Neuer Roman von Fouad Laroui : Der Preis des Verrats

Arabisches Denken: Fouad Larouis Roman vom „aussichtslosen Kampf zwischen dir und der Welt“.

Fouad Laroui, marokkanischer Schriftsteller, lehrt an der Universität Amsterdam.
Fouad Laroui, marokkanischer Schriftsteller, lehrt an der Universität Amsterdam.Foto: Edition R. Laffont

Ali und Malika sind ein glückliches Paar. Sie ist Lehrerin und Tochter marokkanischer Eltern, er IT-Ingenieur und vor zehn Jahren aus Marokko eingewandert. Beide sind Franzosen. Malika weiß gar nichts von der marokkanischen Kultur ihrer Eltern. Ali will mit Malika zusammenziehen, was er ihr in einem schicken Lokal in Paris vorschlägt. Sie machen Witze über ihre Herkunft, die Sorgen der Eltern – und dann bricht ihre Geschichte ab.

Statt sie weiterzuerzählen fügt Fouad Laroui in seinem Roman „Im aussichtslosen Kampf zwischen dir und der Welt“ eine Passage über „Die Geschichte“ ein: „Die Geschichte ist die große Schreddermaschine, ein blindes Monster, das zerstückelt, verschlingt und dann die zermalmten Körper jener Marionetten ausspuckt, die sich für ihr Schicksal bestimmende Menschen hielten…“

Ihr Anfang liegt für den Erzähler zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als „eine Koalition von Armeen“ in den Irak einfiel. Diese Geschehnisse beeinflussen auch Alis und Malikas Geschichte, die ihrer Freundin Claire und des Vetters Brahim. Eines Tages liest Ali einen Artikel über „Das Sykes-Picot-Abkommen“, und sofort fragt Laroui nach dessen Bedeutung. Wer weiß noch, dass damals am Schreibtisch die Grenzen im Nahen Osten gezogen, die Araber verraten, neue künstliche Staaten geschaffen wurden, mit schwerwiegenden Folgen?

Fouad Laroui schildert das Aufeinanderprallen westlicher und arabischer Vorurteile in Paris nach 2015.
Fouad Laroui schildert das Aufeinanderprallen westlicher und arabischer Vorurteile in Paris nach 2015.Foto: Merlin Verlag

Launig erzählt Laroui dann, wie diese Verhandlungen verlaufen sein könnten. Er weiß aber – so war es gewiss nicht. „Doch das macht keinen Unterschied: In der Vorstellung der Araber ist es so abgelaufen.“ Daher muss diese Version der Erzählung ernst genommen werden, denn für die Araber ist das Abkommen eine der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Laroui erläutert in der Folge immer wieder die arabische Sicht auf den Verrat des Westens. Er zeigt, dass arabische und europäische Diskurse sich nicht berühren, das Versprechen eines unabhängigen Arabiens nach dem Ersten Weltkrieg anders gesehen wird als die Gründung des Staates Israel. Und fragt: „Wissen Ali und Malika, Claire und Brahim, dass sie es sind, die am Anfang eines neuen Jahrhunderts den Preis dieses Verrats, dieser Lügen, dieser Missverständnisse zahlen müssen?“

Als Wanderer zwischen beiden Welten hat man es da auch in der Gegenwart nicht leicht, und so erfährt Ali, dass er sein Projekt in Toulouse nicht beenden kann. Es ist ein Rüstungsprojekt mit US-Beteiligung, weshalb die Amerikaner seinen arabischen Namen von der Liste der Mitarbeiter gestrichen haben. Zu gefährlich, Protest sinnlos. Die Entscheidung trifft Ali wie ein Blitz, er fühlt sich diskriminiert. Was Wasser auf die Mühlen seines Vetters Brahim ist, der fundamentalistische Moscheen besucht und wohl von der Polizei überwacht wird.

Laroui, der nach einem Ingenieurs-Studium in Paris eine Mine in Marokko geleitet hat, promovierter Wirtschaftswissenschaftler ist und heute in Amsterdam französische Literatur und Philosophie unterrichtet, zeichnet vor dem Hintergrund der Pariser Terroranschläge am Beispiel des frustrierten Ali die Entwicklung hin zu einer Radikalisierung, die bis nach Raqqa führt. Malika dagegen kämpft für die westlichen Werte und lässt sich nicht unterkriegen. Am Ende trinkt sie ein Glas Wein „auf das Leben“. Laroui kennt die arabische Denkweise sehr genau, was seinen Roman nachgerade zu einem idealen Erkenntnismedium macht. Er erleichtert die Verständigung zwischen arabischer und westlicher Welt.
Fouad Laroui: Im aussichtslosen Kampf zwischen dir und der Welt. Roman. Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Merlin Verlag, Gifkendorf 2017. 240 S., 24 €.

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