Musiker Nakhane im Porträt : Reiße alle meine Wunden auf

Der südafrikanische Musiker und Schauspieler Nakhane hat mit "You Will Not Die" ein feines Neo Soul-Album aufgenommen. Eine Begegnung vor seinem Berliner Konzert.

Nakhane, 30, Musiker, Schriftsteller und Schauspieler aus Südafrika.
Nakhane, 30, Musiker, Schriftsteller und Schauspieler aus Südafrika.Foto: BMG

Maria ist mitgekommen. Anmutig blickt die Mutter Gottes von einem schwarz-weißen Medaillon herab, das der Musiker, Schauspieler und Schriftsteller Nakhane an einer feinen Silberkette über seinem blauen Rollkragenpullover trägt. Ganz subtil mischt sie sich ein in das Gespräch mit dem 30-jährigen Südafrikaner, in dem es lange darum geht, wie er sich von der christlichen Religion gelöst und zu seiner Xhosa-Spiritualität gefunden hat.

Warum dann Maria auf seiner Brust? Nakhane lacht und sagt, dass er ja noch nicht mal katholisch war. Aber Maria sei für ihn einfach die „original bad bitch“, das erste miese Miststück sozusagen. „Sie dachte: Oje, ich bin schwanger, aber nicht verheiratet, sie werden mich steinigen. Wie kann ich das verhindern? O.k., ich sage einfach, das Kind ist von Gott.“

Dass er diese Chuzpe weiterhin bewundert, obwohl Maria so eng mit einer Religion verbunden ist, die dem offen schwul lebenden Künstler viel Leid gebracht hat, ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Denn Nakhane weiß eben auch um die schönen Seiten des Christentums, wovon sein kürzlich erschienenes zweites Album „You Will Not Die“ auf berührende Weise Zeugnis ablegt. So ist der elegante Electro-Sound seiner elf zwischen Neo Soul und House Pop oszillierenden Songs von Gospelelementen durchzogen und auch in den Texten nimmt Nakhane immer wieder Bezug auf seine religiös geprägte Jugend. In „Presbyteria“ etwa verdoppelt er seine Stimme zu seinem eigenen Background-Chor, Glockenschläge erinnern an die besungenen Kirchenbesuche und die Refrainzeile „Black and white never looked so good“ bezieht sich auf die Uniformen, die in seiner presbyterianischen Gemeinde getragen wurden.

Der Titel des Albums ist eine Bibel-Referenz, wie Nakhane in einem nüchternen Büroraum seines Labels erklärt. „You Will Not Die“ gehe zurück auf eine Stelle aus der salomonischen Spruchsammlung: „Do not withhold discipline from a child; if you punish them with the rod, they will not die“, heißt es da. („Erspar dem Kind die Züchtigung nicht; wenn du es mit dem Stock schlägst, wird es nicht sterben“). Lange habe er die abgewandelte letzte Zeile mit sich herumgetragen. „Eines Tages war ich dann in der Badewanne und musste daran denken. In selben Moment kam auch die Songidee zu mir. Ich sprang aus dem Wasser, zog schnell etwas über, rannte zum Klavier und schrieb den Song.“ Das von sparsamen Klavierakkorden und Synthiestreichern begleitete Lied ist das Schlüsselstück des Albums. Es beginnt tastend und läuft nach etwas mehr als eineinhalb Minuten auf die fast freistehende Zeile „You sent me away“ hinaus, wobei Nakhane das letzte Wort in einen Schmerzensschrei hinein dehnt. Ein erschütternder Moment.

Auf die Frage, wer ihn da weggeschickt hat, erklärt Nakhane: „Ich wurde von meiner Tante und ihrem Mann aufgezogen, meine biologischen Eltern waren nie da für mich.“ Er habe immer einen Song darüber schreiben wollen. Doch erst jetzt, nach vielen Stunden Therapie, war er dazu in der Lage – trotzdem brauchte er beim Komponieren eine halbe Flasche Wein. „Ich habe das erste Mal etwas betrunken geschrieben, aber es wäre zu herzzerreißend gewesen, das nüchtern zu tun. Näher bin ich nie an den Knochen gekommen, ich habe an ihm gekratzt.“

Das Filmteam von "The Wound" bekam Drohbriefe

Nakhane mag zart wirken, doch er scheut sich nicht, dahin zu gehen, wo es weh tut. So übernahm er die Hauptrolle in John Trengoves Film „The Wound“, der in diesem Jahr für den Auslandsoscar nominiert war. Das entfernt an „Brokeback Mountain“ erinnernde Drama erzählt von einem Männerpaar, das sich immer nur im Sommer sieht, wenn beide bei der rituellen Beschneidung junger Xhosa-Männer helfen. Nakhane spielt einen introvertierten Fabrikarbeiter, der ein geheimes Verhältnis mit einem viril auftretenden Familienvater hat.

Der Film hat in Südafrika für viel Wirbel gesorgt, Xhosa-Vertreter hätten ihn gern verboten, weil er angeblich zu viel über das Ritual verrät. Nakhane – selbst nach dem Brauch initiiert – sagt, dass bei allen Drohungen, die er und das Team bekommen haben, vor allem die Homofeindlichkeit herausgestochen habe. „Ich hatte erwartet, dass es einigen Gegenwind geben würde, aber nicht in diesem Ausmaß. Es war brutal, ich hatte Angst“, sagt er. In seiner Geburtsstadt Alice und in Port Elizabeth, wo er aufwuchs, könne er sich nicht mehr blicken lassen. „Sie würden mich umbringen.“ Er ist jetzt erst mal nach London gezogen.

Als er sich von den Baptisten abwendet, kann er offen schwul leben

Die Homofeindlichkeit seines Heimatlandes erfährt Nakhane, der in seinem 2015 veröffentlichten Debütroman „Piggy Boy’s Blues“ ebenfalls schwule Aspekte integriert hat, schon in seiner Jugend. Die Mitglieder seiner Baptisten-Gemeinde bringen ihn dazu, sein Begehren zu unterdrücken und bei Veranstaltungen aufzutreten, die ihn als lebenden Beweis dafür vorführen, dass man vom Schwulsein „geheilt“ werden kann. Das alles änderte sich als Nakhane 25 Jahre alt ist und die Firma seines Adoptivvaters bankrott geht. Plötzlich ist die Familie mittellos, der Musiker muss bei Freunden unterkommen. „Die Leute, mit denen ich zur Kirche ging, waren auf einmal verschwunden. Doch die Sünder waren für mich da, als es richtig heftig wurde.“ Die Sünder, das waren seine queeren Freunde und Freundinnen, vor denen die Christen ihn immer gewarnt hatten.

In dieser Zeit wandelt sich auch Nakhanes politische Einstellung. Er beginnt Black-conscious-Literatur zu lesen, Steve Biko, Frantz Fanon, südafrikanische Autoren. Und versteht das Christentum nun als politisches Werkzeug der Kolonisatoren. Auch James Baldwin verehrt der junge Mann sehr. Der Titel seines 2013 erschienenen Debütalbums „Brave Confusion“ bezieht sich auf einen Roman des amerikanischen Autors und Aktivisten. Damals trägt Nakhane, dessen bürgerlicher Name Mahlakahlaka lautet, noch den Nachnamen Touré – eine Hommage an den malischen Musiker Ali Farka Touré. Von dessen Gitarrenspiel ist das Songwriter-Pop-Album maßgeblich beeinflusst. Bei dem aktuellen Werk ist das fast nicht mehr zu hören. Gitarren spielen ohnehin nur noch eine untergeordnete Rolle. Multiinstrumentalist Nakhane, der als Kind Posaunenunterricht hatte, arbeitete diesmal vor allem mit Klavier und Laptop. Der Stil seines Debüts habe ihn schon kurz nach den Aufnahmen gelangweilt, sagt Nakhane. Außerdem hätten damals zu viele Leute reingeredet.

Sein großes Idol: Nina Simone

Diesmal hat er sich freigespielt. „You Will Not Die“ ist eine schillernde, moderne Platte, bei der man gelegentlich an Anohni und Benjamin Clementine denken muss, die aber auch Nakhanes Liebe zu Nina Simone verrät. Mit „Clairvoyant“ hat er sogar einen hitverdächtigen Track geschrieben. Wie er hier ins Falsett steigt, könnte selbst Jimmy Somerville neidisch machen. Und ähnlich wie der Brite in den Achtzigern ist Nakhane in seiner Heimat eine Ikone der queeren Jugend. In Videoclip zu dem Song sieht man ihn mit einem anderen Mann Zärtlichkeiten austauschen. Die Kommentare der Youtube-Nutzerinnen und Nutzer sind überwiegend begeistert. Satt virtueller Schläge werden ihm Küsse und Herzchen zugeworfen – Nakhane hat jedes einzelne verdient.

„You Will Not Die“ ist bei BMG/Warner erschienen. Konzert: Berghain Kantine, 21. Mai, 20 Uhr

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