Schriftsteller André de Richaud : Die inzestuöse Zweisamkeit von Mutter und Sohn

Der französische Schriftsteller André de Richaud schrieb 1930 mit „Der Schmerz“ einen Roman, wie es damals kaum einer wagte. Er wurde später Camus zum Vorbild.

Unbeständige Gemütslage. Der Dichter, Dramatiker und Erzähler André de Richaud (1907-1968).
Unbeständige Gemütslage. Der Dichter, Dramatiker und Erzähler André de Richaud (1907-1968).Foto: R/D

Der Erste Weltkrieg macht um das Dorf im Süden Frankreichs einen Bogen. Nichts gemahnt hier an die Grabenkämpfe, den Stellungswahnsinn, die Schrecken der Giftgasattacken. „Zwischen dieser Gegend und der Front lag ganz Frankreich mit seinen ruhigen Wäldern, stillen Dörfern und verwaisten Straßen.“ So ganz aber verschont er die okzitanische Idylle nicht: Die meisten Männer des Ortes sind eingezogen worden; nur alle paar Monate kommen sie zu Besuch. Manche kehren nicht mehr zurück.

Einer davon ist der Hauptmann Georges Delombre, ein angesehener Bürger und Geschäftsmann, der seine Frau Thérèse mit seinem Tod dem Witwendasein in der Provinz ausliefert. Thérèse Delombre ist eine höchst sensible, zugleich ein wenig einfältige Frau. Ihren Mann vergisst sie rasch. Sie sieht in ihrer Situation, die ihr vom Krieg aufgezwungen wird, eine heroische Episode und gefällt sich ein wenig in der Rolle einer Romanfigur aus dem 19. Jahrhundert. Zu Lebzeiten ihres Mannes galt sie im Dorf als hochnäsig, als parvenühaft. Der Verlust des Mannes, ein Opfer fürs Vaterland, aber verleiht ihr nun Würde. Man sucht in ihr die guten Eigenschaften. Und Thérèse zieht sich zurück, erträgt voller glänzendem Schmerz den Kummer, der ihr als junger Witwe aufgebürdet ist.

Schmerzhaftes Begehren

Lange währt diese Gefasstheit nicht. Das Romanhafte ihrer Lage verwandelt sich in einen bitteren Lebensroman, wie ihn um das Jahr 1930 kaum jemand aufzuschreiben gewagt hätte. André de Richaud hat es mit sicherem Gespür für die seelische Konfusion seiner Heldin getan. Darin zeigt sich die große Begabung des damals 23-jährigen Autors: Er lässt seine aufgewühlte Thérèse an ihrer aussichtslosen Lage verzweifeln (André de Richaud: Der Schmerz. Roman. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Sophie I. Nieder. Dörlemann Verlag, Zürich 2019. 224 Seiten, 20 €).

Sie leidet an Einsamkeit, und die Einsamkeit erzeugt schmerzhaftes Begehren. Diese Frau, tugendhaft nach außen, wird im Inneren von Begierden und sexuellen Fantasien heimgesucht, und de Richaud schildert diese mit großer Schärfe und Offenheit. Es schleicht sich kein moralisierender Ton ein, keine Verurteilung der Versuchungen, denen die zurückgelassene Frau ausgesetzt ist. André de Richauds Blick ist von einer kühlen, analytischen Kraft – und das, obwohl zahlreiche persönliche Erfahrungen in den Roman eingeflossen sind.

Depressionen und Alkoholismus

André de Richaud wurde 1907 in Perpignan im Süden Frankreichs geboren. Der Vater fiel im Ersten Weltkrieg, die Mutter starb nur wenige Jahre später. André kam auf ein Internat, studierte Rechtswissenschaften und Philosophie und arbeitete als Lehrer. Früh begann er zu schreiben. Sein erster Roman, eben „La Douleur“, erschien 1930.

Das Buch machte den jungen Autor über Nacht bekannt und berüchtigt. De Richaud verließ nach diesem bravourösen Einstand den Schuldienst und arbeitete fortan als Autor, schrieb Bühnenstücke, Romane, Essays, Gedichte. Allerdings blieb der erhoffte Erfolg aus. Er litt zunehmend an Depressionen, wurde zum Alkoholiker. Trotz der Hochachtung von Jean Cocteau oder Albert Camus verlor er zusehends den Halt im Leben.

Messerscharfe Beschreibung des Unheils

Mit 51 Jahren ließ er sich unter Nennung eines falschen Geburtsdatums in ein Altersheim einweisen. 1965 veröffentlichte er noch den Roman „Je ne suis pas mort“ (Ich bin nicht tot), mit dem er wiederentdeckt wurde. Drei Jahre später starb er. In der deutschsprachigen Welt ist de Richaud nie angekommen. Die erste Übersetzung liegt erst jetzt vor, und „Der Schmerz“, von Sophie I. Nieder verführerisch kühl ins Deutsche gebracht, ist eine Entdeckung. Seine Heldin kann es mit einigen der großen, tragischen Frauenfiguren der Literaturgeschichte aufnehmen.

Das Begehren dieser Thérèse findet zunächst ein Objekt in ihrem Sohn Georges. Ihm gilt fortan die ganze Aufmerksamkeit, immer verbunden mit der Sorge, dass die Innigkeit und fast krankhaft projizierte Liebe eines Tages von ihm zurückgewiesen werden könnte. Die Art und Weise, wie die Mutter das Kind an sich bindet, ist neurotisch, hat etwas Zerstörerisches.

Immer wieder gibt es messerscharfe Beschreibungen dieser unheilvollen Beziehung: Sie verteidige den Jungen gegen den Mann, der er einmal werden würde, heißt es. Dann geschieht etwas, was das labile Gleichgewicht von Mutter und Sohn stört, die fast inzestuöse Zweisamkeit erschüttert. Das Dorf wird aufgeschreckt durch drei deutsche Kriegsgefangene, die zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof gebracht werden. Trotzdem bewegen sie sich relativ frei. Man gewöhnt sich an die jungen Männer, die froh sind, den schlimmsten Kriegswirren entronnen zu sein.

Schließlich kommt es an einem schönen Sommerabend zu einer Begegnung zwischen den Deutschen und Madame Delombre, die eine neue Dynamik in die Geschichte bringt: „Nichts ist dem Schweigen zuträglicher als das stetige Rauschen eines Baches, der Geruch von Linden und der abendliche Gesang der Nachtigall. Wer konnte für den Reiz dieser romantischen Szenerie empfänglicher sein als die drei Deutschen im Exil und diese Frau, die von morgens bis abends vor Leidenschaft brannte?“ Vor allem einer, der gutaussehende Otto, tut es ihr an. Die beiden kommen sich näher, als es schicklich wäre.

Heldin verliert ihren Ruf

Nicht ungefährlich war seinerzeit bei Niederschrift des Textes schon die Schilderung der entstehenden Affäre: Das Verhältnis zwischen einem Boche und der Witwe eines Offiziers im Nachkriegsfrankreich mit einer gewissen Drastik darzustellen, sorgte noch 1930 für einen kleinen Skandal, Sittenwächter empörten sich ebenso wie Patrioten.

André de Richaud erzählt jedoch ganz ohne die von vielen Lesern erwartete Entrüstung, und gerade das ist das Politische an diesem Buch: dass es la Grande Guerre als ferne Farce behandelt, die Kämpfe aber ins Innere der Figuren verlegt und diesen bei ihrem Unglücklichsein zusieht.

Es kommt wie es kommen muss: Die Eifersucht des kleinen Georges wächst. Er ist zu klug, als dass er die Untreue seiner Mutter ihm gegenüber übersehen könnte. Die schwelende Sexualität, die diesen Roman bestimmt, flammt auf. Die Konflikte treten offen zu Tage. Die Heldin verliert ihren Ruf. Sie wird zu einer traurigen Liebhaberin, am Ende zu einer Märtyrerin.

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Albert Camus hat dieses Buch verehrt. Es habe ihn, erklärte er, überhaupt erst zum Schriftsteller gemacht. Seine Wertschätzung für dieses Frühwerk von André de Richaud verwundert wenig: Man trifft seinen Ton – radikalisiert – im „Fremden“ wieder.

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