Neues Album von CocoRosie : Wenn Regenbögen weinen

Das feministische Artpop-Duo CocoRosie bringt nach fünf Jahren Pause das Album „Put A Shine On“ heraus. Es ist gewohnt exzentrisch - und strebt in den Mainstream.

Sierra und Bianca Casady sind CocoRosie.
Sierra und Bianca Casady sind CocoRosie.Foto: Peter Hönnemann

Für alle, denen die Realität stets zu grau, zu eindimensional, zu rational, zu männlich und fantasielos ist, sind CocoRosie eine kleine Insel in einem Meer bleierner Konventionalität.

Die verkleidungsfreudigen Schwestern Sierra und Bianca Casady haben sie vor 16 Jahren nach ihren eigenen Regeln erschaffen: Folk, Hip-Hop, Kinderlieder, Operngesang und Electro sind hier ebenso zu Hause wie Harfen, Flöten, Glockenspiele, Zimbeln und Plastikspielzeug. Die Texte handeln von Hexen, Einhörnern, fluiden Geschlechteridentitäten, Postkolonialismus und Kindesmissbrauch.

Maximale Verschrobenheit

Als eines der seltsamsten Pop-Duos der Gegenwart stiegen CocoRosie in den 2000er Jahren neben Devendra Banhart und Joanna Newsom zu den wichtigsten Vertreterinnen der US-amerikanischen Freak-Folk-Szene auf, die unter dem Schlagwort „New weird America“ mal fröhlich, mal düster eigene und fremde Innenwelten erkundete und dem Mainstream mit maximaler Verschrobenheit begegnete.

Für die einen war das spinnertes Kunst-Geschwurbel mit pseudopolitischem Anstrich, für die anderen eine Schatzkiste.

Zweitere Fraktion musste ihre geliebten Sonderlinge lange entbehren, denn das letzte CocoRosie-Album erschien vor fünf Jahren. Mit „Put The Shine On“ (Marathon Artists) veröffentlichten die Casady-Schwestern jetzt ihr siebtes Album.

Fans könnten zunächst enttäuscht sein: Der Opener „High Road“ beginnt gewohnt verträumt, der Kontrast aus Biancas seltsam gequetschtem Kindergesang und Sierras klassisch geschultem Opernsopran ist faszinierend wie eh und je. Überdeutlich treten jedoch die aufpolierten Beats hervor, die nichts mehr übrig lassen von der knarzigen Lofi-Ästhetik, die CocoRosie bisher nie aufgegeben hatten.

Der zweite Song „Mercy“ unterstreicht dies: Zwischen fetten Dubstep-Beats prollt ein Bass-Synthesizer, dazu rappt Bianca plötzlich, als sei sie M.I.A. In „Restless“ darf sogar eine E-Gitarre bratzen. Natürlich haben CocoRosie schon 2013 auf „Tales Of A Grasswidow“ verstärkt mit elektronischen, tanzbaren Sounds geflirtet, dort jedoch fügten sie sich als frische Ergänzung in das stilistische Konzept der Schwestern ein, auf „Put The Shine On“ hingegen überlagern sie die musikalische Identität der beiden.

Konventionelle Produktion

Grund dafür ist die saubere und konventionelle Produktion, die fast alles Schiefe und Handgemachte glättet, ohne im gleichen Maße mit großen Pop-Momenten zu entschädigen, die CocoRosie bei aller Obskurität auch immer zu bieten hatten.

Doch es gibt Ausnahmen: „Burning Down The House“ ist ein hypnotisches Trip-Hop-Mantra und der melancholische Schlusssong „Aloha Friday“ besinnt sich mit berückenden Streichern, sparsamen Klaviertupfern, einer Spieluhr und Gerumpel im Hintergrund auf die Grundtugenden von CocoRosie.

Insgesamt muss man jedoch feststellen: „Put The Shine On“ ist ihr bislang zugänglichstes und radiotauglichstes Album – was in diesem Fall kein Kompliment ist.

Dies gilt für den Sound und das streckenweise uninspirierte Songwriting, textlich jedoch verzaubern CocoRosie nach wie vor: Es geht um weinende Regenbögen, blutende Himmel, träumende Würmer, verlassene Kinder, toxische Familienväter, selbstverletzendes Verhalten. „Dirty tricks, crucifix, had enough of this / Life of cuts and nicks, ticks and fits“, rappt Bianca in „Restless“, das an ihre Mutter Tribut erinnert, die während der Produktion des Albums gestorben ist.

„Smash My Head“ handelt laut eigener Aussage von „journeys from a hard-knock desert childhood scene to a transcendent cosmic passing to another realm“. Die todernst zelebrierte Kindlichkeit, die CocoRosie gern als Naivität oder Kitsch ausgelegt wird, ist kein reiner Eskapismus, sondern ein Kunstgriff, um der Subversion neue Räume zu erschließen.

Symbolische Traumbilder

So taucht in „Ruby Red“ (auf der die Mutter der Casadys mitsingt) plötzlich ein Bild auf, das Trump zu porträtieren scheint: „A different kind of Uncle Sam / Trading allegiance for power and power for sand“.

Wer jedoch erwartet, dass CocoRosie sich ausführlich zu MeToo, Weinstein und Co. äußern, wird nicht fündig. Dabei sind die Casadys als queere, esoterische Ökofeministinnen immer wieder Angriffen ausgesetzt. Die Schwestern sind im Kollektiv „Future Feminists“ und beim Magazin „Girls Against God“ aktiv, äußern sich in Interviews häufig politisch. Doch das Konkrete ist nicht die Stärke von CocoRosie, sondern das Fantastische.

Die MeToo-Debatte führen sie in symbolistischen Traumbildern; zwei weibliche Don Quichottes ohne Sancho Pansa im Kampf gegen die Windmühlen von Macht, Religion und Patriarchat.

Gezirpse, Geklimper, Gewaber

„Put The Shine On“ ist kein schlechtes Album, es enthält alles, was man von CocoRosie erwartet: die verspulten Texte, die intime Atmosphäre, das Gezirpse, Geklimper und Gewaber. Es lässt jedoch die Eigenwilligkeit vergangener Releases vermissen und auch die routinierte Exzentrizität vermag nicht mehr zu überraschen.

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Noch kauziger können CocoRosie kaum werden, warum also nicht mit dem Mainstream spielen, wie mit so vielen anderen Dingen, die die Casady-Schwestern schon ausprobiert haben? Als der neurotisch verwinkelte Geschwisterdialog, der CocoRosie schon immer war, funktioniert die Musik nach wie vor. Doch wer aus dem kreativen Wirrwarr musikalischer Außenseiterinnen Kraft schöpfen möchte, muss ihn diesmal auf einer anderen Insel suchen.

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