Mirjam Pressler ist gestorben : Das Hebräische gehörte zu ihr

Chronistin beschädigter Kindheiten - und des jüdischen Leben in Deutschlands: Zum Tod der Kinder- und Jugendbuchautorin und Übersetzerin Mirjam Pressler.

Die am Mittwoch verstorbene deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin und Übersetzerin Mirjam Pressler
Die am Mittwoch verstorbene deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin und Übersetzerin Mirjam PresslerFoto: Jan Woitas/picture alliance / dpa

Die Koinzidenz ist ein bisschen unheimlich, so nahe liegt dieses Sterben beieinander. Knapp drei Wochen nach dem Tod des israelischen Schriftstellers Amos Oz ist nun seine deutsche Übersetzerin Mirjam Pressler im Alter von 78 Jahren in Landshut gestorben, nach langer, schwerer Krankheit, wie es heißt. Obwohl Pressler mehr als dreihundert Bücher aus dem Englischen, Niederländischen und Hebräischen übersetzt hat, darunter auch die von Zeruya Shalev, Aharon Appelfeld oder die Werkausgabe der Anne-Frank-Tagebücher, und obwohl sie 2015 für die Übertragung des letzten Oz-Romans „Judas“ den Preis der Leipziger Buchmesse und den Internationalen Literaturpreis des Berliner Haus der Kulturen der Welt verliehen bekam, ist sie hierzulande vor allem als Schriftstellerin bekannt geworden, als vielfach preisgekrönte Verfasserin von mehr als fünfzig Kinder- und Jugendbüchern. Der Name Pressler ist ein Synonym für nicht nur erfolgreiche, sondern gute und anspruchsvolle Kinder- und Jugendliteratur.

Eines ihrer erfolgreichsten Bücher: "Malka Mai"

1980 debütierte Pressler mit „Bitterschokolade“, dem Roman über eine dicke 15- jährige, die sich ungeliebt fühlt und ihren Kummer mit Essen zu bekämpfen versucht. In Folge befasste sie sich zumeist mit beschädigten Kindheiten, mit den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens nach erlittenen Traumata, schrieb sie Romane über Kinder, die mit Behinderungen aufwachsen und umgehen müssen oder in Kriegen von ihren Eltern getrennt werden. So erzählt sie zum Beispiel in einem ihrer bekanntesten Bücher, „Malka Mai“, die Geschichte der siebenjährigen Malka, die in den Kriegswirren von ihrer vor den Nazis flüchtenden Mutter zunächst allein zurückgelassen wird und unangeahnte Widerstandskräfte entwickelt.

Pressler wollte bei ihren jungen Lesern und Leserinnen das Verständnis für besondere und schwierige Lebensverhältnisse wecken – und dass es fast nie die Schuld der Kinder ist, damit konfrontiert zu werden. Was nicht zuletzt mit ihrer Biografie zu tun hatte: 1940 in Darmstadt als uneheliches Kind einer Mutter jüdischen Glaubens geboren, wuchs Mirjam Pressler bei Pflegeeltern auf, die ihr kurz nach dem Krieg sagten, sie sei „jüdisch“.

Sie übersetzte die Tagebücher von Anne Frank und Bücher von Amos Oz

Damit konnte sie als Kind und auch lange danach nur wenig anfangen, zumal sie nicht jüdisch erzogen worden war. So beschäftigte sie sich zwar einerseits mit ihrer jüdischen Herkunft, als sie Ende der Sechziger ein Jahr in einem Kibbuz verbrachte (kurz darauf heiratete sie einen Israeli und bekam mit diesem drei Kinder); andererseits weigerte sie sich lange, über jüdische Themen zu schreiben, dauerte es, bis sie Hebräisch nicht nur sprechen, sondern es auch übersetzen konnte.

In Interviews bekannte sie, erst mit der Arbeit an den Tagebüchern von Anne Frank ihre jüdische Identität in Gänze akzeptiert und die Beschäftigung mit der Shoah und dem jüdischen Leben in Deutschland zu ihrem Lebensthema gemacht zu haben. Anfang der Neunziger sorgte sie dafür, dass die von Franks Vater gestrichenen Textstellen in den Tagebüchern seiner Tochter wiederaufgenommen wurden; Passagen, in denen Frank über ihre Mutter schimpft, die sie nicht zuletzt als typisch Pubertierende zeigen. Pressler verfasste dann neben Jugendromanen wie „Golem stiller Bruder“ und „Shylocks Tochter“ auch eine Anne- Frank-Biografie und sagte bei den Feiern zu ihrem 75. Geburtstag, wie sehr sie das Hebräische liebe: „Diese Sprache gehört zu mir. Sie fasziniert mich.“ Ihr Vermächtnis ist nun ein Roman, an dem sie bis zuletzt schrieb und der im März erscheint: „Dunkles Gold“. Darin erzählt Mirjam Pressler unter anderem, wie schwer es wieder geworden ist, als Jude in Deutschland zu leben.

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