Streit um den Documenta-Obelisken in Kassel : Die Stele könnte zum Wahrzeichen werden

An dem Obelisken scheiden sich die Geister. Sie soll jetzt zwar bleiben, aber nicht im Zentrum der Stadt. Der Künstler protestiert.

Stele des Anstoßes. Noch steht der Obelisk auf Kassels Königsplatz.
Stele des Anstoßes. Noch steht der Obelisk auf Kassels Königsplatz.Foto: picture alliance / Swen Pförtner

„Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ steht auf Deutsch, Türkisch, Arabisch und Englisch in goldener Schrift auf den vier Seiten des Obelisken eingraviert, der seit der Documenta 14 auf dem Königsplatz in Kassel aufragt. An der monumentalen Skulptur mit dem Bibelzitat schieden sich 2017 die Geister, kommentiert das Werk des nigerianisch-amerikanischen Künstlers Olu Oguibe doch auf seine Art die Asyldebatte.

Prompt wurde es von einem Vertreter der AfD im Stadtparlament attackiert. Umso dringlicher artikulierten die anderen Parteien den Wunsch, die Stele in der Stadt zu behalten. Wie schon in früheren Jahren bei anderen prominenten Werken im öffentlichen Raum – Jonathan Borofskys Himmelsstürmer am Bahnhof oder Claes Oldenburgs Spitzhacke in der Karlsaue – soll es bleiben und an die vergangene Documenta erinnern.

Weil Oberbürgermeister Christian Geselle die 600 000 Euro als Honorar für Olu Oguibe jedoch nicht bereitstellen wollte, startete eine Spendenaktion, bei der allerdings bislang erst rund 130 000 Euro zusammenkamen. Der Künstler signalisierte Entgegenkommen: Er würde die 16 Meter hohe Skulptur der Stadt auch zu einem geringeren Preis überlassen.

Der Holländische Platz war als Standort erwogen worden

Bei der Standortfrage bleibt Oguibe allerdings hart. Nachdem der Magistrat beschlossen hat, den Obelisken erst einmal abbauen und einlagern zu lassen, um ihn später am Holländischen Platz im Norden der Stadt wieder aufzubauen, erklärte Oguibe, die Stele sei als „ortsspezifisches Werk“ geschaffen worden. Der Holländische Platz war als Standort erwogen worden, weil die Universität näher an die City rücken und das Quartier städtebaulich aufgewertet werden soll, so die Idee der SPD. Auf dem Königsplatz befindet sich der Obelisk jedoch im Herzen der Stadt. Hier kreuzen sich die Wege der Kasseler, wird die Debatte um die Aufnahme von „Fremdlingen“ zentral befeuert.

Auch um die „7000 Eichen“ von Joseph Beuys gab es einst heftige Diskussion. Heute sind die in der Stadt verteilten Baumpflanzungen mit je einem Basaltstein daneben höchst populär. Oguibes Obelisk könnte sich ebenfalls zum Wahrzeichen für Kassel entwickeln. Doch dafür muss er erst einmal an seinem Aufstellungsort bleiben dürfen.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!