Neuköllner Kulturinstitution : Was hat der Senat gegen die Werkstatt der Kulturen?

Die Neuköllner Werkstatt der Kulturen ist eine Kunstoase für Migranten. Den Senat scheint das nicht zu interessieren. Er lässt das Projekt neu ausschreiben.

Ferda Ataman
Musiker aus unterschiedlichen Teilen der Welt jammen zusammen in der Werkstatt der Kulturen.
Musiker aus unterschiedlichen Teilen der Welt jammen zusammen in der Werkstatt der Kulturen.Foto: Daniela Incoronato

Nun ist es amtlich. Die Werkstatt der Kulturen soll in ihrer bisherigen Form abgewickelt werden. Dabei ist das Kulturhaus an der Hasenheide für Hauptstädter of Color eine Institution. Und nicht nur für sie. Die Werkstatt ist ein Ort, an dem man nicht vorbeikommt, wenn man nach künstlerischer Auseinandersetzung mit Postkolonialismus und Migrationsgeschichte sucht oder World Music und internationalen Jazz mag.

Hier finden sich Minderheiten als selbstbewusste Protagonisten wieder und nicht als Gegenstand der Betrachtung. Während der Trend dahin geht, „kulturelle Differenz“ zum Problem zu erklären, zelebriert die Werkstatt sie. Sie will die Geschichten aller Berliner in den Blick nehmen. Ein zugängliches, anspruchsvolles und diversitätsorientiertes Kulturangebot in der Stadt ist leider keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Verstehen wir uns nicht falsch: Die Worte „schwarz“ und „weiß“ sind keine Beschreibung für Hautfarbe (wer ist schon weiß oder schwarz?), es handelt sich dabei um politische Begriffe. Mit „weißen“ Menschen sind all jene gemeint, die als deutsch, westlich und europäisch wahrgenommen werden – also auch Holländer mit niedlichem Akzent, wie sie im Showbusiness der 80er Jahre beliebt waren. Mit People of Color sind dagegen alle gemeint, die primär als Ausländer mit Integrationsbedarf wahrgenommen werden – egal, wo sie wirklich herkommen (Kinshasa oder Kaiserslautern) und ob sie wirklich integriert werden müssen.

Vielfalt der Gesellschaft bildet sich in den Kultureinrichtungen nicht ab

So ähnlich gepolt ist auch unsere Kulturlandschaft. Sie schafft Hierarchien. Sie definiert in der Regel als Hochkultur, was deutsch und christlich anmutet und als Subkultur, was migrantisch und nichtwestlich ist. Geht eine Ausstellung mal auf das Thema Migration ein, dann meist klischeebeladen, etwa per Reminiszenz an Imbissbuden. Aber in Berlin leben zum Beispiel auch viele Menschen türkischer und polnischer Herkunft – warum gibt es also in der Philharmonie nicht einmal im Monat türkische Musik für alle? Oder an den staatlichen Bühnen eine polnische Saison, so wie es früher bei den Berliner Festspielen regelmäßig Gastspiele aus Polen gab?

Jeder dritte Berliner hat einen sogenannten Migrationshintergrund, unter Kindern sind es noch mehr. „Die Vielfalt der Berliner Stadtgesellschaft bildet sich weder in Berliner Kultureinrichtungen noch im Publikum bzw. den Nutzer_innen adäquat ab“, heißt es in einer Expertise des Vereins „Citizens For Europe Berlin“ von 2016. Wenn sich viele Berliner in den 70 Kultureinrichtungen kaum wiederfinden, die der Senat institutionell fördert, ist das in demokratischer Hinsicht fragwürdig – denn Steuern zahlen müssen alle. Deswegen will der Senat schon länger mehr Diversität. Zumindest theoretisch.

Treffpunkt für Migranten

Denn die Werkstatt der Kulturen ist einer der wenigen Orte, an denen Migranten und ihre Nachkommen sich wiederfinden, ohne mit Döner-Klischees konfrontiert zu werden. Sie ist außerdem eine Werkstatt im Sinne des Wortes: Hier haben Geflüchtete und Refugee-Initiativen einmal in der Woche die Möglichkeit, kostenfrei Kulturveranstaltungen zu machen. Musiker aus der ganzen Welt treffen sich hier zum Jammen. Migrantenorganisationen haben in der Werkstatt einen zentral gelegenen Ort für Tagungen (auch mein Verein hat das schon genutzt).

Für ihre Arbeit wurde die Werkstatt 2009 ausgezeichnet: für eine Koproduktion mit Africavenir erhielt sie die „Toussaint Louverture Medaille“, die von der UNESCO für „besondere Beiträge im Kampf gegen Hegemonie, Rassismus und Intoleranz“ vergeben wird. Mit Philippa Ebené, die das Haus seit 2008 leitet, hat Berlin eine Schwarze Intendantin, die auf afrodiasporische, dekoloniale und andere Themen setzt, die sonst kaum jemand aufgreift.

Die Werkstatt der Kulturen in der Wissmannstraße.
Die Werkstatt der Kulturen in der Wissmannstraße.Foto: Daniela Incoronato

Aber das alles scheint den Senat nicht zu interessieren. Anfang Juni hat die Senatsverwaltung für Kultur folgenden Text veröffentlicht: „Ausschreibung Kulturstandort Wissmannstr. 32 / Neukölln (bisher: Werkstatt der Kulturen). Der landeseigene Produktionsort Wissmannstraße 32 in Neukölln, wird als Kultureinrichtung und Plattform für die vielfältige kulturelle Entwicklung Berlins neu ausgeschrieben.“

Warum wird neu ausgeschrieben?

Die Senatsverwaltung erklärt, der Trägerverein der Werkstatt könne sich ja auch bewerben. Gleichzeitig stellt sie klar, die Einrichtung soll „neu konzipiert“ werden und ihre „Ausstrahlung in die gesamte Stadt verbessert“. Soll das heißen, dass das Programm mehr Bürger aus Wilmersdorf nach Kreuzkölln anlocken soll, um dort etwas zu bekommen, was sie in ihrem Bezirk nicht finden?

Die Frage ist: warum wird neu ausgeschrieben? Offenbar weiß das niemand so genau, nicht einmal die Verwaltung unter Kultursenator Klaus Lederer: Es stehe nun mal so im Koalitionsvertrag, heißt es von dort. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich Senatorin Dilek Kalayci, die früher Dilek Kolat hieß und für die WdK zuständig war, vor ein paar Jahren mit der Leiterin Ebené überworfen hatte – wegen des Karnevals der Kulturen. Es ging um die Finanzierung der Sicherheitsmaßnahmen und Markenrechte. Aber solche Streitigkeiten dürfen nicht zum Nachteil für Minderheiten in der Stadt ausgehen, schon gar nicht in einer Zeit des politischen Rechtsrucks. Und schon gar nicht in einer rot-rot-grünen Regierung. Und ohne Not und nachvollziehbare Kriterien.

In einem Offenen Brief schreibt der Migrationsrat Berlin: „Durch Ihre Ausschreibung der Werkstatt der Kulturen als ,Kulturstandort Wissmannstraße 32/ Neukölln’ behaupten Sie, es handele sich um einen neutralen Ort ohne Vorgeschichte.“ Aber für viele in der Stadt ist „der landeseigene Produktionsort“ alles andere als das – er ist eine Kulturoase, der nicht einfach mit einem neuen Konzept und einer anderen migrantischen Leitung ersetzt werden kann.

Als 2017 erste Gerüchte über die Abwicklung der Werkstatt bekannt wurden, hieß es aus der Senatskulturverwaltung: Man sei in Gesprächen mit dem Trägerverein der Werkstatt der Kulturen: „Fest steht: Das Land Berlin bekennt sich weiterhin zum Erhalt dieses wichtigen Ortes!“ Im Ausschreibungstext ist davon nichts zu merken. (Die Autorin Ferda Ataman lebt als Publizistin in Berlin. Sie ist Vorsitzende im Verein „Neue deutsche Medienmacher“, der sich für Vielfalt in den Medien einsetzt. Sie ist außerdem Sprecherin der „Neuen deutschen Organisationen“, einem bundesweiten Netzwerk von postmigrantischen Initiativen.)

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!