Oliver Polaks Buch "Gegen Judenhass" : Ein Komiker macht Ernst

Wie war das mit Böhmermann und dem Antisemitismus? Oliver Polak schlägt in seinem Buch „Gegen Judenhass“ andere Töne an.

Provoziert gern. Oliver Polak, 42, hat sich mit Shows wie „Jud Süß Sauer“ einen Namen gemacht.
Provoziert gern. Oliver Polak, 42, hat sich mit Shows wie „Jud Süß Sauer“ einen Namen gemacht.Foto: Olaf Heine/Suhrkamp Verlag

Die Sache war geprobt. Ein von den beteiligten Komikern gemeinsam geplanter und aufgeführter Sketch. Das sagt jetzt jedenfalls Jan Böhmermann in seinem Spotify-Podcast „Fest und flauschig“.

Seit das Wochenblatt „Freitag“ herausgefunden hat, dass es Böhmermann war, der in einer von Oliver Polak als antisemitisch empfundenen Episode die Hauptrolle spielt, sieht sich der prominente TV-Comedian mit einem aufgeregt diskutierten Antisemitismusvorwurf konfrontiert. In seinem neuen Buch „Gegen Judenhass“ erinnert sich Polak ohne Namensnennung daran, wie Böhmermann in einer betont auf Krawall gebürsteten Tabubrecher-Show zum Bühnenjubiläum des „Hasspredigers“ Serdar Somuncu nach dem Auftritt des Juden Polak die Hände der Comedians desinfizierte. Wenn die Sache mit Polak nun aber abgesprochen war, dürfte sich die Antisemitismusdebatte erledigt haben – und damit auch die Debatte um Polaks zum Buch gewordenen Appell gegen Judenhass.

Als Nullnummer eines notorischen Provokateurs ist Polaks schmaler, signalroter Band damit trotzdem nicht diskreditiert. Auch wenn ein Komiker, der seine Bücher und Stand-up-Programme „Ich darf das, ich bin Jude“, „Jud Süß Sauer“, „Der jüdische Patient“ oder „Der End-Gegner“ nennt, damit rechnen muss, in Sachen Judenwitze von Kollegen und Publikum nicht mit Glacéhandschuhen angefasst zu werden. So wie das in der Somuncu-Show mit Böhmermann und Klaas Heuer-Umlauf geschah. Und so wie das backstage bei Liveauftritten geschieht. Etwa im Frühling 2012. Da lächelt ihn der Geschäftsführer einer offenen Bühne in Berlin in der Garderobe süffisant an und sagt: „Wenn du heute wieder nicht lustig bist, landest du im Aschenbecher.“

Hänseleien und Attacken in der Kindheit

Ist diese ebenfalls im Buch nachzulesende Bemerkung einfach nur geschmacklos oder bösartig antisemitisch? Die Antwort überlässt der 1976 in Papenburg geborene Sohn eines Holocaust-Überlebenden den Lesern. Er reiht nach gut 70, teils nur mit einer Frage oder einem Satz bedruckten Seiten, die reichlich luftig zusammengestrickt gängige Vorurteile über Juden samt ihrer Entkräftung enthalten, ein Erlebnis nach dem anderen auf, sachlich und unkommentiert.

Einige der Hänseleien und Attacken, die Polak als jüdisches Kind im Emsland ertragen musste, sind schon aus vorherigen Büchern bekannt. Das entschärft sie jedoch kein bisschen. Auch diese Zeitung kommt vor. „Herr Polak, warum suchen Juden immer das Mitleid der deutschen Öffentlichkeit?“, wird er 2008 in einem Interview mit dem Tagesspiegel gefragt. „Ich schweige“, schreibt Polak und diagnostiziert eine in Deutschland grassierende „Opfer-zum-Täter-Mechanik“, die Juden unterstellt, Profit aus der Schoah zu ziehen – häufig gepaart mit Kritik am Staat Israel. Wie die meisten von Polaks unsortierten Beobachtungen, die Antisemitismusforscher selbstredend umfänglicher und besser zu analysieren verstehen, trifft auch diese zu.

Polak fürchtet den „Holocaust der Erinnerung“

Er habe sich dazu entschlossen, das Wort zum Thema Antisemitismus zu ergreifen, da die Aktualität es ihm nicht ermögliche, nicht darüber zu schreiben. So eröffnet er seinen Appell und benennt unter anderem den Eklat um die Echo-Verleihung wegen Rapsongs mit antisemitischen Inhalten, die zunehmende Gewalt gegen Juden, den angeblich „importierten“ Antisemitismus, der seiner Erfahrung nach in Deutschland immer da war. Und der den Komiker – was für ein bitterer Befund im Deutschland des Jahres 2018 – inzwischen so beunruhigt, dass er zum ersten Mal ernst wird und gegen den Hass anschreibt. Mit flapsigen, seinem üblichen Duktus entsprechenden Sätzen wie „Richtig problematisch wird es, wenn du nach deinem achtzehnten Lebensjahr weiter an den Weihnachtsmann, den Osterhasen oder den raffgierigen Juden glaubst.“ Und dem moralischen Schlusssatz: „Das Ende vom Menschenhass beginnt mit dir“.

Für Oliver Polak ist es kein Zufall, dass die Zunahme antijüdischer Ressentiments mit dem Aussterben der Zeitzeugengeneration zusammenfällt. Ihnen gegenüber habe sich die deutsche Gesellschaft zum Schwur „Nie wieder!“ verpflichtet. Ein Versprechen, das mit der nachlassenden Erinnerung aufweicht. Polak fürchtet den „Holocaust der Erinnerung“ und bekämpft ihn auch mit der Widmung des Buchs an Mireille Knoll. Die 85-jährige Holocaust-Überlebende wurde im März in Paris ermordet. Das Motiv: Judenhass.

Oliver Polak: Gegen Judenhass. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 127 Seiten, 8 €

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