Unesco-Welterbe und DNA der Stadt : Tel Aviv kümmert sich um sein Bauhaus-Erbe

Das Bauhaus bewahren: In Tel Aviv wurde mit deutscher Hilfe das White City Center für Denkmalpflege eröffnet.

Weiß unter der Sonne. Das Haus Liebling, benannt nach seinen Eigentümern, beherbergt jetzt das White City Center als Anlaufstelle für alle Themen zu Architektur und Denkmalpflege der berühmten Bauten im Bauhaus- oder Internationalen Stil. Foto: Bernhard Schulz
Weiß unter der Sonne. Das Haus Liebling, benannt nach seinen Eigentümern, beherbergt jetzt das White City Center als Anlaufstelle...Foto: Bernhard Schulz

Seit 2003 ist der geografische Kernbereich der „Weißen Stadt“ von Tel Aviv als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt. Bis zu 4000 Häuser werden der „White City“ zugerechnet, den über die Stadt verstreuten, von Bauhaus und International Style inspirierten Bauten der späten zwanziger bis frühen vierziger Jahre. Nun wurde Ende vergangener Woche das „Liebling House /The White City Center“ eröffnet.

Mit dabei war Staatssekretär Marco Wanderwitz, denn das Bundesinnenministerium, in dem das frühere Bauministerium aufgegangen ist, fördert das der Architektur und Denkmalpflege der Weißen Stadt gewidmete Zentrum seit 2015 über zehn Jahre bis 2025 mit insgesamt drei Millionen Euro.

Die Bauhaus-Häuser sind begehrt. Sie werden reihenweise modernisiert und möglichst um zwei Geschosse aufgestockt, als Kompromiss zwischen Denkmalpflege und Ökonomie. Gerade ist ein Architekturführer in der vorzüglichen Reihe der Stadtführer von DOM publishers (Berlin) erschienen. Autorin des Stadtführers ist Sharon Golan Yaron.

Sie leitet das White City Center im Liebling-Haus in der Idelson Street. Dieses Mehrfamilienhaus von Tony und Max Liebling wurde bis unmittelbar vor der Eröffnung denkmalgerecht saniert, nach dem „strengen“ Denkmalschutz, der den rund 100 herausragenden Bauten der Weißen Stadt zuteil wird. Letzte Maßnahmen im Liebling-Haus betrafen etwa die Anbringung originalgetreuer Fliesen von Villeroy & Boch, die bereits den Ursprungsbau zierten und damals aus Deutschland importiert wurden.

Es war dies, so erzählt es Sharon Golan in Tel Aviv, ein „deutsches Haus“, seiner Bewohner wegen. Zu ihnen zählte Ludwig Meyer, ein berühmter Kinderarzt der Berliner Charité, der 1934 aus Berlin vertrieben wurde und seine Arbeit in Tel Aviv fortsetzte. Ein Foto zeigt ihn mit Gattin am Wohnzimmertisch: Bürgertum pur.

"Die Häuser sind für alle Schichten der Stadt"

Das Max-Liebling-Haus, 1936 erbaut von Architekt Dov Karmi und Ingenieur Zvi Barak, wird in seinem Erscheinungsbild das originale Mehrfamilienhaus bleiben. Nur im Erdgeschoss wurden, um der Dauerausstellung Platz zu geben, die Zimmerwände herausgenommen, aber die Raumteilung in Fußboden und Decke kenntlich gemacht. Ansonsten bleibt die Aufteilung erhalten; und erhalten haben sich auch die ungemein funktionalen Sanitärräume, etwa eine Gästedusche in einem Zwickel des aus zwei gegeneinander versetzten Baukörpern bestehenden Gebäudes. Hier ist alles original – weil hinter Einbauten des lange Zeit als Bürohaus genutzten Gebäudes versteckt.

Dennoch will das White City Center kein Museum sein (ein solches, privates gibt es auf der anderen Straßenseite, gegründet und mit Bauhaus-Objekten bestückt von dem Großsammler Ronald Lauder). Vielmehr steht zum einen die Forschung im Vordergrund, zum anderen aber Bildungsarbeit, für die Bürger Tel Avivs und deren junge Generation.

Ob es angesichts der zunehmend heterogenen Bevölkerung der Stadt, in der die europäische Herkunft entsprechend verblasst, schwierig sei, das architektonische Erbe von Bauhaus und internationaler Moderne zu vermitteln? Das sei „die DNA der Stadt“, hält Sharon Golan dem entgegen, „die Gartenstadt mit ihren frei stehenden Häusern – dieses Gefühl, das die Häuser bezeugen, ist für alle Schichten der Bevölkerung interessant.“ Dabei repräsentiert die „weiße“ Architektur – die im Übrigen gar nicht immer weiß war, jedenfalls nicht im Inneren der Häuser – lediglich eine „Welle der Immigration“ nach Palästina, so wie eine frühere, die aus Osteuropa, orientalische Motive mitbrachte. Die sind ablesbar an den älteren Bauten, jenen des frühen 20. Jahrhunderts im „eklektischen Stil“.

Das Max-Liebling-Haus soll ein Zentrum deutsch-israelischer Begegnung werden

Andererseits sei „gerade in Israel das Neue das Ideal“, und es sei bisweilen noch ungewohnt, so Sharon Golan, „die Moderne als Erbe zu verstehen“. Hinzu kommt die mangelnde Handwerksausbildung in diesem auf Hi-tech orientierten Land – ein wirklicher Handwerksmeister werde „geradezu bewundert“. Insofern ist die behutsame Restaurierung des Liebling-Hauses auch ein Modell für den denkmalgerechten Umgang mit solchem Erbe.

Dass der Berliner Architekt Winfried Brenne, unter dessen zahlreichen Restaurierungsvorhaben die Wiederherstellung zweier Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau genannt sei, in Tel Aviv als Berater tätig ist, unterstreicht den Anspruch, mit dem Max-Liebling-Haus ein „Zentrum deutsch-israelischer Begegnung“ zu schaffen.

Man tritt aus dem Haus heraus und sieht sich umgeben von Bauten im internationalen Stil. In manchen Straßen will es scheinen, dass nahezu die ganze Stadt in dieser Weise errichtet wurde. Dabei gebe es „kein einzigartiges Meisterwerk der Bauhaus-Architektur“, schränkt Sharon Golan ein, „das für sich allein den Stil der Stadt verkörpern könnte“.

Was damals so zahlreich geschaffen wurde, sei vielmehr „zu einem lebendigen städtischen Gewebe geworden, das sich fortdauernd erneuert und als solches auch gelesen werden sollte“. Von jetzt an unter fachkundiger Begleitung durch das White City Center.

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