„Oz, Oz, Oz! (W)rap the Wizard“ im Theater Thikwa : Glückspilze wie wir

Unsinnsreise ins Kalauerland: „Oz, Oz, Oz! (W)rap the Wizard“ im Theater Thikwa persifliert das beliebte Kinderbuch über den Zauber von Oz.

An der Nase entlang. Corinna Heidepriem und Cora Frost (rechts) auf dem Weg nach Karl-Marx-Stadt, äh, zur Smaragdstadt, wo der Zauberer von Oz wohnt.
An der Nase entlang. Corinna Heidepriem und Cora Frost (rechts) auf dem Weg nach Karl-Marx-Stadt, äh, zur Smaragdstadt, wo der...Foto: david baltzer / bildbuehne.de

Wie, die wollen nichts? Die müssen doch was wollen! Der Zauberer von Oz ist platt. In den reichlich hundert Jahren, die seit Erscheinen von Lyman Frank Baums Kinderbuch „The Wonderful Wizard of Oz“ verflossen sind, hat es das noch in keiner der zahllosen Adaptionen gegeben: ein auf seinem Schloss in der Smaragdstadt erscheinende Reisegruppe, die wunschlos glücklich ist, eine Dorothy, die dem vielgestaltigen Wunscherfüller sagt: „Wir wollen nix!“ Was ja nichts anderes heißt, als: Wir haben schon alles. Das ist ein Satz, der in Zeiten permanenter Selbstoptimierung absolut nicht vorgesehen ist. Zumindest nicht, wenn man eine Vogelscheuche ohne Hirn ist, deren Dummheit Torsten Holzapfel in neunmalkluge Nonsensreime kleidet. Ein von Louis Edler überrascht gelenkig gespielter Blechmann ohne Herz. Oder der von Konstantin Langenick angemessen angstschlotternd dargestellte Löwe ohne Mut. Von der heimatlosen, doppelten Dorothy gar nicht zu reden, die in Gestalt von Corinna Heidepriem und der rabaukig aufgelegten Cora Frost so gar nichts von dem mädchenhaften Schmelz hat, den ihr Judy Garland 1939 in der Hollywood-Verfilmung als Interpretin von „Somewhere Over The Rainbow“ verpasste.

Auf diesen Technicolor-Klassiker bezieht sich Gerd Hartmanns Persiflage „Oz, Oz, Oz! (W)rap the Wizard!“ selbstredend. Und in der Tat scheint eine Geschichte über imperfekte Wesen, denen zu ihrem Glück Verstand, Gefühl, Mut – oder letztlich nur ein Quäntchen Selbstvertrauen fehlt – wie gemacht für die inklusive Theatertruppe. Immerhin gibt es bei Thikwa Darsteller, die Szenenapplaus für überzeugende Monologe kassieren, ohne dass man auch nur eines der inbrünstig vorgetragenen Wörter identifiziert. Deren Bedeutung kapiert man ja trotzdem.

Wanderung auf einer leeren Bühne

Das Musicalmärchen nun eins zu eins in eine Selbstermächtigungsrevue nach dem Vogelscheuchen-Motto „doof, aber oho“ umzudrehen, fällt dem von Regie, Ensemble und Gaststar Frost gemeinsam entwickelten Stück aber zum Glück nicht ein. Ihre Wanderung auf einer leeren nur durch Lichtstimmungen und wenige Requisiten verwandelten Bühne entpuppt sich als Unsinnsreise ins Kalauerland.

„Komm mit zum Oz-Schloss, zur Smaragdstadt, klingt wie Karl-Marx-Stadt, da geht die Post ab“ (wahlweise: da fällt der Fuß ab), lautet der bei jedem neu angeheuerten Gefährten wiederholte Refrain der mehr im Indiepop als im Musical heimischen Reisegruppe. „Du bist ein altes Flittchen, wir sind die geilen Schnittchen“, muss sich der von Peter Pankow glamourös und gewichtig verkörperte Magier ansingen lassen. Und der Löwe findet seine Angst „besser als Messer oder den Frauennamen Vanessa“.

Farbenreiche Theatermusik

Für tiefgründigere philosophische Einlagen in diesem lebensbejahenden Fez ist Martin Clausen zuständig, der als eine Art Conférencier über Zauberland-typische Themen wie Wünsche und Gefühle parliert. Das harmoniert mit den „Musical-Choreografien“, die an rhythmische Sportgymnastik erinnern.

Größtes atmosphärisches Pfund ist die farbenreiche Theatermusik. Der auf Gitarre und Daxophon improvisierende Jazzer Kazuhisa Uchihashi und der Beatboxer Raphael Schall fabrizieren ihren Genremix live vorn am Bühnenrand. Das klingt so bannend, dass die Dorothys, die der Sturm in das Land über dem Regenbogen geweht hat, doch nicht mehr heim wollen. „Alter, weißer, heterosexueller Mann, wir wollen bei Dir bleiben“, fleht Cora Frost den perplexen Zauberer an, „lass’ uns ein Projekt machen“. Das wäre Judy Garland nie eingefallen.

Theater Thikwa, Fidicinstr. 40, wieder am 18., 19. 23.-26. Januar

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