Mitbegründer der deutschen Sozialwissenschaft : Zweifel am eigenen Ruhm

In seinen Briefen zeigt sich der Soziologe Werner Sombart als eine durchaus zerrissene Persönlichkeit.

Der Büchermensch.:Werner Sombart im Jahr 1928.
Der Büchermensch.:Werner Sombart im Jahr 1928.Foto: ullstein bild via Getty Images

Wenn man vor dem Ersten Weltkrieg nach dem bedeutendsten deutschen Soziologen des Kapitalismus und seiner Gesellschaft gefragt hätte, wäre zweifellos Werner Sombart genannt worden – und nicht der aus heutiger Sicht so ungleich bedeutendere Max Weber. Sombart war der weitaus Bekanntere. Doch die Laufbahn beider Wissenschaftler weist manche Parallelen auf. Beide fanden denn auch in der Herausgeberschaft der 1904 neu begründeten Zeitschrift „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ zusammen. Umso betrüblicher, dass in der Auswahl „Werner Sombart. Briefe eines Intellektuellen“ der Name Max Webers zwar des Öfteren auftaucht – nächst Weber werden unter den Wissenschaftlern nur Schmoller, Tönnies und der Parteienforscher Robert Michels häufig genannt –, aber kein einziger Brief an den fast gleichaltrigen Kollegen – wie umgekehrt kaum Briefe Webers an Sombart überliefert sind.

Rezensiert von Veblen bis Johnson

Immerhin anerkennt Sombart 1904, dass Weber ihn gegenüber der Kritik an seinen Schriften mit deutlichen Worten verteidigt. Im selben Brief an den Schweizer Freund Otto Lang lässt sich Sombart ausführlich über seine Buchpublikationen aus, die ihn damals – im Vergleich zu Weber – tatsächlich zu einem international wahrgenommenen Autor machten. Besprochen wurde sein „Kapitalismus“-Buch, worauf die Herausgeber hinweisen, unter anderem von so bedeutenden Kollegen wie Thorstein Veblen und Alvin S. Johnson (bei dem der Hinweis fehlt, dass es sich um den späteren Mitbegründer und Direktor der New School of Social Research handelt).

Von seiner Amerika-Reise 1904 ist nur der Text einer in New York aufgegebenen Postkarte in die Auswahl aufgenommen. Sombart grüßt „aus dieser grauenhaften Kulturhölle! Das Schreckhafte spottet jeder Beschreibung“. Aber wir erfahren nicht, was Sombart so erschreckt haben mag. Zur selben Zeit war Max Weber in Amerika, aus Anlass des großen Gelehrtenkongresses in Saint Louis, den Weber zu einer ausgedehnten USA-Reise nutzte. Vergleicht man, welch umfängliche Briefberichte Weber von unterwegs sandte, springt Sombarts Unwillen ins Auge, die Eigenart der „Neuen Welt“ zu erkennen, die doch dem Kollegen Weber so reiches Anschauungsmaterial für dessen bald darauf publizierten „Protestantismus“-Aufsatz von 1904/05 lieferte.

Der Antisemitismus wächst

Wird heutzutage der Name Sombart genannt, so unweigerlich mit Abscheu vor dessen Hinwendung zum Nationalsozialismus. Sombart ist intellektuell nicht satisfaktionsfähig; was allein schon deshalb zu bedauern ist, weil mit seinem Hauptwerk „Der moderne Kapitalismus“ von 1902 – um einen dritten Band ergänzt 1927 – die gewichtigste Darstellung des Kapitalismus ihrer Zeit vorliegt.

Sombart galt in jüngeren Jahren als Sozialist, was schon 1897 seine Berufung nach Freiburg vereitelte – ausgerechnet als Nachfolger des nach Heidelberg wechselnden Weber. Im Ausland wurde er als zeitgenössischer Interpret des Marxismus geschätzt. Mit seiner Untersuchung „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ von 1911 folgt er dem damaligen Interesse am Zusammenhang von Religion und Wirtschaftsführung, wie ihn Max Weber und Ernst Troeltsch untersuchten. Doch nahm er zunehmend nationalistische und antisemitische Positionen ein.

Das steigerte sich sukzessive. So schrieb er im August 1920 an den Verlag J. C. B. Mohr: „Das ,Archiv‘ ist jetzt eine Sammelstätte jüdisch-pazifistischer Sozialdemokraten geworden, unter denen andere Mitarbeiter völlig verschwinden. (...) Sie können es einem deutsch empfindenden Menschen nicht verdenken, wenn er von der Gemeinschaft mit diesen Leuten so bald wie möglich loszukommen trachtet ...“ Gemeint ist Emil Lederer, seit 1918 „Schriftleiter“ der Zeitschrift; noch dazu übernahm Lederer 1931 Sombarts Berliner Lehrstuhl, musste als Jude aber zwei Jahre später emigrieren und lehrte fortan an der erwähnten New School of Social Research.

Im Zenit des Interesses

Sombart sei „sicherlich der bekannteste deutschsprachige Sozialwissenschaftler im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts“, schreibt Mitherausgeber Friedrich Lenger in seiner dichten, zum Verständnis der Briefe unabdingbaren Einleitung: „Institutionell war Sombart nie einflussreicher als in der Weimarer Republik. Auch sein Ansehen erreichte nach Ausweis mehrerer Ehrendoktorwürden und des immensen studentischen Interesses an seinen Vorlesungen neue Höhen.“ Die wissenschaftliche Produktion dieser Zeit allerdings sei „zu großen Teilen dem Vergessen anheimgefallen“.

Merkwürdig nur, dass Sombart sich mitnichten im späten Glanze sonnte. „Ich bin ein Mensch, der seinen Ruhm überlebt hat“, klagte Sombart 1925 gegenüber Ferdinand Tönnies zu dessen 70. Geburtstag; erstaunlich angesichts des Umstandes, dass Sombarts viel gelesenes Hauptwerk gerade erst in einer weiteren Neuauflage erschienen war.

Nicht glücklich mit dem NS-Regime

Aber auch die wenigen hier abgedruckten Briefe aus der Nazizeit, da sich Sombart als Theoretiker eines „deutschen Sozialismus“ – so sein Buchtitel von 1934 – hervortat, sprechen nicht von später Zufriedenheit. Im Herbst 1933 betont er, „zahlreiche Ideen seit Langem vertreten zu haben, die die heutige Politik bewegen. Ich kann mich berufen auf mein grundlegendes Buch über die Juden (1911), auf meine Kriegsschrift ,Händler und Helden‘ (1915) ...“ Das nützte ihm jedoch nichts: „Auch ich bin ,versunken und vergessen‘. Man will keine geistigen Väter haben.“ Diese Einsicht hinderte Sombart nicht daran, tatkräftig an der „Gleichschaltung“ der wissenschaftlichen Vereinigungen mitzuwirken, deren Mitglied er war.

Enorme editorische Leistung

Die Briefe wurden aus den diversen Nachlässen der Empfänger zusammengetragen – eine ungeheure Arbeit! –, sodann mit nicht weniger als 2743 Anmerkungen versehen, von denen manche überflüssig sind, die meisten aber doch sinnvoll und in ihrer knappen Präzision wohltuend.

Kleine Ungenauigkeiten ließen sich bei dem üppigen Apparat wohl nicht vermeiden. Wenn Sombart 1905 in einem Brief von sich als bereits „verstorben“ spricht und den Adressaten bittet, ein „stilles Glas guten Weines“ zu „weihen“, dann sind als Empfänger solcher Weihe mit dem anschließenden, „schwer lesbaren“ Wort wohl kaum „Mannen“ gemeint – welche auch! –, sondern gewiss die einem Gebildeten der damaligen Zeit geläufigen „Manen“, die römischen Geister der Verstorbenen.

Mit der Briefedition jedenfalls wird der Geist eines – bei aller Distanz – bedeutenden Verstorbenen wieder lebendig.

Thomas Kroll, Friedrich Lenger, Michael Schellenberger (Hrsg.): Werner Sombart. Briefe eines Intellektuellen 1886–1937. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2019. 580 S., 5 Abb., 99,90 €.