Silvia Bovenschens letzter Roman : Blutig ist des Pudels Kern

Die Schriftstellerin Silvia Bovenschen starb letztes Jahr. Mit „Lug & Trug & Rat & Streben“ erscheint posthum ihr letzter Roman. Als geistiges Vermächtnis taugt er nur bedingt.

Glänzende Gelehrte. Die 2017 verstorbene Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Schriftstellerin Silvia Bovenschen.
Glänzende Gelehrte. Die 2017 verstorbene Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Schriftstellerin Silvia Bovenschen.Foto: Inge Zimmermann

Als sie das Manuskript von „Lug & Trug & Rat & Streben“ beendet, trennen sie nur noch wenige Wochen von ihrem Tod. Am 25. Oktober 2017 starb die Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Schriftstellerin Silvia Bovenschen. Folglich sucht man als hingebungsvolle Leserin der kämpferischen und humorvollen Feministin, die ihrer MS-Erkrankung bis zum Alter von 71 Jahren trotzte, den nun posthum erschienenen Roman unwillkürlich nach funkelnden Sentenzen ab, die als Vermächtnis der glänzenden Gelehrten taugen. Das erweist sich bald als ziemlicher Pustekuchen, als eine banale Erwartung, die Bovenschen selbst einen Teufel schert.

Sowohl thematisch als auch stilistisch ist „Lug & Trug & Rat & Streben“ nicht gerade das, was man eine süffige Lektüre mit glasklarem Erkenntnisgewinn nennt. Schauplatz und Personal schließen nahtlos an Bovenschens belletristischen Kosmos der letzten zehn Jahre an, in dem zuletzt 2013 „Nur Mut“ erschienen ist. Darin rangen mehr oder weniger intellektuelle Grantlerinnen in einer herrschaftlichen Villa mit den Zumutungen des Alterns. Diesmal steht ein nicht minder verwunschenes Häuschen in einer von dystopisch anmutenden Zersetzungserscheinungen geplagten Stadt, in der Müllabfuhr und Straßenlaternen nicht richtig funktionieren, aber wütende Protestler auf der Straße krakeelen.

Schwer verdauliche Chose

Die Hausbelegschaft besteht aus teilausgearbeiteten Charakteren, die so skurril ausfallen wie der Dachboden, auf dem Kisten mit rätselhaften Tierpräparaten, Perücken und Masken auf die Entdeckung durch Max, den altklugen Enkel von Alma Lupinski, warten. Sie und der im Souterrain residierende Großschwager von Bärentrost sind graue Bildungseminenzen, die sich in kulturpessimistischer Lakonie über die geistige Verflachung der digitalen Epoche mokieren. O-Ton: „Ja, es gibt ihn: den neoliberalen Humor. Dauerironisierung ohne kritische Substanz.“ Als die Welt in Gestalt eines alten Verehrers von Alma, des Zeitforschers Odino, in die hermetische Hütte eindringt, wird es bunt. Ja, Alma bricht mit Max und Odino sogar zu einer Walpurgisnacht-Fahrt nach Mispelheim auf, wo ihnen allerlei Spukgestalten und Schröcklichkeiten begegnen. Die kosten auch einen Pudel das Leben, dessen blutiges Herz auf der Suche nach seinem Kern freigelegt wird.

Dass der in stakkatohaften Sätzen erzählten Geschichte eine zweite, kursiv gedruckte, märchenhaft raunende Erzählebene beigesellt ist, trägt zwar einiges zum poetischen Wallungswert, aber nichts zum Verständnis der schwer verdaulichen Chose bei. Das weiß die schamlos ihre erzählerische Freiheiten strapazierende Silvia Bovenschen selbst ganz genau. „Ich liebe mein Buch, aber ich kann es nicht empfehlen“, lässt sie sich auf dem Cover ihres letzten Werks selbstironisch zitieren. Der Satz taugt viel besser als der Roman zum Vermächtnis dieser souveränen Frau.

Silvia Bovenschen: Lug & Trug & Rat & Streben. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 208 S., 20 €

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