Performancekünstler als Filmemacher : John Bock: "Ich finde Kino reizvoller"

Künstler John Bock verlegt sich aufs Filmemachen. Sein jüngstes Werk plündert die Welten des Mittelalters. Ein Interview aus dem neuen Magazin „Kunst Berlin“.

Wechselbalg. Der Berliner Aktionskünstler John Bock, 53.
Wechselbalg. Der Berliner Aktionskünstler John Bock, 53.Foto: Oliver Wolff

John Bock, 53, ist Berliner Aktionskünstler und Filmemacher. Er studierte in Hamburg und lehrt heute in Karlsruhe. Sein Western „Hell's Bells“ war 2017 in der Berlinischen Galerie in seiner Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“ zu sehen. Nach dem Western entdeckt er nun das Mittelalter. Sein neuer Film hat am 24. November in der Galerie Sprüth Magers Premiere (Oranienburger Straße 18). Über die Tücken am Set erzählt John Bock im Tagesspiegel-Magazin „Kunst Berlin“.

John Bock, erst haben Sie einen Western gedreht, nun folgt ein Mittelalterfilm mit dem Titel „Unheil“. Klappern Sie jetzt alle Filmgenres ab?

Das war reiner Zufall. Vergangenes Jahr habe ich mit meiner Kleinfamilie eine Tour gemacht, fünf Tage im Bus. Irgendwann sind wir in Vorpommern im Ukranenland gelandet, einem rekonstruierten Dorf aus dem Mittelalter. Das fand ich sehr inspirierend.

Ein Freilichtmuseum ist der Anlass für Ihren neuen Film in der Galerie Sprüth Magers?

Genau, ich dachte: Super, da steht schon ein Set, du musst nicht viel umbauen und es wirkt authentisch. Am Mittelalter interessiert mich vor allem das Bäuerliche - das Abgewrackte, Kränkelnde, das Abweichende, Dreckige und Pestartige.

Manches davon klingt, als käme es direkt aus Ihrem Western „Hell's Bells“. Können Sie kurz sagen, worum es da neunzig Minuten lang geht? Bei Western denkt man sofort an Klischees wie Prügeleien im Saloon oder schießende Cowboys.

Und alle haben sie weiße Zähne. Bei mir ist das anders ... In „Hell’s Bells“ kommt eine Unbekannte mit einem kleinen Mädchen in die Stadt, in der Lars Eidinger als Boss im Goldgewerbe tätig ist. Die Frau wird provoziert und erschießt ihre Gegner im Duell. Den Boss macht das wütend, er lässt der Frau, gespielt von Bibiana Beglau, die Hände zu Brei schlagen. Nachdem ihr der Priester, gespielt von Frank Seppeler, Prothesen aus Hufeisen gebaut hat, kauft sie eine Waffe, spannt sie in die Prothesen und erschießt, erhängt, zerstückelt ihre Feinde.

Aber „Hell’s Bells“ hält noch eine Überraschung parat.

Am Ende kommt es zu einem transzendenten Showdown. Das kleine Mädchen erweist sich dabei als treibende Kraft. Es sieht süß aus, ist aber eigentlich das böseste von allen Wesen, das zeigt sich in einer kurzen Szene. Es dirigiert Bibiana Beglau, das wird im Subtext klar.

Sie verwenden also bloß ein paar klassische Elemente aus dem Westerngenre …

… und verbinde sie mit meinen Objekten und mit meiner verdrehten Sprache, von der Bruchstücke im Ohr hängen bleiben und in die Hirnmasse wandern. Dann vernetze ich alles und vertraue auf die Schauspieler. Ich bin kein typischer Regisseur, der sich jede Szene genau vorstellt. Ich umreiße sie und arbeite deswegen gern mit Profis zusammen, die sich schnell in die Rolle einfinden. „Unheil“ drehen wir Anfang Oktober fünf Tage lang.

Aber Sie schreiben die Drehbücher?

Ja, die gab es schon für meine eigenen Performances, die bei mir Vorträge heißen. Für den Mittelalterfilm habe ich mir von der Drehbuchautorin Tina Thoene helfen lassen, weil ich psychologisch tiefer in die Personen schlüpfen wollte.

Wie tief steigen Sie für das Genre Mittelalter in die Filmgeschichte?

Meine Recherche läuft überwiegend über Filme. Ich steige nicht historisch ein, weil es mir unwichtig ist, alles authentisch nachzubilden. Meine selbst gebauten Objekte passen ja auch nicht in die Zeit. Ich konzentriere mich auf das Abwegige im damaligen ländlichen Leben mit seinem Aberglauben und der Angst vor dem Wald. Der Aberglaube ist so groß, dass man Rituale braucht und darin eine Wahrheit sieht, die dem Christentum als Konkurrenz gegenübergestellt wird.

Und das vermittelt sich im Film?

In „Unheil“ wird erst zum Schluss klar, worum es geht. Anfangs sieht man eine Frau mit einer kranken Tochter. Das Sippenoberhaupt des Dorfes will das Kind dem Waldwesen opfern, weil eine schlechte Ernte droht. Dann verschwindet das Mädchen, und aus der Dunkelheit tritt Lars Eidinger als Schamanenfigur. Er kennt kleine technische Tricks, verkörpert die Gegenwelt zum Aberglauben und versucht detektivisch, das Verschwinden der Tochter zu klären. Dazu baut er ein Ritualfeld auf. Zum Schluss kommt Schleim aus dem Wald, den mache ich mit einem Special Effect.

Apropos Effekte: Wie finanzieren Sie die Filme? Eine Produktion ist ja selbst im kleineren Rahmen sehr aufwendig und kostenintensiv.

Ich komme aus der Kunstwelt und habe Sammler, die meine Arbeit mögen und zum Teil finanzieren. Ich bin aber auch sehr glücklich darüber, dass es für „Unheil“ eine Förderung vom Medienboard gibt. Es herrscht immer noch strikte Trennung zwischen Kunst- und Spielfilm. Im Kunstbereich heißt es: Wow, dein Film ist 90 Minuten lang und narrativ, damit musst du in die Filmbranche. Dort sagen sie: Oje, da versteht ja keiner die Schauspieler. Und übrigens, wo ist denn das Pferd zum Western?

Ja, wieso gibt es keins?

Die Miete war einfach zu teuer. Ich baue mir also aus der Not einen anderen Film. „Hell’s Bells“ spielte zum Beispiel nur nachts. Das sollte so richtig dunkel sein, aus der Hölle heraus.

Produzieren Sie Ihre Filme fürs Kino oder den Ausstellungsraum?

Früher war es mir egal, jetzt fände ich das Kino wieder reizvoll, aber die Chancen sind gering. In meinen Installationen gibt es aber auch ein paar Stühle, auf denen man sich den Film, diesen verschmutzten Leinwandbrocken, 90 Minuten lang anschauen kann.

Anfangs haben Sie Ihre Performances selbst aufgeführt.

Früher war das eine Aneinanderreihung von Bildern, ganz einfach. Ich baute zehn Objekte in meinem Atelier und hatte einen Parcours, auf dem ich jedes dieser Objekte ansteuerte und mit einem Text verband. Die Filme sind jetzt ungeheuer verschachtelt, es gibt Träume und Visionen.

Waren Sie es leid, vor der Kamera zu stehen?

Nöö, ich habe ganz nüchtern gesehen: Die Schauspieler sind variantenreicher und holen mehr aus der Figur heraus.

Werden Sie wieder auftreten?

Eher nicht. Ich gebe mit den Objekten und ihrer Wesenspräsenz etwas vor. In „Unheil“ tauchen unter anderem eine seltsame Flugmaschine, ein Ritualfeld oder eine Art Rekorder auf. Die Schauspieler sollen damit so selbstverständlich umgehen, als löffelten sie Suppe aus. Andererseits kann immer Unvorhersehbares passieren. Wenn bei einem Objekt plötzlich etwas abbricht oder nicht wie geplant funktioniert, muss man improvisieren. Es kann aber auch etwas Neues entstehen. Bei „Hell's Bells“ hat Lars nach einem Haar-Objekt gefragt. Er ist ein Materialkünstler, auch deshalb arbeiten wir so gut zusammen. In der Saloon-Szene hat er an Schnecken geleckt. Das war nicht meine Idee, aber super – wurde eingebaut.

Interview: Christiane Meixner. Zur Art Week ist das neue Tagesspiegel-Magazin „Kunst Berlin“ erschienen. Mit diesem und vielen anderen Gesprächen. Für 12,80 Euro erhältlich am Kiosk, im Buchhandel und online im Tagesspiegel-Shop.

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