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Es muss nicht gleich der Regenwald sein. Klatschmohn und Kornblumen auf einer Wiese im bayerischen Prichsenstadt.
© Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Plädoyer für eine neue Ökobalance: Nehmt eure Wurzeln in die Hand

Migration ist etwas ganz Natürliches: Der Biloge Stefano Mancuso verfasst eine Pflanzenrechtscharta.

Dass Pflanzen mehr sind als dekoratives Grün auf dem Balkon, dürfte sich spätestens mit den Wiederaufforstungsdebatten der letzten Jahre auch unter Städtern herumgesprochen haben. Pflanzen produzieren, wenn sie Fotosynthese betreiben, Sauerstoff und mit ihm die Ozonschicht. Sie sind Voraussetzung alles Lebens auf der Erde. Dazu scheint schlecht zu passen, dass sie oft der leblosen Materie zugeschlagen und ihnen jegliche Rechte vorenthalten werden.

Diese sehr ernsten Verhältnisse sind Grundlage der halbernsten „Verfassung“, die der italienische Biologe Stefano Mancuso für die „Nation der Pflanzen“ entwirft. Eine Charta mit acht Artikeln, die in effektvoller Dramaturgie beim Staunen über die Singularität des Lebens auf der Erde ihren Ausgang nimmt und im Lob der Kooperation unter allem Lebendigen mündet. Hätten Pflanzen das Sagen, würde nicht die sozialdarwinistische Doktrin vom „Kampf ums Überleben“ gelten, sondern das Prinzip der gegenseitigen Hilfe, das der russische Anarchist Kropotkin in Tier- und Menschenwelt beobachtet hatte.

[Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte. Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur. Aus dem Italienischen von Andreas Thomsen. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 160 S., 18 €.]

Das Problem ist jedoch, dass nicht die Pflanzen das Sagen haben, sondern der Mensch. Immerhin, rechnet Mancuso vor, macht dieser Mensch gerade einmal ein Zehntausendstel der Biomasse der Erde aus. Anders als Pflanzen sind die Lebewesen der randständigen Spezies Homo sapiens nicht nur unnütz. Ihr hochentwickeltes Gehirn hat sich sogar zur Bedrohung für andere Lebensformen entwickelt. Pflanzen hingegen verwandeln Sonnenenergie in chemische Energie und stellen damit allem tierischen, also auch menschlichem Leben, das nicht zu Fotosynthese fähig ist, Energie zur Verfügung.

Hätten also Pflanzen das Sagen, wäre die Akzeptanz der Verwobenheit zwischen einzelnen Lebensformen die Maxime allen Handelns. Vorbildlich wäre die Konstitution von Pflanzen, die keine spezialisierten Organe besitzen, die von einem zentralen Gehirn aus hierarchisch gesteuert werden müssen – eine Struktur, die Menschen mit fatalen Folgen auf ihre Lebenswelt übertragen. Von Pflanzen könnten Menschen lernen, dass unbegrenztes Wachstum sich an begrenzten Ressourcen bricht. Nicht zuletzt machen Pflanzen plausibel, dass Migration eine natürliche Überlebensstrategie ist und ihre Verhinderung „eine Verletzung der Menschenwürde darstellt“.

Auch der Menschen gehört zum Netzwerk

Mancusos kompakt gebündelte Umwertungsvorschläge sind zweifellos bedenkenswert, gehören aber meist ins geläufige Repertoire ökologischen Denkens. Zudem scheint die populäre Anlage des gut lesbaren Büchleins einige Verkürzungen mit sich zu bringen. Wenn es dem Menschen, der sich im „Netzwerk des Lebens“ bewegt, „untersagt ist, sich einzumischen“, scheint im Hintergrund die Idee einer „invisible hand“ zu wirken, die auf „natürliche“ Weise unter Ausschluss des Menschen alles zum Besten richten wird. Das verkennt, dass auch der interagierende Mensch zum Leben gehört. Konkurrierende Logiken – wie auch die der Tiere – fallen Mancusos Tunnelblick aufs Pflanzliche zum Opfer.

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Wo der Florentiner Botaniker dann doch aus dem biologischen Common Sense ausschert und Pflanzen mit Bewusstsein oder gar Willen ausstattet, begibt er sich auf wissenschaftlich dünnes Eis. Das macht auch seine Bilder fragwürdig, allen voran die im Original als „nazione delle piante“ titelgebende „Nation der Pflanzen“, die anders als die menschliche keine intentionale Ordnung ist. Als Provokateur allerdings springt Mancuso zu kurz.

Schade, dass er die Frage der Pflanzenrechte gar nicht ernsthaft auf juristisches Terrain treiben will. Doch für elaborierte Differenzierungen möchte diese manifestartige Schrift gar nicht der Ort sein. Als gut sortiertes und voraussetzungslos zugängliches Wissen über Pflanzenkunde erfüllt sie ihren Zweck und hält mit ihrer Botschaft nicht hinterm Berg: „Lasst die Pflanzen ran!“

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