Robert Capa im Centrum Judaicum : Als wäre nichts geschehen

Robert Capa begleitete die alliierten Truppen als Kriegsreporter. Seine Fotografien aus dem zerstörten Berlin sind jetzt im Centrum Judaicum zu sehen.

Herbstsonnenschein. Robert Capa fotografierte das teilzerstörte „Café Kranzler“.
Herbstsonnenschein. Robert Capa fotografierte das teilzerstörte „Café Kranzler“.Foto: Robert Capa Archive at the International Center of Photography/New York

Centrum Judaicum, Oranienburger Str. 28–30, bis Ende April 2021. Katalog im Verlag Salzgeber, 19,80 €, im Buchhandel 24,80 €. – Mehr unter centrumjudaicum.de

„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran“, lautet ein geflügeltes Wort aus dem Mund von Robert Capa. Was sich nach Macho-Spruch anhört, hat Capa mit seinen Fotografien ungezählte Male beglaubigt. Er war als Kriegsberichterstatter immer „nah genug dran“, ob im Spanischen Bürgerkrieg oder bei der Landung der Alliierten in der Normandie. 1954 im Indochinakrieg aufseiten Frankreichs war er zu nahe dran – unmittelbar nach einer Reihe harmloser Aufnahmen marschierender Soldaten wollte er einen besseren Aussichtspunkt erklimmen, trat auf eine Mine und war tot.

Als Friedensfotograf wie sein Kollege Henri Cartier-Bresson, mit dem er – sowie mit Davis Seymour – in Paris 1947 die Agentur „Magnum“ gegründet hatte, war Capa nicht hervorgetreten. Aber was waren das auch für Zeiten! Geboren 1913 in Budapest als Ernö Friedman, musste er als 18-Jähriger vor dem autoritären Hórthy-Regime fliehen, ging – wie so viele Ungarn seiner Generation – nach Berlin, erlernte zufällig das Handwerk des Fotoreporters und zog in die vielen Kriege, die die dreißiger und vierziger Jahre bereithielten. So kam er auch nach Deutschland, mit den vorrückenden Amerikanern, machte das berühmte Foto von dem eben erschossenen US-Soldaten auf einem Leipziger Balkon und ging nach der Kapitulation Hitlerdeutschlands zurück nach Paris, das ihm nicht Heimat, sondern lediglich Arbeitsstützpunkt geworden war.

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Da erreichte ihn der Auftrag der Illustrierten „Life“, im Berlin der unmittelbaren Nachkriegsmonate zwei Reportagen zu „schießen“, eine über den Schwarzmarkt und eine zweite über den ersten jüdischen Neujahrsgottesdienst nach der Nazizeit. 120 Fotografien aus diesen beiden Serien, deren Negative und Kontaktbögen in seinem Nachlass bewahrt werden, sind jetzt in neuen, 30 mal 30 Zentimeter messenden Vergrößerungen in der Ausstellung „Berlin Sommer 1945“ im Centrum Judaicum zu sehen. Es ist eine ungeschminkte Reise in die Vergangenheit, die ein weiteres Wort Capas beglaubigt: „Die Wahrheit ist das beste Bild.“

Alles, was er in Berlin sah, war bildwürdig, so informativ und erzählend

Es sind Schnappschüsse, die Capa in Berlin machte; keiner davon entspricht so ganz dem moment décisif, wie Kollege Cartier-Bresson denjenigen Moment genannt hat, in dem sich ein Bild zu einer bleibenden Aussage verdichtet. Capa musste nur seine Rolleiflex im 6x6-Zentimeter-Mittelformat hinhalten, in den Sucherschacht blicken und abdrücken, so sehr war alles, was er in Berlin sah, bildwürdig, so informativ und erzählend.

Besucher der Ausstellung "Robert Capa. Berlin Sommer 1945".
Besucher der Ausstellung "Robert Capa. Berlin Sommer 1945".Foto: Britta Pedersen/dpa

Die Bilder, die Capa im September 1945 zumeist bei herrlichem Sonnenschein aufnahm, erzählen von einer Stadt, die eben noch unter Bombenhagel und Artilleriebeschuss gelegen hatte und nur noch eine Trümmerwüste war, deren Bewohner aber, als sei kaum etwas geschehen, in ordentlichen Kleidern und Hut und Mantel herumliefen, auf dem Schwarzmarkt tauschten oder gleich im „Café Kranzler“ auf dem Ku’damm saßen, wie zuletzt in Friedenszeiten sechs Jahre zuvor.

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Es sind Bilder von „Frauleins“, die sich angeregt mit den neuen Besatzern unterhalten, die ihr Stückchen jugendliches Lebensglück haben wollen, ob im Tanzcafé „Femina“ in der Nürnberger Straße oder vor dem Bunker Humboldthain. Von dessen Höhe zieht sich ein Panoramablick über eingefallene Hausruinen bis zum Horizont; oder die Turmstümpfe der Gedächtniskirche bohren sich in den wolkenlosen Himmel; oder am Zoo werden lizensierte Zeitungen auf einer Tonne neben Bauschutt verkauft, aber die Käufer tragen Fliege zum weißen Oberhemd. Hätte Capa, hätte irgendwer damals vorhersagen sollen, wie die Stadt nur wenige Jahre später aussieht, er hätte wohl das Falsche getippt.

Capa kehrte nicht mehr nach Berlin zurück

Die zweite Fotoserie erklärt, warum die Ausstellung im Centrum Judaicum zu sehen ist. Es sind Aufnahmen vom Neujahrsgottesdienst zum jüdischen Jahr 5706, gehalten am 9. September 1945 in der kleinen Synagoge am heutigen Fraenkelufer, die anders als ihr weit größerer Nachbarbau die Reichspogromnacht wie auch die alliierten Bombenangriffe leidlich überstanden hatte.

Aufnahmen aus den fünf Filmrollen, die Capa während des Festgottesdienstes gefüllt hatte, erschienen am 8. Oktober in einer vierseitigen Reportage in „Life“. Es erstaunt, wie frei sich Capa während des Gottesdienstes bewegen konnte, wie nah er den Teilnehmern kommen durfte. Unter ihnen war der US-Gefreite Werner Nathan, der – wie Capa an den Nachrichtenchef der Illustrierten berichtete – „aus der Tora auf Hebräisch mit deutsch-jüdischem Brooklyn-Akzent“ vorlas. Zufällig fand am nämlichen 9. September, einem Sonntag, die überhaupt erste Kundgebung für die Opfer des Faschismus im Sportpark Neukölln statt. Auch diese Veranstaltung hat Capa festgehalten.

Hermann Simon, der frühere Direktor des Centrum Judaicum, hat in einem Beitrag für den von Chana Schütz bearbeiteten und vorzüglich in Duotone gedruckten Ausstellungskatalog so weit als möglich die damals in der Synagoge Anwesenden identifiziert und berichtet von ihren Lebensschicksalen. Unter ihnen ist Erich Nelhans, der kommissarische erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Als er jüdischen Rotarmisten zur Auswanderung verhelfen wollte, wurde er 1948 vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und verschleppt. Er starb zwei Jahre später in einem Arbeitslager des Gulag.

Capa wiederum reiste 1947 gemeinsam mit dem Schriftsteller John Steinbeck in die vom Krieg schwer getroffene Sowjetunion; so entstand die später unter dem Titel „A Russian Journal“ veröffentlichte Reportage. Vom Krieg gegen Nazi-Deutschland, von den Deutschen selbst, hatte Capa genug. Er kehrte nicht mehr nach Berlin zurück, dorthin, wo seine Fotografenkarriere 15 Jahre zuvor aus Not und Zufall begonnen hatte.

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