Literaturverfilmung „Nationalstraße“ : Der Haudrauf von Prag

Stepán Altrichter verfilmt mit „Nationalstraße“ einen tschechischen Bestseller. Ihm gelingt ein humorvolles und tragisches Psychogramm eines Staatsverweigerers.

Glücksmoment. Kneipenchefin Lucka (Katerina Janecková) und ihr Verehrer Vandam (Hynek Cermák).
Glücksmoment. Kneipenchefin Lucka (Katerina Janecková) und ihr Verehrer Vandam (Hynek Cermák).Foto: Jan Hromadko

Dicke Eier, leere Birne, verkümmerter Gefühlshaushalt – das ist gemeinhin das, was die aufgeklärte Gesellschaft über Glatzen denkt. Doch ganz so einfach machen es nicht alle Frustrierten und Abgehängten den bessergestellten Bürgern. „Nationalstraße“, der von Stepán Altrichter verfilmte Buch- und Theatererfolg des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Rudiš, beharrt auf Ambivalenzen, auf Einfühlung in den dadurch gleich sympathischer wirkenden Unsympathen.

Ja, das in einer Plattenbausiedlung des Prager Nordens spielende Drama versprüht neben Wut und Tragik sogar Komik. Obwohl Vandam (Hynek Cermák) ein Schläger ist, der Fremde vorzugsweise mit Kinnhaken begrüßt, sich aber weder als rote Socke noch als Neonazi versteht.

„Guten Morgen, ihr Arschlöcher“, brüllt der Vorstadt-Sheriff morgens vom Balkon. Die von Frühdunst umwaberten Blocks sind sein und nur sein Revier. Vandam schafft 200 Liegestütz. Genau wie sein Idol, Actionheld Jean-Claude Van Damme. Vandams Job ist weniger glamourös. Zusammen mit Kumpel Psycho (Jan Cina) jobbt er als Anstreicher auf dem Bau. Wie Psycho zu koksen fiele Vandam nicht ein. So was liegt hinter ihm.

Auch Psychos vulgäres Gelaber über Frauen geht ihm gegen die Ehre. Das gehöre sich nicht. „Ich hab’ nichts gegen Russen, Polacken oder Fidschis“, teilt er im literarisch raschelnden Eingangsmonolog mit und setzt nach: „Solange sie keinen Stress machen. Die Menschen sollen anständig miteinander umgehen.“

Und nicht etwa seine Flamme Lucka (Katerina Janecková) angraben, die die Kneipe führt, in der Vandam zum Mobiliar gehört.

Als ein Immobilienentwickler die verschuldete Lucka zum Verkaufen drängt, weil die Kneipe den städtischen Gentrifizierungsplänen im Wege steht, zieht Vandam in die Schlacht. Getreu dem verqueren Lebensmotto, das er in seiner picobello aufgeräumten und mit historischen Schlachtplänen dekorierten Wohnung pflegt: „Frieden ist nur die Pause zwischen zwei Kriegen.“ Und Feinde lauern für den Verlierer der „samtenen Revolution“, der als Polizist geschasst wurde, überall.

[In den Berliner Kinos Krokodil und Acud. Am 8.7., 19.30 Uhr, wird im UCI Luxe am Mercedes Platz die coronabedingt ausgefallene Berlin-Premiere mit dem Regisseur nachgeholt.]

In sepiafarbenen Rückblenden lässt Stepán Altrichter Vandams inniges Verhältnis zum Vater aufscheinen und konterkariert Papas Machismo mit ironischen Brechungen. Etwa, wenn Vandam Vaters bevorzugtes Vokabular zitiert, das aus „Knödel“, „Sauerkraut“ und „Schweinsbraten“ besteht. Und aus der Lebensweisheit „Lass’ dir nie auf den Kopf scheißen“.

Auf wortreiche Selbstreflektionen wartet man in diesem Milieu der Schweiger und Sprücheklopfer vergeblich. Das Psychogramm der in Tschechien wie in Deutschland und überall auf der Welt Zulauf gewinnenden Spezies der Staatsverweigerer entsteht in „Nationalstraße“ durch Taten. Durch aggressive Abwehr von Veränderungen.

Und ein trotziges Beharren auf den angestammten Platz. Vandam verharrt aus familiärer Anhänglichkeit in der ollen Platte. Der erfolgreiche Bruder dagegen ist gegangen. Er lebt längst in einer Villa auf der besseren Seite der Stadt. Selbst in Vandams Familie gibt es ihn also – den verhassten Kapitalismusgewinner.

So klar wie Vandams Feindbilder fällt seine Leerstellen aufweisende Charakterzeichnung eben nicht aus. Das nach und nach entschlüsselte Kindheitstrauma des Vaterverlusts birgt schon zu viele Gewissheiten.

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Am besten ist „Nationalstraße“, wenn der Ton des Films umschwenkt. Etwa, als Vandam in einem Anfall von Eifersucht unversehens zum Arschloch mutiert und das sich anbahnende Glück mit Lucka zerstört. Das überzeugt. Nicht, weil man einen Haudrauf mit Herz nicht mögen will. Sondern weil ein Krieger keinen Frieden kennt.

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