• Premiere an der Komischen Oper: Barrie Kosky inszeniert Weinbergers „Frühlingsstürme“

Premiere an der Komischen Oper : Barrie Kosky inszeniert Weinbergers „Frühlingsstürme“

Mischmasch aus der Mandschurei oder Die letzte Operette der Weimarer Republik: Barrie Koskys "Frühlingsstürme" an der Komischen Oper.

Szene aus Barrie Koskys Inszenierung der "Frühlingsstürme" an der Komischen Oper
Szene aus Barrie Koskys Inszenierung der "Frühlingsstürme" an der Komischen OperFoto: Iko Freese/Drama/Komische Oper

Diese Produktion ist eine humanistische Großtat. Weil sie einem Komponisten, den die Nationalsozialisten mundtot gemacht haben, seine Stimme zurückgibt.

Jaromir Weinberger, 1896 in Prag geboren, hatte 1927 einen Welthit gelandet. Bis nach New York und Buenos Aires wurde "Schwanda, der Dudelsackpfeifer" exportiert, in der Saison 1929/30 stand die Oper häufiger auf den Spielplänen deutschsprachiger Bühnen als "Carmen" und "Die Zauberflöte". Sensationelles erwartete man sich darum auch von Weinbergers erster Operette, die am 20. Januar 1933 im Admiralspalast herauskam, mit Startenor Richard Tauber in der männlichen Hauptrolle.

Doch nach dem Machtwechsel gerieten die weitgehend von jüdischen Akteuren getragenen "Frühlingsstürme" sofort ins Visier der Politik, am 12. März fiel der letzte Vorhang. Jaromir Weinberger gelang es zwar, in die USA zu emigrieren, doch künstlerisch Fuß fassen konnte er dort nie. 1967 beendete er sein Leben mit einer Überdosis Schlaftabletten.

Die Endphase der Weimarer Republik ist eine Zeit, die Barrie Kosky schon lange beschäftigt. Seit er 2012 die Intendanz der Komischen Oper übernommen hat, erforscht er systematisch das Unterhaltungstheaterleben jener Jahre, gräbt mit seinem Chefdramaturgen Ulrich Lenz vergessene Werke aus.

Der Sound ist luxuriös üppig und stilistisch verwirrend

"Die Perlen der Kleopatra" und "Eine Frau, die weiß, was sie will" von Oscar Straus hat er schon ins Bewusstsein zurückgeholt, Paul Abrahams "Ball im Savoy" sogar ins Repertoire. Das 1932 uraufgeführte Stück wird inzwischen rege nachgespielt.

In dieser Spielzeit nun setzt Kosky auf eine Wiedergutmachung für Weinberger. Andreas Homoki wird im März "Schwanda" an der Komischen Oper inszenieren, der Hausherr selber übernahm die Exhumierung der "Frühlingsstürme". (wieder am 29. Januar, 8., 13. und 23. Februar sowie im März, April und Juni). Und er hat dafür mehr investiert als den üblichen Ausstattungsetat: Weil die Originalpartitur verschollen ist, wurde Norbert Biermann mit einer Rekonstruktion des Notenmaterials beauftragt.

Zwei Jahre lang hat er getüftelt, damit Kapellmeister Jordan de Souza und das hochmotivierte Orchester jetzt einen luxuriös üppigen, stilistisch verwirrend vielfältigen Sound entfalten können.
Chamäleonhaft vermag der tschechische Komponist so ziemlich jede Musikfarbe anzunehmen, die Anfang der 1930er Jahre en vogue war: Mal klingt es nach jener nervlich überreizten Spätromantik, für die damals Franz Schreker oder Erich Wolfgang Korngold standen, mal imitiert er Lehárs melodramatische Sentimentalität, dann wieder amerikanische Jazzklänge.

Hier streut Weinberger einen Foxtrott ein, dort einen Tango, asiatisch Exotisches mischt sich mit traditionell Slawischem und Wiener Walzergeschmeidigkeit.
Eine krudes Mischmasch ist auch das Libretto: Die ersten beiden Akte spielen in der Mandschurei, im Hauptquartier der russischen Armee, in das sich - als Chinesen verkleidete - japanische Spione eingeschlichen haben, zum Finale geht es dann an die italienische Riviera. Neben allerlei ranghohen Militärs treten auf: eine lustige Witwe, ein vergnügungssüchtiger Backfisch sowie ein deutscher Journalist, der sich auch mal als Koch und Zauberer ausgibt.

Für Knalleffekte sorgen echte Feuerwerkskörüer

Für diesen boulevardesken Budenzauber haben Klaus Grünberg und seine Ko-Bühnenbildnerin Anne Kuhn eine raumfüllende Kiste zimmern lassen, die sich in alle Richtungen aus- und umklappen lässt sowie jede Menge Schwingtüren für rasante Auf- und Abtritte hat. Das ist zweckdienlich, betont optisch aber doch sehr den Werkstattcharakter des Abends.

Für Knalleffekte müssen da echte Feuerwerkskörper sorgen, die im Hintergrund gezündet werden, für Glamour die von Dinah Ehm kreierten Kostüme: Operettenuniformen für die Herren, Haute-Couture-Roben für die Damen, knallbunt Chinesisches für das Dutzend Tänzerinnen, denen Choreograf Otto Pichler auf seine gewohnt erotisch-ironische Art Beine macht.

Auch Barrie Kosky lässt den "Frühlingsstürmen" seine vielfach erprobte Turbo-Personenregie angedeihen, kulminierend im virtuosen Slapstick-Spaß mit einer heiß laufenden Hotel-Drehtür.

Das ist handwerklich von allerhöchster Qualität, gerade auch in den so schwer zu inszenierenden Dialogen, offenbart allerdings umso deutlicher das Problem des Stücks. Denn Weinberger und sein Librettisten Gustav Beer haben eben keine Revue-Operette geliefert, keine frechzüngige Zeitgeist-Show fürs Berliner Sündenbabel.

Altbacken kommt der Plot daher, in dem die männlichen Charaktere vor allem mit der Pflicht hadern und die weiblichen sich fügen müssen. Emanzipatorisch fällt das weit hinter Paul Abrahams Figurenzeichnung zurück, das gewählte Milieu in der Diaspora steht in scharfem Kontrast zu dessen elektrisierender Urbanität.

Leider brennt sich keine Nummer ins Gedächtnis

Während das Buffo-Pärchen, Dominik Köninger als Reporter Roderich Zirbitz und Alma Sadé als Offizierstochter Tatjana, in diesem Ambiente allzu schrill, zu laut und zappelig erscheint, wirken die hohen Herrschaften, als hätten sie sich aus einem ernsten Musikdrama in diese Operette verirrt.

Wie eine echte Operndiva gestaltet Vera-Lotte Boecker also die allseits umschwärmte Lydia Pawlowska, mit leuchtenden, mühelosen Spitzentönen. Und auch Tansel Akzeybek macht es genau richtig, versucht gar nicht, Richard Taubers Ton zu imitieren, sondern verströmt sich auf seine eigene tenorale Art, schlankstimmig, jünglingshaft-leidenschaftlich.

Doch ihre weit ausgreifenden, von komplexer Harmonik unterlegten Melodien erreichen niemals Schlagerqualitäten, keine der Nummern brennt sich ins Gedächtnis.

Dem reifen Mann wiederum, der zwischen den beiden steht, hat der Komponist das emotionale Machtmittel des Gesangs ganz verwehrt. Als General Katschalow kompensiert Stefan Kurt dieses einkalkulierte Manko mit schauspielerischer Genauigkeit. Zum Unhappy End wird er als Sieger dastehen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!