Neues Album von Shirley Holmes : Ich will dich wiedersehen

Die Berliner Rockband Shirley Holmes hat ihr Album „Die Krone der Erschöpfung“ mitten im Lockdown veröffentlicht. Seine gute Laune hat das Trio in der Krise nicht verloren.

Mel, Chris und Ziggy (von links) sind die Band Shirley Holmes.
Mel, Chris und Ziggy (von links) sind die Band Shirley Holmes.Foto: Christoph Mangler

Die Mission war komplizierter, als sie auf den ersten Blick aussah. Es galt ein Gitarrenriff auf eine Blockflöte zu übertragen. Doch weil die musikalische Früherziehung schon einige Jahrzehnte zurücklag, fand Mel von der Berliner Band Shirley Holmes einen der Töne erst mithilfe einer Grifftabelle aus dem Internet

„Halbes Loch hier, halbes Loch da – voll unlogisch, dieses Instrument“, erinnert sich die Musikerin. Bei der Aufnahme musste sie zudem einen Würgereiz überwinden, weil die dauerhaft von ihrer Schwester geliehene Flöte über die Jahre ein starkes Schimmelaroma entwickelt hatte.

Liebevolle Versponnenheit

Die Mühe hat sich gelohnt: Wenn in dem Song „Auszeit“ für fünf Sekunden die Blockflöten-Piepstöne zusammen mit der verzerrten Gitarre erklingen, ist das ein wirklich witziger Moment. Mel muss selber immer noch über die Stelle lachen.

Solche liebevoll-versponnenen Elemente sind typisch für die Band Shirley Holmes, zu der neben Gitarristin Mel noch Bassistin Ziggy – beiden singen auch – und Drummer Chris gehören. Nachnamen und Alter gibt’s nicht bei ihnen. Dafür eine feine Mischung aus Indierock, Punk und Pop, die auch ihr gerade veröffentlichtes drittes Album „Die Krone der Erschöpfung“ (Rookie Records) wieder prägt.

Hohes Tempo und ein irres Energielevel sind weitere Erkennungszeichen des Trios. Im Eröffnungssong „Binichbinnich“ brettert es auf einem nervösen Bass-Schlagzeug-Rhythmus los, bremst mit einer Quietsch-Synthie-Bridge nur kurz ab, um die aufgestaute Spannung schließlich mit einem Yeah-Schrei und kraftvoll runtergeschrubbten Gitarren aufzulösen.

Auch hier gibt es kurzweilige Details wie ein The-Offspring-Zitat oder einen arabesken Schlenker. Das Lied vibriert nur so vor der im Text beschriebenen Rastlosigkeit („24/7 angetrieben/ Ich scheine einfach niemals nicht genug zu kriegen“), die sich wie ein Leitmotiv durch das Schaffen der Band zieht.

Sie ist zugleich Motor und Fluch. Denn natürlich ist es anstrengend, unter Dauerstrom zu stehen. Aber deshalb Yoga oder Entspannungsübungen zu machen, kommt für Shirley Holmes nicht infrage, wie sie ihrem Song „Im Affenhaus“ lautstark klarstellen.

Zahlreiche Konzerte wurden abgesagt oder verschoben

Eine radikale Zwangsentschleunigung hat der Gruppe nun allerdings die Coronakrise verpasst. Es fing damit an, dass ein Support-Gig für die Punkband Slime abgesagt wurde – kurz bevor sie zum Soundcheck aufbrechen wollten. Mel kommt gerade vom Friseur, erzählt sie beim Skype-Interview.

Neben ihr sitzt Ziggy, beiden wohnen zusammen in Neukölln. Die Bassistin trägt eine schwarze Mütze. Sie hat es nicht mehr zum Friseur geschafft, dafür hat Mel ein bisschen an ihrer blonden Mähne herumgeschnippelt – nicht ganz zur Zufriedenheit der Kundin: „Man weiß spätestens jetzt, warum das ein Ausbildungsberuf ist“, sagt Ziggy und zieht die Mütze tiefer.

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Den beiden war während des Lockdowns nicht langweilig, denn Label und Band entschieden sich dagegen, den Ende März anstehenden Album-Release zu verschieben. Die Promoarbeit lief einfach schon zu lange. Eigentlich hätten Shirley Holmes jetzt zahlreiche Konzerte spielen sollen – nächste Woche zum Beispiel im Kreuzberger SO36.

Im Sommer stand dann eine Reihe von Festivals auf dem Plan. Alles gestrichen oder verschoben. Was die Neuköllnerinnen schon ein wenig betrübt. Doch Mel betont: „Es sind Luxusprobleme verglichen mit der Situation von vielen anderen.“

Statt über die ausgefallenen Gagen und Merchandising-Einnahmen zu jammern, bastelten sie lieber am Abend vor der Veröffentlichung schnell noch einen Onlineshop für ihre Website.

Er scheint zu funktionieren: „Ich war überrascht, wie viele Leute nicht nur das Album bestellt haben, sondern kleine Pakete, zu denen auch noch T-Shirts und Feuerzeuge gehören“, sagt Ziggy. Die Aufträge gingen bei Drummer Chris ein, der in Bremen wohnt. Er hatte in den ersten Tagen alle Hände voll zu tun, um alles abzuarbeiten. Sein Wohnzimmer lag voller kleiner Pakete, erzählen die Bandkolleginnen.

Sehnsuchtshymne für die Zeit der Kontaktreduzierung

Zum letzten Mal persönlich gesehen haben sich die drei Mitte März. Am Tag nach der abgesagten Show mit Slime drehten sie noch schnell einige Einstellungen für das nächste Musikvideo.

Es gehört zu dem Song „Wiedersehen“, der mit seiner „Ich will dich wiedersehen“-Refrainzeile plötzlich wie eine perfekte Sehnsuchtshymne für die Zeit der Kontaktreduzierung klang. Ebenso passend der Clip in DIY-Optik, zu dem befreundete Musikerinnen wie Malonda, Sookee oder Bernadette La Hengst dem Trio selbst gefilmte Aufnahmen von sich schickten.

Das Stück macht sofort gute Laune. Es hat einen starken NDW-Touch, was an Mels Herkunft liegen könnte: Sie stammt – wie die Humpe-Schwestern – aus Hagen, wo in ihrer Jugend ständig Neue-Deutsche-Welle-Lieder liefen. Mel stand mehr auf Grungebands wie Nirvana und Soundgarden, später kamen auch Riot-Grrrl-Gruppen wie Babes in Toyland, Bikini Kill oder Sleater-Kinney hinzu.

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Ziggy wuchs in Hameln auf und hatte mit 18 vor, Cello zu studieren. „Dann habe ich meine Pubertät nachgeholt und bin auf Gitarrenmusik umgestiegen.“ Sie und Mel lernten sich 2005 über einen Produzenten kennen, ein Jahr später gründeten sie ihre jetzige Band, die nach einer Nichte des britischen Meisterdetektivs benannt ist. Das Debüt „Heavy Chansons“ erschien 2011, seit der Tour zum zweiten Werk „Schnelle Nummern“ (2017) ist auch Schlagzeuger Chris an Bord – sein Vorgänger hatte keine Zeit mehr, seit er Vater geworden war.

Lachend erzählen Mel und Ziggy, wie sie Chris – und auch seiner Freundin – eingeschärft haben, dass er dessen Beispiel bitte nicht folgen dürfe. Das gemeinsame Baby heißt Shirley Holmes.

Ihm gilt die größte Leidenschaft – auch wenn alle drei noch mehr oder weniger zeitaufwendige Jobs haben. Weil die Band viele organisatorische Aufgaben, etwa die Pflege der Social-Media-Kanäle, selbst übernimmt, kommt das Musikmachen manchmal etwas zu kurz. Dabei entstehen gerade beim Jammen im Proberaum die Ideen, aus denen schließlich die Songs wachsen.

Brandenburg kann sehr kalt sein

Den Spaß, den die drei dabei haben, kann man auf der „Krone der Erschöpfung“ hören. Sei es bei explosiven Nummern wie „Das Licht“, dem poppig-melancholischen „Schallfront, Baby“ oder dem Eineinhalbminüter „Wolf von Brandenburg“. Letzterer entstand beim Test eines neuen Gesangseffektgerätes. Während Chris ein bisschen auf seinem Drumset herumklopfte, quatschte Ziggy munter drauflos, wobei ein leicht dadaistischer Text über einen Wolf entstand, der sich vor der Kälte in Brandenburg hüten sollte. Zwischendurch muss Ziggy kichern.

Ungeschnitten packte die Band die Improvisation aufs Album, das mit seiner Power, seinem Charme und Humor ein prima Krisenbegleiter ist – vor allem für Menschen die es lieber laut als meditativ mögen. Schreitherapie hilft garantiert gegen Isolationsfrust.


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