Neues Album von Ry Cooder : Jesus lobt dich

Ry Cooder gilt als einer der besten Gitarristen der Welt. In seinem neuen Album „The Prodigal Son“ begegnen sich Gospel-Utopien und Trump-Kritik.

Gitarrengott. Ry Cooder bei einem Konzert 2015 in Nashville, Tennessee.
Gitarrengott. Ry Cooder bei einem Konzert 2015 in Nashville, Tennessee.Foto: AFP/Erika Goldring

Ein Gipfeltreffen. Ort: der Himmel. Sanft hallende Gitarrenakkorde, eine grummelnde Männerstimme. Sie singt: „Well bring your old guitar and sit here by me / Round the heavenly throne.“ So beginnt „Jesus and Woody“, eine Gospel-Utopie, in der Ry Cooder den Sohn Gottes auf Woody Guthrie treffen lässt, den Urvater aller Protestsänger. Jesus lobt Guthries Hymne „This Land Is Your Land“ und zitiert den Spruch, den der Folk-Meister auf seine Gitarre schrieb: „This machine kills fascists.“ Aber reicht eine Gitarre heute noch aus, um das Böse zu stoppen?

Die Sechsminutenballade ist der Höhepunkt auf Cooders Album „The Prodigal Son“. „Americana“ wird das Genre genannt, für das der inzwischen 71-jährige Sänger wie kaum ein anderer Musiker steht. Gemeint sind die Wurzeln der amerikanischen Popmusik, Blues, Country und Folk. Dem Slide-Gitarren-Virtuosen geht es nicht darum, die Vergangenheit nostalgisch zu zelebrieren, er sieht in ihr einen Kommentar zum „maroden moralischen Zustand“ der Gegenwart. Nur drei Stücke hat Cooder selbst geschrieben, die anderen acht stammen von halb vergessenen Blues- und Countrygrößen wie Blind Willie Johnson, Blind Roosevelt Graves oder den Stanley Brothers.

Bemerkenswerterweise fügen sich Coverversionen und Eigenkompositionen zum schlüssigen Konzeptalbum. Es geht um alte, gerade wieder hochaktuelle Themen: Ausbeutung, Korruption, Gier. Um mit Trumps Politik der Xenophobie und Ausgrenzung abzurechnen, ist es nicht nötig, den Namen des Präsidenten zu erwähnen. Dafür reicht es, dass Cooder zu einem Banjo den Blues-Klassiker „Everybody Ought to Treat a Stranger Right“ knurrt. Die schärfste Kritik an den heutigen Zuständen entdeckt der konservative Rebell in Songs aus der Ära der Großen Depression. Um Cooders 17. Studioalbum zu verstehen, ist eine kleine Bibelkunde hilfreich. Jesus’ Gleichnis vom Verlorenen Sohn, von dem das Lukas-Evangelium berichtet, feiert eine reuevolle Rückkehr. Der Sohn, der das Erbe verprasst hat und zum Bettler geworden ist, wird nicht vom Hof seines Vaters gejagt, sondern mit einem Freudenfest gefeiert. Sünden können vergeben werden.

Der biblische Titel „The Prodigal Son“, verweist aufs Verlorengehen und Wiederfinden, auf das Fortsetzen von Traditionen, an dem Cooder schon lange arbeitet. Der Musiker, 1947 in Los Angeles geboren, ist weit herumgekommen. Bekannt wurde er Ende der sechziger Jahre als Gitarrist in der Band von Captain Beefheart, später nahm er mit den Rolling Stones Stücke wie „Sister Morphine“ und „Love In Vain“ auf, schrieb den Soundtrack für Wim Wenders’ Wüstenfilm „Paris, Texas“ und produzierte mit den Veteranen des Buena Vista Social Club in Havanna eine Son-Cubano-Platte, die mit acht Millionen verkauften Tonträgern zur kommerziell erfolgreichsten Weltmusikplatte aufstieg.

Ry Cooder, den das amerikanische Musikmagazin „Rolling Stone“ auf Rang 31 der weltbesten Gitarristen listet, bleibt kämpferisch. Mit engelgleicher Tenorstimme singt er „You money-loving Christian, you refuse to pay your share / You must unload“. Der Aufruf zur Umkehr stammt von Alfred Reed, einem baptistischen Blasmusikkomponisten. Wer in den Himmel kommen will, muss das Loslassen lernen.

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„The Prodigal Son“ von Ry Cooder ist bei Caroline Records erschienen.

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