Neue Sicht auf Meisterbauten der Renaissance : Das ideale Landleben

Alltag in einer Palladio-Villa: Antonio Foscari erzählt vom Leben seiner Vorfahren um 1560.

Landsitz vor der Stadt. Die Villa Foscari liegt am Brenta-Kanal, der Venedig mit Padua verbindet.
Landsitz vor der Stadt. Die Villa Foscari liegt am Brenta-Kanal, der Venedig mit Padua verbindet.Foto: imago/Arcaid Images

Unter den rund dreißig Landhäusern, die Andrea Palladio auf dem venezianischen Festland entwarf, sind zwei weltberühmt. Das eine ist die Villa Rotonda am Stadtrand von Vicenza, das andere die 1560 fertiggestellte Villa Foscari am Brenta-Kanal, bekannter unter der Bezeichnung „La Malcontanta“. Über die Architektur der Landsitze, villa oder casa di villa genannt, hat Palladio selbst die Nachwelt unterrichtet. In seinem über Jahrhunderte hinweg einflussreichen Lehrbuch der „Vier Bücher zur Architektur“ von 1570 stellt er die Bauten in Grundrissen und Raumbezeichnungen vor.

Uns Heutigen erschließt sich der tatsächliche Gebrauch einer solchen Villa daraus jedoch kaum. Denn eine solche Villa ist ein ganzer Organismus, ein Familiensitz und zugleich ein Familienbetrieb. Im Falle der Villa Foscari, die für zwei Brüder dieser bedeutenden Familie der Aristokratie Venedigs errichtet wurde, zählte allein die Kernfamilie des einen Bruders mit seinen dreizehn Kindern (der zweite blieb kinderlos), sodass für den engeren Familienkreis mit seinen Bediensteten rund zwanzig Personen anzunehmen sind.

Die Villa als ökonomischer Mittelpunkt

Dies ist gleich dem Auftakt eines Büchleins zu entnehmen, das im Format klein, im Inhalt aber riesengroß ist. Der Architekturhistoriker Antonio Foscari – nomen est omen –, ein intimer Kenner der Architektur Palladios, zeigt am Beispiel der Villa seiner Vorfahren, wie dieser Vollender der Renaissancebaukunst dem sozialen Mikrokosmos venezianischer Edelleute bauliche Gestalt gab und was sich in dieser Gestalt an Leben abspielte.

Mit dem Übergang Venedigs von der reinen Hafen- und Handelsstadt zur Territorialherrschaft etablierte sich der Typus des landwirtschaftlichen Unternehmers, der neben dem städtischen Palazzo – in Venedig selbst stets nur Casa oder kurz Ca’ genannt – einen Landsitz als Mittelpunkt seiner Wirtschaft unterhielt. Das ist bei der stadtnahen Villa Foscari im Unterschied zu vielen anderen Villen Palladios allerdings nur ansatzweise ausgeprägt, sodass hier eher von einer villa suburbana zu sprechen ist.

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Der Haushalt – Palladio spricht von famiglia – umfasste alle unmittelbar Tätigen, also Menschen unterschiedlichsten Alters und sozialen Ranges, die auf engem Raum zusammenleben. Denn so großzügig eine Villa auch scheinen mag, barg sie doch nur wenige Räume, zumal der größte von ihnen der doppelgeschossige Empfangssaal der Mittelpunkt des Hauses war, um den sich beidseits eine Abfolge dreier kleinerer Räume gruppiert. Dieses Hauptgeschoss ist der Sitz des padrone – hier beider Brüder, wobei nur der eine an der Führung des Betriebs Anteil nahm. Alle anderen Bewohner verteilen sich auf die niedrigen Stockwerke „unter“ oder „über“ dem Hauptgeschoss, wobei unterm Dach auch noch ein Teil der Ernte eingelagert wurde.

Tugendbilder an den Wänden

So geht es in dem Buch ins Detail, und eine ganz eigene, uns Heutigen fremde Welt tut sich auf. Sie ist von festen Abläufen und sozialen Normen bestimmt, sie hat viel mit dem Wachstum der Familie zu tun – das Ehebett als deren Mittelpunkt sowie als Geburtsstätte –, sie kennt neben Tisch und Sitzgelegenheiten sowie den allgegenwärtigen Truhen keine weiteren Möbel, und sie ist von der Küche bis zum Dach von Arbeit bestimmt. Foscari hat sein Buch mit wunderbaren Ausschnitten zeitgenössischer Gemälde illustriert, die bis hin zum sorgsam gefalteten Tischtuch zeigen, worin sich der Rang eines solchen Haushalts ausdrückte. Die Wandbilder hingegen, die das piano nobile schmücken, geben dasselbe in mythologischer Gestalt wieder. Sie sind vor allem Tugendbilder, geistvoll und anspielungsreich, etwa hinsichtlich des ehelichen Beisammenseins.

Foscari lässt den Leser am reichen Leben in und um die Küche im Erdgeschoss teilhaben, wo auch das Alltagsmahl eingenommen wurde und das stets bewahrte Herdfeuer die kalten Monate erträglich machte. Über Bäder ist bei Palladio nichts zu finden – es gab sie, damaligen Vorstellungen von Ansteckungsgefahren zufolge, einfach nicht. Sehr wohl hingegen Latrinen, den engen Wendeltreppen zugeordnet, sodass unangenehme Gerüche von der Zugluft weggeweht wurden.

Vorlagen aus der Antike

Es gab unter den Architekten des 20. Jahrhunderts nicht wenige, die Palladio seiner vermeintlichen Funktionalität halber bewunderten. Foscari macht deutlich, dass solche Interpretationen an den Vorstellungen der Zeit um 1550 vorbeigehen. Palladio nämlich suchte in zeittypischer Auslegung der einzig bekannten antiken Schrift zur Baukunst, der „Zehn Bücher“ des Vitruv, nach größtmöglicher Harmonie aller Proportionen. Ihr ordnet sich alles unter. Palladio, der selbst aus einfachen Verhältnissen stammte und dank der Patronage bedeutender Geister wie Giangiorgio Trissino eine humanistische Bildung erfuhr, sah das Studium philosophischer Literatur und das geistvolle Gespräch des Hausherren und seiner gleichrangigen Gäste als die einer Villa angemessene Lebensweise und als Erholung von der „Geschäftigkeit der Stadt“.

Beiläufig macht Foscari in diesem zauberhaften Buch auf einen Umstand aufmerksam, den man allzu leicht übersieht: Die Villen des Palladio (und seiner Nachfolger) sind „nicht zu verteidigen“. Das setzt eine gesicherte Territorialherrschaft voraus, in der es keine herumziehenden Räuber mehr gibt.

Kontemplation und Arbeit

Der hochgestellte Besucher kommt zur Casa Foscari mit dem Boot aus Venedig herüber, geht ein paar Schritte über das Grundstück und steigt dann eine der beiden symmetrischen Außentreppen zum Hauptgeschoss hoch, wo ihn der Hausherr empfängt. Nichts Wehrhaftes ist übrig, wie es Palladio noch aus seinen Jugendjahren kannte. Endlos dehnt sich die landwirtschaftliche Fläche rings um die zahlreichen Landsitze. Mit dem Buch von Antonio Foscari gewinnen wir Einblick in eine Zeit, die Erwerbstätigkeit und Kontemplation vereinte, und dies am edelsten in den Bauten des Andrea Palladio (Antonio Foscari: Living with Palladio in the Sixteenth Century. Translated by Lucinda Byatt. Lars Müller Publishers, Zürich 2020. 128 Seiten, 25 €).

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