Magere Ergebnisse, viel Veränderung : Was bleibt von der Gurlitt-Affäre?

Das Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste zieht einen Schlussstrich unter die Affäre Gurlitt. Trotz magerer Ergebnis hat der Fall einiges ins Rollen gebracht.

Die Ausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt" im Gropius Bau, 2018.
Die Ausstellung "Bestandsaufnahme Gurlitt" im Gropius Bau, 2018.Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Eigentlich war das Forschungsprojekt zur Sammlung des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt schon vor drei Jahren abgeschlossen. Damals setzten die großen Ausstellungen in Bonn, Berlin und Bern mit dem bezeichnenden Titel „Bestandsaufnahme“ den Schlusspunkt.

Vier Jahre lang hatten die Provenienzforscher akribisch herauszufinden versucht, welche Werke der rund 1500 Arbeiten umfassenden Kollektion des einstigen Museumsmannes und Kunstvereinsleiters NS-Raubkunst waren und welche er als späterer Chefeinkäufer für das „Führermuseum“ in Linz legal erworben hatte.

Die Umstände, unter denen die Werke Jahrzehnte später aufgetaucht waren, sorgten für einen internationalen Skandal. 2013 sah sich die Bundesregierung unvermutet in die Verantwortung gezogen, auch wenn es sich um eine private Sammlung handelte.

Doch weder war die Gurlitt-Kollektion milliardenschwer, wie es anfangs hieß, noch bedachtsam kuratiert – eher eine Ansammlung von vornehmlich Grafik der klassischen Moderne und Malerei des 19. Jahrhunderts.

Einen Nazi-Kunstschatz stellte sie erst recht nicht dar. Insgesamt konnten nur 14 Werke von Liebermann, Matisse oder Menzel an die Nachfahren jüdischer Besitzer restituiert werden, 445 wurden als „unbedenklich“ eingeordnet, für 1000 Werke lässt sich die Herkunft weiterhin nicht eindeutig klären. Dieses klägliche Ergebnis angesichts der in die Recherche investierten Steuergelder galt bald ebenfalls als Skandal.

Klare Trennung in Täter und Opfer gibt es nicht

Doch die Haltung hat sich längst geändert. Davon zeugt auch der nun vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste herausgebrachte Sammelband „Kunstfund Gurlitt. Wege der Forschung“ (hrsg. von Andrea Baresel-Brand, Nadine Bahrmann und Gilbert Lupfer, Bd. 2 der Schriftenreihe „Provenire“, Verlag Walter de Gruyter, 2020, 188 S., 39,95 €), der so etwas wie der endgültige Schlussstrich unter der Affäre sein dürfte.

Auf Hinweise für die ungeklärten Fälle wird trotzdem weiterhin gehofft. Natürlich kann das magere Ergebnis – zwei Drittel der Werke stehen nach wie vor unter Verdacht – nicht beglücken, doch die Einschätzung hat sich gewandelt.

Verfolgungsbedingter Entzug, Verkäufe unter Druck sind häufig nur schwer zu belegen, zumal wenn die involvierten Händler ihre Spuren geschickt zu verschleiern suchten. Gurlitt war darin meisterlich.

Das Kunstmuseum Bern, dem Cornelius Gurlitt die väterliche Sammlung 2014 vermachte, bleibt den obskuren Wegen des Händlers durch eine eigene Provenienzforschung weiter auf der Spur. Eins aber hat der spektakuläre Fall sehr früh gelehrt: Die klare Trennung in Täter und Opfer gibt es nicht.

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Durch die Ariergesetze als „Vierteljude“ kategorisiert, fühlte sich Gurlitt durch die Nationalsozialisten bedroht und suchte geschäftstüchtig im Pakt mit ihnen sein Heil. Seine spätere Selbststilisierung als mutiger Retter „entarteter“ Kunst stimmte kaum mit der Raffgier überein, die er als bestallter Kunsteinkäufer des Regimes im besetzten Paris an den Tag legen sollte.

400 Werke ließ er offiziell nach Deutschland bringen, die Dunkelziffer wird auf das Dreifache geschätzt. 350 davon zweigte er für sich persönlich ab. Erst mit der Entdeckung in der Schwabinger Wohnung des Sohnes traten sie wieder zutage.

Der Fall hat Gutes bewirkt

Die so gut wie bruchlose Fortsetzung seiner Karriere nach 1945 als Kunstvereinsdirektor in Düsseldorf warf wiederum ein Schlaglicht auf die Verdrängungsmechanismen der jungen Bundesrepublik. Nachdem Gurlitt seine Sammlung vom Collecting Point der US-Army in München zurückerhalten hatte, holte er sich die in Paris beim Kunsthändler Raphael Gérard eingelagerten Reste Stück für Stück nach Deutschland nach.

Nach seinem Unfalltod 1956 setzten seine Kinder Cornelius und Benita die Schmuggelpraxis fort. Die von ihnen diskret angebotenen Stücke nahm der Kunsthandel gerne an. Unrechtsbewusstsein bestand offensichtlich auf keiner Seite.

Galt der Fall Gurlitt zunächst als Katastrophe, so hat er doch sein Gutes bewirkt. Provenienzforschung gehört heute zur Etikette jedes Museums. Das in Magdeburg eingerichtete Deutsche Zentrum für Kulturgutverluste gäbe es so vermutlich nicht.

Die vom Bund für die Forschung bereitgestellten Gelder in Millionenhöhe verraten nicht nur das schlechte Gewissen, sondern einen anderen Anspruch an die öffentlichen Häuser.

Auch der Kunsthandel muss sich heute ganz anders kontrollieren lassen, will er als seriös gelten. Einlieferungen mit dem mageren Herkunftshinweis „süddeutsche Privatsammlung“ wecken inzwischen weniger Begehrlichkeiten bei Käufern als einen bösen Verdacht. Lange genug hat es gedauert.

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