Nachruf Georg Nothelfer : Göttlich Gestisches

Zum Tod des Galeristen Georg Nothelfer.

Georg Nothelfer
Georg NothelferFoto: Paul Facchetti

Wer im West-Berlin vor dem Mauerfall Informel sagte, musste auch Georg Nothelfer sagen. Ein Macher, Grandseigneur und Galerist der alten Schule. Geradlinig im Programm und seinen Künstlern treu verbunden, die er bis zum seinem Tod am 3. Oktober begleitet hat.

Seine Favoriten waren Informel und Tachismus

1971 gründete Georg Nothelfer zusammen mit Jochen Fey die Galerie auf dem Kurfürstendamm, führte sie nach zwei Jahren allein weiter, schärfte die stilistische Ausrichtung und residierte ab 1978 dreißig Jahre lang in der Charlottenburger Uhlandstraße. Dabei standen die Zeichen in Berlin auf Figuration. Gestisch Abstraktes schien als Phänomen der Nachkriegszeit passé. Doch modische Trends und Zeitgeistiges geißelte der 1938 in der Nähe von Ulm Geborene, der im Jahr des Mauerbaus zum Studium nach Berlin übergesiedelt war, zeitlebens. So, als 1985/86 eine Überblicksschau zur deutschen Kunst im 20. Jahrhundert in der Londoner Royal Academy of Arts und der Staatsgalerie Stuttgart ohne Informel stattfand. Mit „Mut und Würde. L’art moral“ untermauerte er die Bedeutung dieser Kunstrichtung. Präsentierte Vorläufer und Geistesverwandte sowie „seine“ Künstler des Informel und Tachismus, der gestischen und skripturalen Malerei in mehreren Etappen und mit einer zum Standardwerk gewordenen Publikation.

Zur Documenta ein "Hotel Nothelfer"

Leidenschaft, Engagement und Mut zum Risiko waren seine hervorstechenden Eigenschaften. Ein charmanter Überzeugungstäter, der, wenn’s der Kunst diente, auch schon mal Wände einriss. Wie 1977 zur Documenta, wo er in einem leer stehenden Bürogebäude Ausstellungen mit Cy Twombly, Fred Thieler, Walter Stöhrer und Dieter Appelt präsentierte und die übrigen Räumen als „Hotel Nothelfer“ preiswert vermietete. Nicht minder gewagt die Anmietung von 700 Quadratmetern im Ku’Damm-Karree 1976. Den Auftakt hier machte „Amerikanische Kunst heute“ mit den Stars des abstrakten Expressionismus, der Minimal und der Pop Art und mit Künstlern wie Cy Twombly, Christo und Richard Serra. Ein ambitioniertes Unterfangen, ergänzt von Diskussionen und Konzerten. Kunst als bildungsbürgerliches Kulturpaket. Unterstützt wurde Nothelfer darin von Manfred de la Motte, der ihn bis zu seinem Tod 2005 als Berater und Freund begleitete und als Autor viele der rund 100 exquisiten, von der Galerie realisierten Künstlerbücher und Kataloge mitverantwortete.

Nothelfer setzte von Anbeginn an auf alle wichtigen europäischen Messen, engagierte sich im Zulassungsausschuss der Art Cologne, war lange im Vorstand des Bundesverbandes der Galerien und in dem von ihm mitinitiierten Landesverband, der ihn 2005 zum Ehrenpräsidenten ernannte. Krankheitsbedingt hatte er sich in den letzten Jahren aus dem Galeriegeschehen zurückgezogen. Seine langjährige Mitarbeiterin Irene Schumacher und ihre junge Kollegin Vera Ehe werden die Galerie an den Standorten in der Corneliusstraße und in der Grolmannstraße weiter führen.

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