Maryse Condé : Von der Lehrerin zur Literaturnobelpreisträgerin

Maryse Condé ist eine der großen Stimmen der französisch-afrikanischen Literatur. Mit „Das ungeschminkte Leben“ legt sie ihre Autobiografie vor.

Nicole Henneberg
Auf den Pfaden der Erinnerung. Maryse Condé.
Auf den Pfaden der Erinnerung. Maryse Condé.Foto: Jürgen F. von Wille

Hier spricht eine kluge und selbstbewusste Autorin, die sich an den „Bekenntnissen“ von Jean-Jacques Rousseau orientiert: „Ich will der Welt eine Frau in ihrer ganzen Naturwahrheit zeigen, und diese Frau werde ich sein.“

Doch am Anfang stehen Zweifel: „Warum endet der Versuch, von sich zu erzählen, jedes Mal in einem Gewirr von Unwahrheiten?“, lautet der zornige erste Satz ihres Erinnerungsbuches. Maryse Condé muss sich eingestehen, wie schönfärberisch sie ihre gescheiterte Ehe schon dargestellt hat. Jetzt will sie nur noch Ungeschöntes erzählen. Der Titel „Das ungeschminkte Leben“ trifft es genau.

Condé, 1937 in Guadeloupe als jüngstes von acht Kindern geboren, galt früh als hochbegabt, die Familie sagte ihr eine glänzende Zukunft voraus. Dass sie aber einmal Schriftstellerin werden würde – 2018 erhielt sie sogar den alternativen Literaturnobelpreis der schwedischen Initiative „Neue Akademie“ –, wurde ihr nicht in die Wiege gelegt.

Ihr erster Roman, „Heremakhonon“ erschien erst 1976 in Paris, da war sie 39 Jahre alt, hatte bereits vier Kinder und aufreibende Jahre in mehreren afrikanischen Ländern hinter sich. Die Macht der Worte spürte Condé allerdings schon im Alter von zehn Jahren, als sie ein Geburtstagsgedicht auf ihre angebetete Mutter schrieb und deren Wesen genau erfasste – die herrische Frau brach in Tränen aus.

Kindheit und Jugend streift Maryse Condé nur kurz. Doch die wesentlichen Dinge, ohne die man ihre spätere Radikalität nicht versteht, erwähnt sie: die französische Erziehung und die strikte Absonderung von der armen Bevölkerung Guadeloupes. Als Maryse mit 16 nach Paris kommt, um sich zur Aufnahme in eine Elitehochschule vorzubereiten, kennt sie weder Musik noch Sprache der Einheimischen. Ihre Eltern hatten sich aus der Armut herausgearbeitet, nannten sich stolz „Grands Nègres“ und waren das erste schwarze Paar, das in ihrer Heimatstadt ein Auto besaß.

Was sie in Afrika sucht, kann sie nicht erklären

Naiv und überheblich sei sie damals gewesen, schreibt Condé. Ihre kleinbürgerliche Erziehung habe sie auf die Gefahren der Freiheit nicht vorbereitet. Als sie schwanger wird, verlässt sie ihr haitianischer Freund, um in der Heimat gegen den Präsidentschaftskandidaten Duvalier zu kämpfen – diese Demütigung samt politischen Folgen prägt sie.

Welche Entschlossenheit daraus erwächst, verblüfft sogar die Beamten des Auswärtigen Amtes. Zum zweiten Mal schwanger und frisch verheiratet, geht Condé als Lehrerin allein nach Afrika und folgt damit ihrer Intuition. Denn was sie dort sucht, kann sie noch nicht erklären.

[Maryse Condé: Das ungeschminkte Leben Autobiografie. Aus dem Französischen von Beate Thill. Luchterhand Verlag, München 2020. 304 S., 22 €]

Afrika ist Mitte der fünfziger Jahre ein Kontinent im Aufbruch, hin- und hergerissen zwischen sozialistischen Bestrebungen und spätkolonialen Einflüssen, zwischen dem Machtstreben neu entstehender, europäisch orientierter Eliten und dem Beharrungsvermögen der oft analphabetischen Bevölkerung.

Entwurzelte Kinder und sexuelle Leidenschaften

Die junge Französischlehrerin gerät nicht nur sozial, sondern auch gefühlsmäßig zwischen alle Fronten, lernt bei ihren Aufenthalten in Guinea, Ghana und dem Senegal die wichtigsten politischen Führer kennen, darunter Hamilcar Cabral, in den sie sich verliebt.

Ihn aber interessiert vor allem ihre politische Bildung. Ihr Lesepensum ist enorm, neben dem Unterricht und der Sorge um die Kinder, die, stets von Neuem entwurzelt, psychisch auffällig werden. In diesen zehn Jahren, von denen ihr Erinnerungsbuch erzählt, wächst Condé zur Schriftstellerin heran. Offen erzählt sie von ihren sexuellen Leidenschaften, die alle verheerend enden, ihr aber auch die Augen für das Verhältnis zwischen Männern und Frauen öffnen.

Afrika, dieser taumelnde, versehrte und kraftvolle Kontinent wird für sie Inspiration und Stoff – am meisten beeindruckt sie die Würde der uralten Rituale, was ihre sozialistischen Freunde nicht verstehen. Voller Scham gesteht sie, dass sie von der Sklaverei fast nichts wusste.

Ihre Eltern, einst selbst Sklaven, sprachen nie darüber. Was bedeutet es, schwarz zu sein? Gibt es eine „richtige“ Art, das zu fühlen? Wer hat recht, die Vertreter der Négritude oder die Black Panthers, die sie in Ghana erlebt? Um diese Frage wird ihr Werk kreisen, das sie in London, nach dem Verlust aller Familiendokumente, zu schreiben beginnt.

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