässig: „Tatsächlich waren die systemischen Bedingungen so, dass die Regierungen nur einen kleinen Schritt von der Katastrophe entfernt waren.“

Konzert der Großmächte

Mit dieser Feststellung endet der Hauptteil des Buches. Es folgt ein resümierender Rückblick auf das europäische Selbstverständnis, das sich in der behandelten Epoche herausgebildet hatte und das auf einem System europäischer Großmächte, international institutionalisierten Verknüpfungen und imperialer Expansion beruhte. Dies in einem souveränen Überblick dargestellt zu haben, ist das Verdienst des Autors.
Johannes Paulmann: Globale Vorherrschaft und Fortschrittsglaube. Europa 1850–1914. Verlag C. H. Beck, München 2019. 486 S., 19,95 €.