Verstorbener Kurator : Okwui Enwezors Arbeit wird fehlen

Documenta, Biennale, Haus der Kunst: Der internationale Kurator Okwui Enwezor leistete mit unbequemen Fragen Pionierarbeit. Ein Nachruf.

Der Kurator Okwui Enwezor.
Der Kurator Okwui Enwezor.Foto: Andreas Gebert/dpa

Erst in der vergangenen Woche eröffnete im Münchner Haus der Kunst die Retrospektive des ghanaischen Künstlers El Anatsui. Der nigerianische Kurator Okwui Enwezor, der dort sieben Jahre lang Direktor war, hatte die Schau noch mitkuratiert, bevor er sein Amt im Juni 2018 aus gesundheitlichen Gründen niederlegte. Am Freitag ist Okwui Enwezor im Alter von 55 Jahren gestorben.

Der 1963 im nigerianischen Calabar geborene Enwezor, der 1982 nach New York ging und dort zunächst Politikwissenschaften studierte, war einer der ersten Kuratoren, die im westlichen Ausstellungsbetrieb die Kunst aus einer globalen Perspektive betrachteten und den eurozentrischen Blick in Frage stellten. Mit seinen unbequemen Fragen leistete Enwezor Pionierarbeit. 2002 verantwortete er die 11. Documenta in Kassel, als erster Kurator, der nicht aus Europa kam. 2015 leitete er die zentrale Ausstellung der 56. Venedig-Biennale. Enwezors kundiger, transnationaler Blick, sein Wissen über afrikanische Kunst, war gefragt – und dringend notwendig.

Jenseits der eurozentrischen Perspektive

In Kassel sorgte Enwezor im neuen Jahrtausend für die erste postkoloniale Documenta, nachdem Catherine David fünf Jahre zuvor den Grundstein dafür gelegt hatte. Enwezor installierte in Berlin, Wien, Neu-Delhi und Lagos sogenannte „Plattformen“ zu verschiedenen Themen und stellte auf diese Weise eine Verbindung her zwischen Kassel und den globalen Diskursen der Welt. Die Station im Berliner Haus der Kulturen der Welt hieß „Democracy Unrealized“ (Demokratie als unvollendeter Prozess). Heute erweist sich dieser unvollendete Prozess gar als ein schwindender, nicht nur in Europa.

Okwui Enwezor im Haus der Kunst in München
Okwui Enwezor im Haus der Kunst in MünchenFoto: dpa/Andreas Gebert

Wie wichtig Enwezors Themen und die von ihm eingeleitete Öffnung des Blicks noch werden würden, zeigt sich auch daran, dass alle späteren Ausgaben der Documenta diese globale Ausrichtung fortsetzten und weiterentwickelten. Zuletzt ließ Chefkurator Adam Szymczyk die Schau 2017 nicht nur in Kassel stattfinden, sondern auch in Athen.

Den Direktoren-Posten am Münchner Haus der Kunst übernahm Okwui Enwezor 2011 von Chris Dercon. Sein Markenzeichen waren große Ausstellungen, etwa mit Matthew Barney oder Louise Bourgeois, sowie thematische Schauen wie „Postwar“ über die Kunst zwischen Pazifik und Atlantik von 1945 bis 1965, in der Enwezor eine Neubewertung der westlichen Kunstgeschichte vornahm. Damit profilierte er das Museum auch über die Landesgrenzen hinaus.

Aber trotz der weitreichenden Impulse wurde Enwezor in der bayerischen Metropole nie richtig akzeptiert. Er machte keinen Hehl daraus, dass er sich diskriminiert und in seiner Arbeit nicht anerkannt fühlte. Zuletzt war ihm als Chef ein kaufmännischer Direktor an die Seite gestellt worden. Die finanziellen Schwierigkeiten des Hauses gingen auf seine Kappe, hieß es von verschiedenen Seiten.

Enwezor verließ das Museum im Sommer 2018, drei Jahre vor Ablauf seiner Amtszeit. Er sprach erstmals über seine Krebserkrankung, sagte im „Spiegel“-Interview aber auch offen, dass er den Eindruck habe, er sei am Haus der Kunst „nicht mehr erwünscht“ gewesen. „Ich sehe mich grundsätzlich nicht als Opfer von irgendwas. Aber es ist durchaus denkbar, dass meine Herkunft, auch mein Äußeres manchen zu Projektionen verleiten. Ich beobachte sehr wohl, wie ich kulturell abgewertet werde“, sagte er.

Eine bittere, schockierende Bilanz. Enwezors kuratorische Arbeit wird fehlen, nicht nur in München.

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