• Peter Handkes Nobelpreisrede: Über die Mutter, die Onkel und die Kindheit - und nichts zu Jugoslawien

Peter Handkes Nobelpreisrede : Über die Mutter, die Onkel und die Kindheit - und nichts zu Jugoslawien

Lieber keine Versöhnung suchen und ganz bei sich selbst bleiben: Peter Handkes Nobelpreisrede am Samstagabend in Stockholm.

Peter Handke am Samstag nach seiner Nobelpreisrede
Peter Handke am Samstag nach seiner NobelpreisredeFoto: AFP

Peter Handke scheint den Tränen nah zu sein an diesem Samstagabend in der Schwedischen Akademie in Stockholm. Während der Nobelpreis-Lesung wird seine Stimme immer brüchiger, bis zu einer Geschichte, die ihm die Mutter erzählt hatte, als er ein Kind war. Sie handelt von einem anderen Kind, das nicht von seiner leiblichen Mutter aufgezogen wird, einer Magd, sondern von deren Arbeitgeberin.

Dieses Kind entdeckt eines Tages, da die Magd es aus den Fängen eines Zaunes rettet, was für weiche Hände diese hat.

Das ist wirklich eine rührende Geschichte, und man hat den Eindruck, dass Peter Handke bei seiner Nobelpreisrede doch sehr von sich selbst gerührt ist; und von den Erinnerungen an seine Mutter und deren Geschichten, gerade über seine beiden im Zweiten Weltkrieg gefallenen Onkel Hans und Gregor, Geschichten, die ihm die Mutter häufig erzählt hatte.

Im Zentrum der Rede steht das Stück "Über die Dörfer" von 1981

Zwei davon hat er nun integriert, zwei kurze, aber für sein „Schreiberleben entscheidenden Episoden“, wie er sagt, eine über Hans, eine über Gregor, die tatsächlich in vielen seiner Bücher als fiktive Figuren auftauchen, oft als Brüder des Erzählers.

Dass Handke nicht zu der Debatte um seine starre Haltung zu den Kriegen in Jugoslawien Stellung beziehen würde, das konnte man vorher aus Äußerungen von ihm über den Inhalt der Rede schließen. Da hatte er davon gesprochen, dass im Zentrum sein in den späten siebziger Jahren entstandenes und 1981 veröffentlichtes Stück „Über die Dörfer“ stehen, es um seine Mutter und seine Kindheit gehen würde.

Und so ist es: Der Beginn und insbesondere das Ende des sogenannten dramatischen Gedichts „Über die Dörfer“ nehmen einen großen Teil ein. Dessen Hauptfiguren sind Gregor, der zurück in sein Heimatdorf kommt, um mit seinen Geschwistern Hans und Sophie zu regeln, was mit Haus und Grundstück der verstorbenen Eltern werden soll.

Wie Handke an diesem Abend in Stockholm selbst angefasst wirkt, so ist auch Gregor ergriffen von seiner langsamen Heimkehr in die Heimat: „O Fluss im Nebel. O Herbstfarben am anderen Ufer ... O Erde, die man einst das Reich des Lichtes genannt hat ...", spricht er zu Beginn.

Handke lässt lieber seine „Nova“ zu Wort, sehr lange zu Wort kommen, eine Frau, „welcher das Reden immer wieder sehr schwer fällt.“ Doch sie redet ganz schön viel, sie fordert, appelliert, räsoniert, ihre Worte sind voller Pathos, mal substanziell, mal hohl.

Handke erwähnt, dass er 2014 in Norwegen war

Beispiele? „Die Zeit ist jenes Vibrieren, das auch durch das verfluchte Jahrhundert hilft. Zeit, ich habe dich!“ Oder: „Die Form ist das Gesetz, und es richtet euch auf. Der ewige Friede ist möglich.“
Im Werk von Handke nimmt das Stück eine zentrale Stellung ein. Es ist der Abschluss einer Tetralogie, die mit dem Roman „Langsame Heimkehr“ 1979 beginnt und mit „Über die Dörfer“ endet.

Handke wurde damit zu dem Handke von heute, von dem, wenn man so will: Pop-Dichter zu einem Schriftsteller, der nach dem ausschließlich Schönen, Romantischen, Wahren, Klassischen trachtet und sich bei seinen Sprachmetzereien und -spielereien oft im Mystischen, Esoterischen und Religiösen verirrt. Doch wirkt Handkes Rede auch, als habe er sich nicht allzu viel Mühe gegeben.

Er erwähnt kurz ein paar seiner anderen Bücher, „Der kurze Brief zum langen Abschied“, „Die Wiederholung“, streift genauso kurz Kino und Pop, gesteht, dass er „von den slowenisch-slawischen religiösen Litaneien unter den romantischen Bögen der Kirche“ seines Geburtsortes als Kind „durchdrungen wurde“, mehr als von jedweder Kunst, zitiert einige dieser Litaneien im Original – und erinnert dann daran, dass er ja schon mal in Skandinavien gewesen sei, in Norwegen, „dank Henrik Ibsen“. 2014 war das, da hatte er den Ibsen-Preis bekommen und nicht weniger Empörung als jetzt in Schweden ausgelöst.

Es geht um die Wurzeln seines Schreibens

Handke erwähnt einen seiner Bodyguards, immerhin, der Gedichte geschrieben und ihm vorgetragen habe. Und er erzählt, wie er mit einem jungen Schriftsteller in Oslo vor dem Schaufenster einer Buchhandlung stand und dieser sich über sein erstes dort ausliegendes Buch freute, „eben wir nur ein Kind sich freuen kann.“

Diese beiden grüßt er mit einem Gedicht des 2015 verstorbenen schwedischen Lyrikers und Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer, und das war es.

Die kurze Rede ist Handkes Leben, insbesondere seiner Herkunft immanent, mit ihr hat er die Wurzeln seines Schreibens benannt. Auf die Herkunft rekurriert er literarisch häufig seit „Langsame Heimkehr“, abgesehen von den Jugoslawien-Schriften. Die Chance zur Versöhnung aber, einer politischen, die ihm dieser Auftritt erlaubt hätte, die hat Peter Handke bewusst nicht ergriffen. Er ist lieber ganz bei sich selbst geblieben.

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