Roman „Die Bagage“ : Im Namen der Toten

Monika Helfers Großeltern und deren sieben Kinder wurden einst als Bagage beschimpft. Jetzt hat die österreichische Autorin ihrer Familie ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer, 1947 in Au im Vorarlberg geboren.
Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer, 1947 in Au im Vorarlberg geboren.Foto: Isolde Ohlbaum/Hanser Verlag

Eines Tages steht der Pfarrer vor dem Haus von Maria und Josef (sie heißen tatsächlich so!) Moosbrugger und beginnt, Maria Moosbrugger zu beschimpfen. Ob sie wirklich glaube, es sei der Herrgott gewesen, der ihr Gesicht geformt habe?

Die Frauen kämen in den Beichtstuhl zu ihm und fragten: Warum sie, warum nicht ich? So ein Gesicht wachse nicht bei ihnen, nicht hier auf dem Land, allenfalls in der Stadt. Und: „Vom Gesicht geht’s dann direkt in den Bauch.“ Maria ist schwanger; Josef, ihr Mann, kämpft im Ersten Weltkrieg. Und Maria erfährt nicht zum ersten Mal, dass ihre unglaubliche Schönheit dort, wo sie lebt, kein Vorteil ist, sondern Bürde.

Glaubwürdige und klischeefreie Figurenzeichnung

Monika Helfers Roman „Die Bagage“ ist eine Familiengeschichte, und es ist die Geschichte ihrer eigenen Familie. Gleich zu Beginn tritt die Autorin als Ich aus den Kulissen ihrer Fiktion heraus und stellt klar, dass jenes Kind, das dort in Marias Bauch heranwächst, ihre Mutter Margarete ist. Und trotzdem ist „Die Bagage“ ein literarisches Werk von großer Qualität, das die unterschiedlichen Zeitebenen elegant wechselt und in Beziehung zueinander setzt. 

Es verfügt über eine glaubwürdige und vollkommen klischeefreie Figurenzeichnung und schildert darüber hinaus das kärgliche Ambiente des ländlichen Lebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts ohne Idyllisierung, aber auch ohne falschen Furor.

Erst Ende 1918 kehrt Josef aus dem Krieg zurück

„Die Bagage“, wie sie abschätzig genannt wird, sind Monika Helfers Großeltern und deren am Ende sieben Kinder, die im letzten Haus eines abgelegenen Tals im Bregenzerwald in Armut leben. Die Post kommt nur einmal die Woche hierher, und eines Tages im September 1914 bringt der Bote den Marschbefehl für Josef Moosbrugger.

Er wird, mit wenigen Urlaubsunterbrechungen, erst im Dezember 1918 zu seiner Familie zurückkehren und ein anderer Mann geworden sein. Gerade einmal 160 Seiten umfasst Helfers beeindruckender Roman, und doch ist er in seinen ausgearbeiteten Motiven so reich wie in seinen Einzelszenen auf größere Zusammenhänge hinausweisend.

Der Vater lehnt Grete ab, weil er sie nicht für seine Tochter hält

Denn der dunkle Motor von Helfers Roman sind gleich mehrere Traumata: In der Eröffnungsszene kriecht die etwa vierjährige Grete, Monika Helfers Mutter, heimlich ins Bett ihrer Eltern, auf Marias Seite, sodass der Vater es nicht bemerkt. Denn Josef ist überzeugt davon, dass Grete nicht sein Kind, sondern das eines mysteriösen Deutschen ist, der während der Kriegszeit im Dorf aufgetaucht ist. 

Er straft das Kind ab seiner Rückkehr aus dem Krieg mit Missachtung. Josef, so heißt es, sei im Großen und Ganzen ein liebevoller Vater gewesen, nur Grete habe er nie geschlagen – aus Ekel, das Mädchen zu berühren. Grete, das fünfte Kind von insgesamt sieben Geschwistern, wird das erste sein, das stirbt, im Alter von 42 Jahren. Die Tochter und Icherzählerin des Romans ist zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt und wird mit ihren Geschwistern bei der Tante und deren versoffenem Mann aufwachsen.

Ruhiger und unpathetischer Tonfall

Fast scheint es, als wolle die 1947 in Au im Vorarlberg geborene Monika Helfer hinter ihrem kunstvoll unaufgeregten, ruhig gehaltenen und unpathetischen Tonfall die Tragödien und verfehlten Lebensläufe verstecken, die ihre Familie geprägt haben.

Ihre Tochter Paula ist im Alter von 21 Jahren bei einem Bergunglück ums Leben gekommen. Die nicht abzustellende Erinnerung an sie und an die früh verstorbene Mutter sind für Helfer Schreibimpuls und zugleich Mahnung, sich ihrer Sache nicht allzu sicher zu sein und der Unzuverlässigkeit des Erinnerns Raum zu geben. Schließlich basiert ihr Roman auf den Kindheitserinnerungen ihrer Tante.

[Monika Helfer: Die Bagage. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2020. 160 Seiten, 19 €.]

Man vergisst sehr schnell während der Lektüre, dass man es mit einer mehr als hundert Jahre zurückliegenden Handlung zu tun hat, so wenig historisierend ist die Sprache, so aktuell ist auch der Stoff.

Würdevolles Totenbuch

Im Kern geht es immer um die Zufälligkeit von Lebensläufen und um die Ketten der sozialen und historischen Umstände: Was hätte aus der starken und klugen Maria in einer anderen Zeit an einem anderen Ort werden können, wenn ihre Schönheit nicht den Neid der Frauen und das reine Begehren der Männer auf sich gezogen hätte? Oder: Was hätte aus Gretes älterem Bruder Lorenz werden können, „wenn er nicht einer von der Bagage gewesen wäre?“

Lorenz ist die faszinierendste Nebenfigur des Romans: Als Wehrmachtssoldat lief er in Russland zur Roten Armee über, kam nach dem Krieg nach Deutschland zurück, hatte dort eine Familie und in Russland eine andere – und wurde im Alter von 50 Jahren in Bregenz von einem Auto überfahren. Als Jugendlicher war er, der mutige Choleriker, es, der die Verantwortung für die vaterlose Bagage übernahm und ihr Schutz und Nahrung sicherte. „Die Bagage“ ist ein würdevolles Totenbuch.

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