Rebecca Solnits „Geschichte des Gehens“ : Das Wandern ist des Menschen Lust

Einfach mal zu Fuß los: Die Essayistin Rebecca Solnit hat aufgeschrieben, wie befreiend und schlau machend das Gehen sein kann.

Ein Wanderer an den Hängen des Großen Feldbergs im Taunus.
Ein Wanderer an den Hängen des Großen Feldbergs im Taunus.Foto: Frank Rumpenhorst dpa/lhe

Das Gehen steht im Moment, da ganz Deutschland über E-Scooter in den Städten und die sogenannte letzte Meile diskutiert, nicht hoch im Kurs. Deshalb passt es gut, dass gerade ein Buch ins Deutsche übersetzt worden ist, das in den USA zwar schon im Jahr 2000 erschien, aber aktueller denn je erscheint: Rebecca Solnits Geschichte des Gehens, „Wanderlust“. Die Essayistin, Journalistin und Schriftstellerin Solnit, die hierzulande vor ein paar Jahren mit ihrem Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ für Aufsehen sorgte, erzählt in „Wanderlust“, so formuliert sie es , „eine ungeschriebene, verborgene Geschichte“. Oder auch, jetzt im Modus des Tiefstapelns: eine „Laiengeschichte“.

Sie wandert mit ihrem Buch und in Gedanken durch verschiedenste Gebiete, von der Anatomie zur Anthropologie, von der Gartenkunst über die Architektur bis hin zu Sexualität und der Religionswissenschaft, um nur ein paar zu nennen. Es beginnt mit Thoreau, Rousseau oder Sören Kierkegaard, den großen Gehern und Denkern, setzt sich fort mit Pilgerreisen und einem der ersten Essays über das Wandern, William Hazlitts „On Going a Journey“, und endet mit einerseits feministischen Betrachtungen darüber, warum seit jeher immer nur Männern die Straße gehört und Frauen bis heute beim Gehen den größten Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind. Und andererseits mit Beobachtungen in der eigentlich fußgängerfeindlichsten Stadt der Welt, Las Vegas.

Solnit schreibt, dass erzählendes Schreiben sehr eng mit dem Gehen verknüpft sei, dass Schreiben bedeute, „einen neuen Pfad durch das Terrain der Vorstellung zu schlagen“. Tatsächlich hatte man sich vorher keine Vorstellung darüber gemacht, was mit dem Gehen alles zusammenhängt. Dass es zum Beispiel eine ästhetische Erfahrung sein kann. Oder es durchaus eng verbunden ist mit der Entwicklung der Städte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, ja, die Straße überhaupt gleichermaßen was für Flaneure ist wie für Parties, Demonstrationen oder gar Revolutionen.

Der Essay wirkt wie eine Doktorarbeit

[Rebecca Solnit: Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens. Aus dem Englischen von Daniel Fastner. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019.380 Seiten, 30 €.]

Dieser lange Essay wirkt zwar manchmal wie eine Doktorarbeit, hat aber angenehmerweise keine akademische Anmutung, so viel erzählende Literatur bringt Solnit in ihre Geschichte des Gehens ein – seien es nun Anmerkungen zu und Zitate von Jane Austen oder Virginia Woolf, Walter Benjamin oder den Beat-Poeten. „Wanderlust“ ist reich an Einfällen.

Als „primären kulturellen Akt“ bezeichnet Solnit den Gegenstand ihrer Untersuchung einmal. Vielleicht fällt das nicht nur manchen Menschen, sondern gerade auch Verkehrspolitikerinnen wieder ein, wenn sie noch mehr E-Roller zulassen. Vielleicht merken sie eines Tages, dass der öffentliche Raum für diesen einfachen, aber so gesunden, befreienden, manchmal schlau machenden Akt immer kleiner wird. Und falls nicht: dieses Buch lesen!

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