Martensteins Berlinale (6) : Von Behinderten- und Lesbenwitzen

Wie haben Querschnittsgelähmte Sex? Unser Kolumnist macht sich Gedanken über unkorrekte Witze in dem Berlinale-Film von Gus van Sant. Eine Glosse.

Grobe Gags: Joaquin Phoenix, Gus Van Sant und Udo Kier auf der Berlinale.
Grobe Gags: Joaquin Phoenix, Gus Van Sant und Udo Kier auf der Berlinale.Foto: AFP

Der Cartoonist John Callahan saß nach einem Unfall im Rollstuhl und konnte nur die Arme ein bisschen bewegen. Er zeichnete besonders gern Behindertenwitze. Daher der komplizierte Titel des Films, den Gus Van Sant über Callahan gemacht hat: „Keine Sorge, zu Fuß kommt er nicht weit“. Man muss sich dazu das Bild eines umgestürzten Rollstuhls in der Wüste vorstellen, und zwei Sheriffs.

Ich muss ein paar Cartoons erzählen, keine Ahnung, ob das geht. Jesus am Kreuz. Auf dem Schild über seinem Kopf steht nicht die Abkürzung „INRI“ für „König der Juden“, sondern „TGIF“. Das heißt: „Thank God it’s Friday“. Ein anderer Cartoon zeigt einen Bettler am Straßenrand. Auf seinem Schild steht: „Bitte helfen Sie mir. Ich bin blind und schwarz, aber kein Musiker.“ Der Cartoon mit dem Baustellenschild „Achtung! Diese Baustelle wird von Lesben bewacht!“ ist Callahan selbst ein bisschen unheimlich, er stellt das in seiner Kneipe zur Diskussion. Bei der Pressevorführung war das einer der größten Lacher.

Bei Gus Van Sant habe ich auch gelernt, nicht als Cartoon, sondern echt, wie Querschnittsgelähmte Sex haben. Der Jugendschutz steht einer detaillierten Schilderung leider entgegen. Es hat was mit auf dem Kopf sitzen zu tun.

Humor ist meistens respektlos

Die politisch korrekte Berlinale ist der letzte Ort der Erde, an dem ich einen Film über politisch unkorrekten Humor erwartet hätte. Aber er ist halt von Gus Van Sant, der schwul ist und jede Menge tolle Filme gemacht hat, darunter „Good Will Hunting“, „Drugstore Cowboy“ und „Milk“ über den ersten offen schwulen Politiker der USA. Milk wurde ermordet. Passt das zusammen, einerseits für die Rechte einer Minderheit zu kämpfen, andererseits solche Witze? Natürlich. Humor ist, bis zu einer gewissen Grenze, das Gegenteil von Hass, ein Friedensstifter. Wer das nicht begreift, dem ist leider nicht zu helfen. Humor ist natürlich meistens respektlos.

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Kürzlich hatte ich ein John-Callahan-Erlebnis. Ich hatte vom „Autismus der SPD“ geschrieben, es gab Proteste von Autisten. Leute, beruhigt euch, so was nennt man eine Metapher. Wenn jemand schreibt „dieser Vergleich hinkt“, dann will er damit nicht die Gehbehinderten kränken. Wer sagt „Donald Trump ist mit Blindheit geschlagen“, der reitet nicht eine Attacke gegen Ray Charles und Stevie Wonder. Wenn ihr das alles verbieten wollt, können wir uns bald nur noch in Zeichensprache verständigen – dann aber Vorsicht mit dem Mittelfinger!

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