"Unser Gegenüber ist das Humboldt-Forum, nicht die Volksbühne

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Thomas Oberender im Gespräch : „Wir brauchen die großen Formate“

Damit sind wir an der Volksbühne. Mit Chris Dercon bekommen Sie ab 2017 harte Konkurrenz. Auch Dercon will bildende Kunst zeigen, die Genres mischen …
Schon in den letzten Jahren haben sich an der Volksbühne künstlerische Formen entgrenzt: Jonathan Meese, Christoph Schlingensief, Ragnar Kjartansson oder Paul McCarthy, aber auch Forced Entertainment, Kresnik oder Gob Squad haben an der Volksbühne gearbeitet, es gab jede Form von aktionistischer Kunst, das Spektrum und der Theaterbegriff waren extrem weit und doch blieb es ein Repertoiretheater. Ich finde es spannend, zu sehen, was Dercon Neues machen wird. Aber unser Gegenüber ist nicht die Volksbühne, sondern das Humboldt-Forum.

Das frühestens im September 2019 eröffnet.
Humboldt-Forum und Kulturforum mit dem Museum der Moderne: Hier prägt der Bund die Hauptstadtentwicklung, hier baut er Kultur- und Zukunftsvisionen, darauf blicken wir, nicht so sehr auf die Volksbühne. Das Humboldt-Forum wird ein von heutigen Fragen bewegter Begegnungsort mit anderen Kulturen. Das Komplementärstück zur Klassik der Museumsinsel. Denken Sie ganz aktuell an die „Felsbilder“ oder unser großes Projekt mit dem südafrikanischen Künstler William Kentridge – das sind für mich typische Humboldt-Forum-Projekte.

Also fürchten Sie keine Konkurrenz und Verdoppelung des Angebots?

Es gibt so viele Theater und Opern in Berlin, das alles ist wertvoll und hat seinen eigenen Charakter. Die Stadt ist groß, sie wächst, ich habe andere Interessen als Chris Dercon oder Neil MacGregor. Ich schaue auch mit großer Neugier zum Kulturforum, da geht es doch um mehr als einen Museumsneubau, das ist ein ganzes Areal, das sich neu formiert. Die Philharmoniker sind da, wir sind in der Philharmonie mit dem Musikfest Berlin, spätestens das Publikum stellt sich aus all dem sein eigenes Festival zusammen.

Jeder ist sein eigener Kurator?
Ich weiß nicht, ob das Wort passt. Aber unser Publikum ist nicht mehr der klassische Abonnent. Das Publikum ist loyal zu seinen Interessen, weniger zu Institutionen. Es entstehen mit den großen Plattformen wie Amazon riesige Monopole, und darin aber findet eine massive Diversifizierung aller möglichen Stimmen und Angebote statt. Jeder ist da Konsument, aber auch Kritiker oder Nachrichtengeber auf Twitter.

Jeder kann Theaterautor sein – oder die Theaterautoren sind schon verschwunden.
Es gibt geniale Autoren. Manche davon sind Schriftsteller wie Wolfram Lotz oder Roland Schimmelpfennig, andere sind Schauspieler, Regisseure, Kuratoren oder Choreografen.

Aber die meisten neuen Theaterstücke sind doch eher Begleittexte, Beipackzettel zu Problemen und Schmerzen der Zeit.
Was Sie sagen, stimmt doch auch für Shakespeare oder Moliere, oder? Was gibt es Größeres als die Schmerzen der Zeit? „Situation Rooms“ oder „Common Ground“ sind wichtige und gelungene Stücke, die nicht am Schreibtisch entstanden sind. Eine Verbindung wie zwischen Jürgen Gosch und dem Autor Roland Schimmelpfennig war ein großes Glück für das Interpretentheater, aber es ist eben auch selten. Mal sehen, wen literarische Regisseure wie Simon Stone unter den lebenden Autoren finden.

Was fangen Sie mit den neun Millionen Euro an, die Sie in den nächsten drei Jahren vom Bund zusätzlich bekommen?
Die Mittel sind projektbezogen. Die Parlamentarier fördern damit ein Programm, das sich dem Thema „Immersive Künste“ widmet. Bestandteil des Projekts ist eine Kooperation mit dem Sender Arte, der als erster eine 360-Grad-Videoplattform aufgebaut hat, und den Berliner Festspielen. „Immersiv“ ist ein im englischen Sprachraum gebrauchtes Wort für eine Erlebnissituation, in der man einem Werk nicht mehr gegenübersteht, sondern „drin“ ist. Wenn Sie eine Oculus-Rift-Brille tragen, schauen Sie nicht mehr auf einen Wald, sondern „sind“ im Wald. Ähnliches passiert im 3-D-Klang. Die zeitgenössische Medienrevolution und das Internet verändern auch die analogen Künste und damit die Arbeitsweise unserer Institutionen. Das interessiert das Parlament, aber natürlich auch Google in seinem Immersive Arts Project mit den Berliner Philharmonikern.

Die traditionelle Darstellungsweise – Menschen auf einer Bühne – hat ausgedient?
Überhaupt nicht. Nur der Raum, der „Bühne“ ist, dehnt sich aus. Die alte Schaubühne hat die Zuschauer ins Olympiastadion gelockt oder in ein Filmstudio. Es gibt zwei treibende Kräfte: Die Globalisierung wirbelt unsere Begriffe von Nation und Kultur durcheinander – und die Digitalisierung. Sie verändern unsere Kulturpraktiken tiefgreifend. Aber genau das führt auch zu einem Abend mit Fabian Hinrichs, da könnte ich vergehen vor Glück, oder einem Stück wie „Immer noch Sturm“ von Peter Handke – das ist ein Jahrhundertdrama. Das stirbt nicht aus.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

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