Nu Guinea im Porträt : Gestern, als wir am Meer spazieren gingen

Das Duo Nu Guinea bringt sein Album „Nuova Napoli“ in Berlin auf die Bühne. Ein Besuch im Friedrichshainer Studio von Lucio Aquilina und Massimo Di Lena.

Ken Münster
Lucio Aquilina und Massimo Di Lena sind zusammen Nu Guinea.
Lucio Aquilina und Massimo Di Lena sind zusammen Nu Guinea.Foto: Robin Kater

In der Nähe des Boxhagener Platzes schweift der Blick nach oben: Ein sechseckiger Dachgeschosserker, die hohen Glasfenster, die ihn reihum säumen, blitzen in der frühen Mittagssonne. Drinnen sind es fünf Stockwerke, die erklommen werden müssen, bis man das Loft-Studio des italienischen Duos Nu Guinea erreicht

Regale voller Schallplatten, antiquierte Drumcomputer und Synthesizer wie der ikonische Roland Jupiter 6, unter einem kleinen Tisch mit Plattenspieler stehen zwei schlanke Congas, außerdem ein kubanischer Shékere, ein Schüttelinstrument. Das sind einige der Soundquellen, die Lucio Aquilina und Massimo Di Lena in ihrer Friedrichshainer Schaltzentrale zusammenfließen lassen.

Lucio Aquilina bietet einen Kaffee an, setzt sich, man sieht ihm an, dass er zuletzt wenig Schlaf bekommen hat. „Turin war das Highlight der letzten Tage. 3000 Leute, das war verrückt“, sagt er. Gestern ist der 33-Jährige aus Neapel zurückgekehrt. Nach mehreren Shows in Italien bereiten er und Massimo Di Lena sich nun auf das Berliner Live-Debüt ihres Projekts Nu Guinea vor, das sich mit seiner aktuellen Platte „Nuova Napoli“ vom Geheimtipp zum Durchstarter der Rare-Groove- Szene entwickelt hat. Das Duo beschwört darauf einen neapolitanischen Sommersoundtrack, der aus den späten 70ern oder frühen 80ern stammen könnte. Mit einer achtköpfigen Band bringen sie ihn am heutigen Donnerstag erstmals auf eine Bühne in Berlin – dorthin, wo die „Nuova Napoli“-Songs entstanden sind.

Neapolitanischen Disco- und Jazz-Funk-Platten als Inspiration

Eigentlich kommen die beiden aus einem ganz anderen Genre: Mit Minimal und Techno fingen sie als blutjunge Producer vor mehr als zehn Jahren an. Di Lena ist an diesem Vormittag noch in Neapel, eine Zahnoperation steht bevor. Durch die vielen Schallplatten im Raum ist der 30-Jährige trotzdem präsent. „Massimo ist derjenige von uns, der am krassesten nach Platten sucht“, erzählt Aquilina und fügt hinzu: „Wir fangen immer mit einer musikalischen Inspiration an: eine Scheibe, ein Riff, irgendwas“.

Das Projekt Nu Guinea – benannt nach einem utopischen Ort, an dem die Klänge verschiedener Kulturen zusammenkommen – gibt es seit einigen Jahren. Zwei eher elektronische, House-lastige EPs sind bereits erschienen. Das aktuelle, dezidiert neapolitanisch ausgerichtete Projekt, so berichtet es Di Lena später am Telefon, ist eher zufällig entstanden: „Eigentlich kam das ohne jede Vorahnung. Wir haben diese verrückten neapolitanischen Disco- und Jazz-Funk-Platten aus den 70ern gefunden und haben von da einfach weitergemacht, gejammt.“ Extrem lange Hör-Sessions seien das gewesen, erzählt auch Aquilina, während er einen alten Synthesizer zur Sound-Demonstration anstöpselt und im Hintergrund Airto Moreiras Karneval-Samba-Klassiker „Tombo in 7/4“ läuft.

Pino Daniele, Napoli Centrale, Tony Esposito: Diese Künstler und Gruppen mit ihren Anleihen bei Jazz-Funk und Disco waren die Blaupause für das Projekt. Auch, weil auf sie Neapolitanisch singen. „Alles in allem war es ein sehr nostalgischer Prozess. Wir haben diese Musik gehört und dazu Songs im neapolitanischen Dialekt geschrieben“, so Aquilina.

Ausgedacht in Berlin, aufgenommen in Neapel

„Nuova Napoli“ strotzt vor balearischem Feel-Good-Sound, der die gelassene Klangästhetik der späten 70er und frühen 80er mit geradlinigen Keyboardlinien und unaufgeregtem Gesang zusammenbringt. Auf „Parev Ajere“, einem der stärksten Songs der Platte, wird über einem Clavinet-artig wabernden Keyboard und dem wuchtigen Schlagzeug, dem die Linn-Drummachine zu noch mehr Power verhilft, Neapel in verträumt-nostalgischer Art besungen. „Es scheint, als ob es gestern wäre, als wir ans Meer gingen“, heißt es da, und wenig später geht es um eine alte Frau, die am Straßenrand Pizza verkaufte und jetzt verschwunden ist.

Nu Guinea haben sich die Songs in Berlin ausgedacht und reisten für die Aufnahmen in ihre Heimatstadt. „Mit einer klaren Idee für jeden Track sind wir mit unseren Freunden ins Studio gegangen“, erzählt Aquilina. „Der harte Teil war, es organisch klingen zu lassen. Denn die verschiedenen Stimmen und Instrumente haben wir nicht gemeinsam aufgenommen. Am Ende kam es auf die Post-Produktion an.“ Die haben sie, ganz modern, mit dem Programm Ableton Live gemacht. „Ich mag Vintage-Technologie, alte Sounds, Maschinen und Instrumente. Aber wir arbeiten in erster Linie mit unserem Ohr und wollen den Sound emulieren.“ Wie genau das geschehe, sei egal, für Purismus ist kein Platz. Und es funktioniert ja: Mehr als 15 000 Platten hat das Duo verkauft, eine Zahl, die gemessen an der ersten Pressung – 1000 Stück – die Erwartungen weit überstiegen hat.

Demnächst spielen die beiden in Brasilien

Als DJ-Duo sind Aquilina und Di Lena bereits mehrfach aufgetreten, haben auch die Panorama Bar des Berghains bespielt. Die Band aber, mit der die beiden am Donnerstag in Berlin ihren Einstand feiern, ist relativ jung. In Neapel hätten sie schon während der Proben mit ihren Freunden die ersten Anfragen bekommen, erzählt Aquilina. So haben sie in Italien schon häufig gespielt, demnächst geht es nach Brasilien und Montenegro. Nur Berlin stand bis jetzt einfach nicht an. „Wir haben gewartet, dass uns jemand anspricht, aber bis jetzt ist einfach nichts gekommen“, sagt Aquilina, der wie Di Lena Keyboard spielt und singt.

Dass sie am Donnerstag im Kreuzberger Club Prince Charles aufteten, liegt nicht zuletzt am J.A.W.-Kollektiv. Seit vielen Jahren bringen die Veranstalter mit ihrem Fokus auf Soul, Jazz und Disco Acts in die Hauptstadt, die eigentlich nicht so richtig in den Berliner Sound passen. Und ebnen so auch Nu Guinea den Weg.

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„Nach Berlin sind wir nicht hauptsächlich wegen der Musik gezogen, sondern wegen der Freiheit, die die Stadt dir bietet“, erzählt Di Lena. Doch das Berlin, das immer für kompromisslose Elektronik, für Techno, House und alle Zwischenspielarten stand, wandelt sich, das wird man auch im Prince Charles erleben können, wenn es für einen Abend wie ein nostalgisches Utopia-Neapel klingt.
Konzert: Prince Charles, 23.5., 21.30 Uhr

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