Nachruf auf Gabi Delgado : Komm, tanz mit mir

Er sprach kaum Deutsch, schrieb aber unvergessene Texte. Zum Tod des DAF-Sängers Gabi Delagdo-Lopez, der die Popmusik in Deutschland revolutioniert hat

Ein Pionier des Pop ist tot. Gabi Delgado-Lopez, hier bei einem Konzert von DAF im Festsaal Kreuzberg, starb am späten Samstagabend.
Ein Pionier des Pop ist tot. Gabi Delgado-Lopez, hier bei einem Konzert von DAF im Festsaal Kreuzberg, starb am späten...Foto: imago images / Roland Owsnitzki

Hat irgendjemand je wirklich verstanden, was es heißt, den Mussolini zu tanzen? Oder den Adolf Hitler zu tanzen? Was es bedeuten könnte, in die Hände zu klatschen und den Kommunismus zu tanzen? „Beweg deinen Hintern / Und wackel mit den Hüften / Klatsch in die Hände / Und tanz den Jesus Christus“, forderte 1981 ein Typ mit nacktem, schwitzendem Oberkörper und Springerstiefeln über einen monotonen elektronischen Disco-Beat.

Dieser Typ war Gabi Delgado, die eine Hälfte von DAF, was für Deutsch-Amerikanische Freundschaft stand, einer aus der Ursuppe des deutschen Punk hervorgegangene Zwei-Mann-Formation, die mit „Mussolini“ einen der größten Hits der Neuen Deutschen Welle hatte und deren andere Hälfte Robert Görl war, Waisenkind aus München, der seine Eltern bei einem Unfall verloren hatte und auf alles einschlug, was Lärm machte. Er war richtig gut, Konservatoriumsschüler, Jazz-Drummer. In London kam er Ende der 70er Jahre mit den Sex Pistols in Berührung. „Die waren so selbstbewusst, wie ich mich auch fühlte“, sagte Görl später. Alles, was er jetzt noch brauchte, war einer, mit dem er „so richtig abziehen“ konnte.

Gegen die gute Pädagogik

Dieser eine war Gabi Delgado. Geboren 1958 in Cordoba, gelangte er als Kind von Gastarbeitern nach Deutschland. Richtig Deutsch lernte er nie in den Sozialbausiedlungen des Ruhrgebiets, die seine Heimat wurden. Er fand Gewalt besser als „dieses gewaltlose Irgendwo-Hinsetzen.“ Im Ratinger Hof in Düsseldorf, so berichten es Zeitgenossen in Jürgen Teipels Punk-Chronik „Verschwende deine Jugend“, fiel Delgado sofort auf, weil er perfekt durchgestylt war. Einer, der sich in Schwulenklubs herumgetrieben und die Männlichkeit dort als Befreiung erlebt hatte. Eine Zeit lang ließ er sich von älteren Männern aushalten, er wollte unbedingt dazugehören, und tat alles dafür, wie ein Punk auszusehen. Das fanden viele in der Szene erst nicht so lustig.

Aber Delgado war mittendrin. Bei Mittagspause, der für vieles so wichtigen Düsseldorfer Band, war Delgado vor allem Tänzer. Denn er kannte die Texte nicht, die Peter Hein sang.

Er begriff Punk früh als nihilistisches Programm. Endlich mal nicht die Welt verbessern. Stattdessen eins werden mit dem Feind des Humanismus: den Maschinen, dem Rhythmus. Er sagte Teipel später, dass er beseelt gewesen sei von einem „metafaschistischen Geist“, wie ihn die Futuristen geprägt hatten. „Uns haben alle totalitären Mechanismen interessiert… Die Inszenierung einer Führerschaft.“ Wenn die größten Verbrecher damit durchgekommen waren, die Menschen mit erlogenen Behauptungen hinter sich zu scharen, dann musste das doch auch ihnen möglich sein. Es war die Revolte der Nachkriegskinder gegen die gute Pädagogik, die den Faschismus unmöglich zu machen versuchte, dessen Dämonen aber am Leben erhielt.

Im Ratinger Hof trafen Gelgado und Görl aufeinander, „und im Rausch einer Nacht haben wir das ganze DAF-Konzept erschaffen“. Delgado holte noch weitere Musiker hinzu, agierte selbst als ein Meister des Eliminierens, wie er es selbst ausdrückt. Er vernichtete alles in seiner Musik, was ihn an schon mal Gehörtes erinnerte. Er war unerbittlich. So wurde „Mussolini“ von der dritten DAF-Platte „Alles ist gut“ 1981 einer der NDW-Hits, für die man sich nicht schämen brauchte. Er trug einen Gedanken weiter, der sich zuvor angebahnt hatte: dass der rohe Impuls eines Beats mehr wert ist als Musikalität. Und diese Idee sollte bis in die Techno-Ära fortwirken.

Revolutionärer Sound

Trotzdem gab es Ärger. Man warf ihnen Nazi-Verherrlichung vor. Die Namen Hiltlers und Mussolinis zu verwenden, war ein Tabubruch, den der damals dominante linke Kultur-Mainstream nicht verzieh. Auch wenn das Wort, das sich einprägte, „tanzen“ war. Unverträglich machte sie darüberhinaus ihre kompromisslose Haltung gegenüber Mitmenschen. In dem Song „Verschwende deine Jugend“ machten sie keinen Hehl daraus: „Schön und stark, nimm dir, was du willst.“

Delgados Talent waren Texte, in denen er Gefühle auf sprachliche Miniaturen verkürzte ("Sex unter Wasser ist nass"). Als er und Görl Anfang der 80er Jahre wieder zu dem Duo wurden, das sie eigentlich immer geblieben waren, wurde Produzent Conny Plank auf sie aufmerksam. Er gab ihrem kargen revolutionären Sound den Schliff, den es für die Massen braucht. Damit sie das Fehlen von Gitarrenriffs, Melodien, von Refrains und Glücksversprechen ertrugen.

In kurzer Folge entstanden zwei weitere Alben. Dann waren die Gemeinsamkeiten von Görl und Delgado aufgebraucht, sie trennten sich. Zwar kam es in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zu kurzlebigen Reunions und Tourneen, aber die bahnbrechende Energie des Einzweidreivier wollte sich nicht wieder einstellen.

Delgado nahm mehrere Solo-Alben auf, die aber kaum Resonanz fanden. Vor allem verdingte er sich als House-DJ, tanzen, tanzen, tanzen, ohne dass es der herrischen Pose bedurfte. Die alten Ideologien hatten sich erledigt. In der Nacht zu Sonntag ist Gabi Delgado, ein Pionier des Pop, im Alter von 61 Jahren in seiner spanischen Heimat verstorben. „Zerstören / Bitte denk an nichts“, sang er einmal, „Mach die Augen zu / Denn alles ist gut."

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