Mauro Peter und Helmut Deutsch im Boulez Saal : Wo die Tannen rauschen

Tenor Mauro Peter singt im Pierre Boulez Saal Lieder von Schubert, Pianist Helmut Deutsch begleitet.

Odysseus mit Zahnputzlächeln. Tenor Mario Peter, 31.
Odysseus mit Zahnputzlächeln. Tenor Mario Peter, 31.Foto: Christian Felber

Einen Dur- in seinen gleichnamigen Moll-Akkord umzuwandeln ist ein Kniff, den Schubert gern angewendet hat. Simpel, kaum wahrnehmbar, nur ein Auflösungszeichen – und doch steckt ein ganzes Universum darin, der Schatten im Glück, die plötzliche Eintrübung, der Abgrund, der sich auftut, während das lyrische Ich noch tanzt. „Wehmut“ auf Verse von Matthäus von Collin bringt den Dualismus von Wonne und Leid unnachahmlich lakonisch auf den Nenner: „Es wird mir dann so wohl und weh.“ Im Pierre Boulez Saal formt Mauro Peter den Dur- und Mollakkord auf die Adverbien schön griffig aus; es ist das fünfte von 30 Schubert-Liedern, die er singt. Der 31-Jährige hat sich schnell auf Betriebstemperatur gebracht, nachdem sein Legato im Eröffnungslied „Wer kauft Liebesgötter“ (auf ein Libretto von Goethe zur Fortsetzung der „Zauberflöte“) noch bröckelt, er einzelne Vokale recht platzhirschig herausschreit.

Im Boulez Saal denkt man in Gesamtwerks-Kategorien. Sämtliche Lieder von Franz Schubert, rund 600, sollen über vier Jahre aufgeführt werden. Christian Gerhaher und Thomas Hampson waren schon da, jetzt also der junge Schweizer, begleitet von Helmut Deutsch am Klavier. Mauro Peter ist eine stattliche, odysseushafte Erscheinung mit einem Zahnputzlächeln, das Schwiegermütterherzen aufschließt. Auch das Timbre seines lyrischen Tenors (diesen Sommer singt er Tamino in Salzburg) ist warm, charmant, solide, bodenständig. Zunehmend wagt er auch mehr in der Gestaltung signifikanter Momente, etwa beim Sextsprung zum Es auf „Schmerz“ in der Goethe-Vertonung „An den Mond“. Trotzdem: wirklich aufregend ist das nicht, Peter versagt sich die großen Affekte, bleibt einförmig. Der Preis von Verlässlichkeit ist Vorhersagbarkeit. Woran die Liedauswahl nicht ganz unschuldig sein dürfte: Alle entstanden zwischen 1814 und 1816.

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Was nach einem langen Pianistenleben künstlerisch möglich ist, demonstriert Helmut Deutsch. Die Klavierstimme emanzipiert sich in Schuberts Liedern nicht nur, sie weiß auch oft mehr als die Singstimme. Deutsch ist empfindsam-zurückhaltender Begleiter, prescht aber auch charakterstark nach vorne, wenn es gefordert ist. Etwa in „Über Wildemann“, wo die Winde am Tannenhang sausen und das lyrische Ich durchs Gebirge irrt, als sei es Büchners Lenz. Mauro Peter wäre noch mehr Mut zur Zerrissenheit zu wünschen. Und auswendig singen darf er Schuberts Lieder künftig gerne auch.

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