Marlene Streeruwitz wird 70. : Die Wahrnehmungsautorin

Von "Verführungen" bis zum Covid-19-Roman "So ist die Welt geworden": Zum 70. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz.

Die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, 70
Die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, 70Foto: dpa

Im März dieses Jahres hatte eigentlich auch Marlene Streeruwitz zur Leipziger Buchmesse fahren wollen. Nicht nur um ihr jüngstes, im Sommer 2019 veröffentlichtes Buch „Flammenwand“ noch einmal vorzustellen, einen Roman über den Untergang des österreichischen ÖVP-FPÖ-Regierungsbündnisses.

Sondern insbesondere, um eine Auszeichnung entgegenzunehmen: den Preis der Literaturhäuser 2020. Stattdessen musste Streeruwitz sich wegen der Corona-Krise und des Lockdowns größtenteils in ihrer Wohnung aufhalten, wie so viele in jener Zeit, in ihrem Fall in Wien.

Der „Standard“ hatte sie dann gefragt, ob sie nicht ein Corona-Tagebuch schreiben wolle, woraus Streeruwitz gleich einen Covid19-Roman gemacht hat, einen Fortsetzungsroman mit dem Titel „So ist die Welt geworden“.

Hauptfigur und Erzählerin ist die Schriftstellerin Betty Andover, die man natürlich keinesfalls mit Streeruwitz verwechseln darf. Bloß nicht!

Aber Betty weist doch einige Ähnlichkeiten mit ihr auf und fährt beispielsweise am 6. April zum Gärtner, um sich ein Rosenbäumchen zu kaufen: „Das Rosenbäumchen sollte der Trost für die entgangene Leipziger Buchmesse sein. Der Trost für die entgangene Preisverleihung und all die Treffen und Bekanntschaften, die so etwas mit sich brachte. Das Rundherum und Gedrängel eines solchen Auftritts.“

Streeruwitz kritisiert die österreichische Polizei

Der Covid19-Roman ist ein typischer Streeruwitz-Roman voller Wut und Aufbegehren. Beispielsweise gegen die Corona-Maßnahmen der Kurz-Regierung: „Wie konnte dieser Kanzler so fürsorglich für die Risikogruppe an alle appellieren und zur gleichen Zeit den Flüchtenden in Griechenland die Frontex an den Hals schicken?“

Oder gegen die Polizei: „Eine einseitige Macht war das. Es gab keine Sicherheit gegen diese Macht“. Mal ist dieser bislang in drei Lieferungen auf Streeruwitz Website vorliegende Roman radikal, mal ein bisschen böse, mal voller Nichtigkeiten, beispielsweise wenn sich Betty mit ihren neuen, von ihr „gebauten“, also imaginären Mitbewohnerinnen Fiorentina und Irma unterhält.

Dann ist „So ist die Welt geworden“ aber auch wieder einsichtig in Bezug auf den Lockdown, dominiert von einer schön schlingernden Syntax, von Sätzen, die mal kurz und abgehackt sind, mal melodiös lang.

Streeruwitz lässt Betty Andover aber häufig auch an Stationen ihrer eigenen Karriere erinnern. Zum Beispiel wenn sie auf eine Anfrage des Burgtheaters erstmal skeptisch reagiert:

Mit dem Theater hatte Streeruwitz’ Karriere fulminant begonnen. Sie war in den achtziger- und neunziger Jahren eine der meistgespielten Autorinnen im deutschen Sprachraum, hatte dem Theater aber wegen dessen „Ausbeutungspraktiken“ den Rücken gekehrt. „Bettys Monolog“ wird nun am Burgtheater aber aufgeführt.

Reich-Ranicki hatte ihren Debütroman 1996 verrissen

Oder dann ist da der Tag nach Pfingsten, der 2. Juni, an dem Marcel Reich-Ranickis 100. Geburtstag in den Feuilletons gefeiert wurde. Reich-Ranicki hatte 1996 Streeruwitz’ Debütroman „Verführungen“ über eine frisch geschiedene Frau mit zwei Kindern im Literarischen Quartett verrissen. Nun bestätigt Fiorentina ihrer schreibenden Erfinderin: „Das war eine Vernichtung. Damals.“ Und:„Es ist schön, wenn sich der Frauenhass im Gesicht anschauen lässt“.

Auch auf Nelia Fehn spielt Streeruwitz in dem Covid19-Roman an. Fehn ist die Hauptfigur aus Streeruwitz’ 2014 veröffentlichten Roman „Nachkommen.“; eine Schriftstellerin, die auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht, diesen aber nicht bekommt; im übrigen mit einem Roman, den Steeruwitz auch noch geschrieben hat, „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“. Soviel Meta- und Autofiktion muss schon sein, auch das gehört zur Poetologie dieser 1950 in Baden geborenen Schriftstellerin.

Streeruwitz verarbeitete in „Nachkommen.“ unter anderem die Erfahrungen, die sie zuvor selbst gemacht hatte: 2011 war sie mit dem globalisierungskritischen Trainingscamp-Opus „Die Schmerzmacherin“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet.

Nun heißt es über ihre literarische Figur: „Betty hatte die Fehn gut gekannt. Im steten Nachdenken über das Sterben während der Quarantäne war ihr der rätselhafte Tod dieser Kollegin immer wieder eingefallen.Wie lang der Corona-Roman wird, hat Streeruwitz noch nicht verkündet, vorbei ist die Pandemie ja nicht. Zunächst einmal feiert die „Wahrnehmungsautorin“, wie Marlene Streeruwitz sich selbst bezeichnet, am Sonntag in Wien ihren 70. Geburtstag.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!