Kultur : Überm Steinbruch und im Supermarkt

Geschichten- und Landschaftssammler: Ein Besuch bei dem Autor Norbert Scheuer in Kall, Eifel.

„Jeder Eifler ist ein Geschichtenerzähler“. Der 1951 in Prüm, Eifel geborene Schriftsteller Norbert Scheuer.
„Jeder Eifler ist ein Geschichtenerzähler“. Der 1951 in Prüm, Eifel geborene Schriftsteller Norbert Scheuer.F´oto: Elvira Scheuer

Mit dem Städtchen Kall verhält es sich wie mit vielen Gemeinden in dieser Gegend der Nordeifel: Wer von hier kommt, kennt den Ort natürlich, schätzt die Wälder der Umgebung. Wer nicht, dürfte von Kall, das 11 000 Einwohner hat, nie gehört oder es als Reiseziel ins Auge gefasst haben. Und wer einmal von Köln nach Trier mit dem Zug gefahren ist, hat womöglich den Bahnhof von Kall registriert und gleich dahinter den „Rewe“-Supermarkt. Abgesehen von dem Kloster Steinfeld und den Resten eines Römerkanals etwas weiter außerhalb, gibt es keinen Grund, als Tourist Kall zu besuchen. Es herrscht hier die Tristesse der bundesrepublikanischen sechziger-, siebziger Jahre, eine Mischung aus Nachkriegsbauten, Vorort-Eigenheimen und Gewerbegebiet.

Allerdings hat Kall einen Vorzug gegenüber seinen Nachbargemeinden: Der Schriftsteller Norbert Scheuer hat aus Kall einen literarischen Ort gemacht, gerade erst wieder mit seinem für den Deutschen Buchpreis und auch den Wilhelm-Raabe-Preis nominierten Roman „Winterbienen“. Darin ist gleich zu Beginn die Rede von dem „Bergarbeiterstädtchen“, eben Kall, „das an einem Fluss liegt, der sich durch einsame, zerklüftete Landschaften schlängelt, eine Gegend mit kleinen Dörfern inmitten von Magerwiesen, Fichten-, Kiefern- und Buchenwäldern, die sich bis zur belgischen Grenze erstrecken.“ Solche Beschreibungen gibt es in vielen Romanen Scheuers, Kall ist ihr Zentrum. Schon sein zweites Buch hatte er „Kall, Eifel“ genannt, und das weniger, um seinem Wohnort Ehre zu erweisen, als sich vielmehr an ein großes literarisches Vorbild anzulehnen, Sherwood Andersons Erzählreigen aus dem fiktiven „Winesburg, Ohio“.

Wie Anderson mit seinem berühmten Buch verknüpft Scheuer viele kleine Geschichten über die Bewohner seines Eifelstädtchen. Manche Figuren kommen nur einmal vor, manche mehrmals, viele kennen sich, sind unterschiedlich miteinander verstrickt. Und kommen nie von ihrer Herkunft los, von diesem Ort mit seinem Steinbruch, der Zementfabrik und den Sandsteinfelsen drumherum. Nicht zu vergessen der Fluss: die Urft. An manchen Stellen soll sie breit und tief sein, wie es in einer Episode heißt, da fließt sie „glitzernd“ dahin, da hört man das „Rauschen ihres stürzenden Wassers“.

Auf dem Weg zu Norbert Scheuer wundert man sich, diesen Fluss in und um Kall gar nicht zu Gesicht zu bekommen. Einmal steht an einer kleinen Brücke ein auf die Urft hinweisendes Schild, auch einer der immerhin 23 Kaller Ortsteile heißt Urft. Dann windet sich an anderer Stelle wirklich ein Wasserlauf dahin, allerdings einer, der mehr an einen Bach erinnert. Der Schriftsteller wohnt in Keldenich, einem anderen Kaller Ortsteil, „durch die Unterführung und dann einen Kilometer durch ein Stück Wald den Berg hoch“. Bei der Verabredung Tage zuvor hatte Scheuer davor gewarnt, zu viel von einem Spaziergang zu erwarten. Wie im Fall der mächtig dahinstürzenden Urft könnten sich Enttäuschungen einstellen. Nicht nur er, überhaupt sei „jeder Eifler ein Geschichtenerzähler“.

Scheuer, 1951 in Prüm geboren, einer Stadt fünfzig Kilometer südlich von Kall, wirkt an diesem Spätsommernachmittag entspannt und aufgeräumt. Über einem blauen T-Shirt trägt er ein offenes, graukariertes Holzfällerhemd, dazu Schlabberjeans; überhaupt sieht er mit seinen lang-gräulichen Haaren recht jugendlich aus. Scheuer gehört zu den leiseren Vertretern seiner Zunft, er ist einer der großen Unbekannten der deutschsprachigen Literatur, trotz seiner acht Romane, zwei Gedichtbände und früheren Preisnominierungen. „Überm Rauschen“ stand 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, „Die Sprache der Vögel“ auf der des Preises der Leipziger Buchmesse. Dass er gut damit leben konnte, die Preise dann nicht zu bekommen, liegt sicher auch daran, dass er finanziell unabhängig ist wegen seiner Pension, „meines Stipendiums vom Staat“, wie er sagt: Scheuer hat nach einer Elektrikerlehre und einem Physik- und Philosophiestudium viele Jahre in den Rechenzentren der Telekom als Systemprogrammierer und Datenschützer gearbeitet.

Er lacht auf die Frage, ob er nicht wenigstens in Kall überall auf der Straße erkannt werde: „Nein, man liest hier nicht. Mich kennt kaum jemand“. Was daran liegen könnte, gesteht er, dass er sich hüte, in der Gegend Lesungen zu machen: „Dann käme der eingefleischte Kaller und würde sich darüber beklagen, dass der Baum, den ich in einer Geschichte erwähne, dort aber gar nicht stehe. Ich schreibe keine Dorf-Chronik, und ich erzähle keine schönen Geschichten über Kall und seine Menschen“.

Scheuer sagt, wieder mit einem Lachen, auch mit einem Anflug von Ironie, dass er in Kall ständig etwas von den Leuten zugespielt bekomme, dass er damit die Wirklichkeit ästhetisiere und daraus Literatur produziere. „Ist nicht das ganze Leben Literatur?“, fragt er rhetorisch und spielt auf das Zusammenspiel von Erinnerung, Fiktion und Vergessen an. „Ich bin in dieser Gegend aufgewachsen und kann nur über Sachen schreiben, die ich kenne, zu denen ich Bilder im Kopf habe“. Doch erzählen seine Bücher wie nebenbei, auf subtile Weise, ohne dass auf bestimmte Ereignisse einer Zeit hingewiesen wird, auch von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen; in einer Sprache, die präzise und klar ist, die auf der Oberfläche leicht und leicht lesbar erscheint, darunter aber sehr poetisch ist.

Mit „Winterbienen“ hat Scheuer erstmals einen seiner Romane zeitlich in den Krieg verlegt, in die Jahre 1944/45. Scheuers Held Egidius Arimond schreibt Tagebuch und berichtet von seinem Alltag. Als Bahnknotenpunkt wird Kall zunehmend von den Alliierten bombardiert; er ist Bienenzüchter, leidet unter Epilepsie und wurde deshalb nicht in den Krieg geschickt. Zudem hilft er jüdischen Flüchtlingen an die belgische Grenze, mit einem Pferdefuhrwerk, auf denen Bienen die Flüchtlinge umschwirren und so vor dem Zugriff der Nazis schützen.

Scheuer stieß auf die Geschichte in einer Chronik von Kall. Im Ort hatte es einen Tagebuch führenden Imker gegeben, der in einem der Einträge seine Bienen und die Flugzeuge der Alliierten bildlich zusammenbrachte, „und da war für mich klar: Das ist ein Roman“.

Es ist eine seltsame Koinzidenz, dass bei der Unterhaltung über die Zeichnungen der Militärflugzeuge im Buch und die Bombenabwürfe auf Kall mehrmals Jagdbomber die Eifel überfliegen. In Scheuers Gartenidylle versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Ihn bringt das nicht aus der Ruhe und während des Rundgangs sind keine Militärflugzeuge mehr am Himmel zu sehen. Scheuer zeigt den renaturisierten Kalk-Steinbruch, inzwischen ein Brutplatz für Uhus; er führt ins sogenannte Bergschadensgebiet mit den stillgelegten Bleistollen, hier fallen ihm Falken am Himmel auf, die einen Bussard jagen. Kalls Zentrum aber ist ihm bis auf den Supermarkt keiner weiteren Betrachtung wert. Warum? „Meine Bücher sind mehr ein Mosaik aus Ortschaften, Landschaften und den Leuten der Eifel“.

Er wundert sich allerdings, dass sein Besuch dem Supermarkt-Café nichts abgewinnen kann. „Hier ist doch was los“, sagt er, „hier sammele ich meine Geschichten“. Trotzdem passt das Profane, die Hässlichkeit des Supermarkts gut zu Scheuer, seiner Poetologie. Als „Anti-Heimatschriftsteller“ wird er gern bezeichnet. Was er damit kommentiert, dass „jeder Schriftsteller über Heimat“ schreibe, „das ist der Ort, von dem er kommt. Auf einem kleinen Fleck lässt sich über alles schreiben, man muss nur das richtige Mikroskop haben.“ Dann sagt er zum Abschied noch, dass er ein weiteres Buch im Kopf habe. Es soll wieder eine Sammlung mit Geschichten werden, zeitlich angesiedelt vielleicht in einer fernen Zukunft, eine Dystopie. Den Titel hat er auch schon: „Kall, Eifel 2“.

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