"The Roads Not Taken" im Kino : Javier Bardem als Ehemann, Vater und Egomane

In Sally Potters Demenzdrama "The Roads Not Taken" dreht sich alles um eine männliche Leidensgeschichte. Leider scheitert sie an ihrer Sentimentalität.

Molly (Elle Fanning) muss mal wieder ihren verirrten Vater (Javier Bardem) einsammeln.
Molly (Elle Fanning) muss mal wieder ihren verirrten Vater (Javier Bardem) einsammeln.Foto: Universal

Frauen sind gute Pflegekräfte. Das liegt an ihrer natürlichen Empathiefähigkeit, ihrem Aufopferungswillen und dem angeborenen Zugang zu ihren Gefühlen. Das ist natürlich Quatsch. Solche gesellschaftlichen Rollenbilder haben sich jahrzehntelang auch im Fiktionalen niedergeschlagen: Männer schießen, Frauen verbinden.

Die experimentierfreudige Regisseurin Sally Potter weiß um diese Klischees. Ihr Debüt „The Gold Digger“ realisierte sie 1983 mit einer rein weiblichen Crew, Tilda Swinton ließ sie 1992 in „Orlando“ das Geschlecht wandeln, in „Rage“ steckte sie Frauenschwarm Jude Law in Frauenkleidung. „Feminismus“, sagte Potter 2017 im Tagesspiegel, „ist einfach ein Teil der Realität. Wir sind an die Situation gewöhnt, dass Zeit, Ort und Gefühle von Männern dominiert werden, das finden wir normal.“

In „Wege des Lebens – The Roads Not Taken“, in dem Potter die Demenzerkrankung ihres Bruders verarbeitet, versucht sie es vielleicht darum auch mit einer Art Finte. Die Frauen in dem Drama um den von einer Alzheimer-Form namens Hirnatropie gezeichneten Leo (Javier Bardem) sind tatsächlich gute Pflegekräfte.

Leos Tochter Molly (Elle Fanning) begleitet ihren abwesenden, zwischen Enigma und Selbstmitleid schwankenden Vater über den Verlauf eines Tages. Setzt ihn ins Taxi, treibt ihn zum Arzt, bereinigt seine kleinen und großen Malheure (Verirren, Einpinkeln): geduldig, liebevoll, verzweifelt. Sie lässt für den Vater sogar einen wichtigen Job sausen.

Spiel mit drei Zeitebenen

Pragmatischer ist da Leos Haushaltshilfe Xenia (Branka Katic), die seine kleine, viel zu laute New Yorker Wohnung putzt. In Leos Erinnerungen, an denen Potter das Publikum durch ein elegantes Geflecht von Rückblenden teilhaben lässt, taucht eine frühere Ex-Frau namens Dolores (Salma Hayek) auf, mit der ihn ein Trauma verbindet.

Und gegen Ende kommt noch eine weitere Ex ins Spiel: Rita (Laura Linney), Mollys Mutter, die zunächst bärbeißig wirkt, sich aber Leos einstigem Charisma noch immer nicht entziehen kann.

Kunstvoll verwebt Potter drei Zeitebenen (Gegenwart, die Phase kurz nach Mollys Geburt und eine ferne Vergangenheit in Mexiko), für jede Ebene findet sie eigene Farben, Temperaturen, Sprachen. Im rötlich-trockenen Mexiko wird Spanisch gesprochen, nach Mollys Geburt flüchtet Schriftsteller Leo in einer Sinnkrise auf eine griechische Insel. Das Jetzt ist geprägt von modernen New Yorker Anforderungen.

Leo war schon vor seiner Demenz ein Egomane

Um nicht dem Klischee der kalten, agierenden Männer und den fühlenden, re-agierenden Frauen aufzusitzen, lässt Potter den Handlungskern um die innersten Gefühle des Protagonisten kreisen. Gemeinsam mit Leo erfährt das Publikum allmählich, was damals passiert sein könnte, entdeckt ein Trauma, von dem weder Molly noch Rita wissen.

Das verstockte Spiel Bardems ist allerdings ein Problem dieses – trotz Fannings überzeugender Darstellung – sperrigen, sich mitunter zäh wie Gummi ziehenden Films. Man kommt Leo in keiner Zeitebene nah, möchte es auch gar nicht.

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Schon Jahrzehnte vor seiner Demenz war er ein Egomane: während der Zeit mit Dolores, deren Trauerarbeit er lange ablehnte, als auch mit Rita, die er verließ, um sich der Verantwortung als Vater zu entziehen. Potter deutet einen psychologischen Grund für Leos Verhalten an – allein: Es macht den Mann nicht sympathischer.

Die Frauen reden nur über den Mann

Es gibt zudem einige ärgerliche Nebenfiguren, deren Verhaftung im Klischee verwundert. Auf der griechischen Insel trifft der vom Künstlerzweifel angefressene Leo ein schönes junges Mädchen (Milena Tscharntke), das dem Grantler verfällt. Und auf einem von Leos demenzbedingten Ausflügen wird er in New York von armen, aber gutherzigen Taxifahrern bemuttert, die – wohl durch ihren eigenen Migrationshintergrund – besonders sensibel auf den spanisch sprechenden Verwirrten reagieren.

So scheitert Potters Versuch, von Gefühlen zu erzählen, am eigenen Sentiment – und wirbelt dabei mehr Kitsch als Einsicht auf. Mit dem Bechdel-Test braucht man diesem Film ohnehin nicht zu kommen. Es gibt zwar viele Frauenfiguren, sie alle haben Namen und sprechen miteinander. Aber ihr zentrales Thema ist und bleibt Leo.
In zehn Berliner Kinos (auch OmU), OV: Cubix Alexanderplatz

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