Vivek Shanbhags „Ghachar Ghochar“ : Eindringliche Familiengeschichte aus Indien

Ist Vivek Shanbhag der „indische Tschechow“? Sein Familienroman „Ghachar Ghochar“ behandelt auch Ungleichheit und Korruption der indischen Gesellschaft.

Gast von Indiens größtem Literaturfestival in Jaipur. Vivek Shanbhag im Januar 2107.
Gast von Indiens größtem Literaturfestival in Jaipur. Vivek Shanbhag im Januar 2107.Foto: Hindustan Times/Getty/Aufbau promo

Als er noch zur Schule ging, erwartete seine Mutter, dass er ihr von seinem ersten Gehalt einen Sari kaufen werde. „Und ich hoffe“, erklärte sie, „dass es ein Seidensari wird.“ Und so stellt sich der namenlose Ich-Erzähler von Vivek Shanbhags Roman „Ghachar Ghochar“ in seinen Tagträumen immer wieder vor, wie es sein wird, seiner Mutter diesen Wunsch zu erfüllen. Es treibt ihn in der Schule an zu guten Leistungen, denn er wird einmal der Ernährer der Großfamilie sein. Doch es kommt alles anders. Plötzlich schwimmt die Familie in Geld, und alles entwickelt sich zu jenem schrecklichen „Ghachar Ghochar“, nach dem der 1962 im indischen Bundesstaat Karnataka geborene und heute in Bangalore lebende Vivek Shanbhag sein Buch benannt hat. Auch in der Sprache des südindischen Kannada, in der er seinen Roman ursprünglich verfasste, handelt es sich freilich um ein unübersetzbares Kunstwort, das eine unentwirrbare Situation meint.

In einer solchen Situation befindet sich auch der junge Mann, dem man zu Beginn in einem Coffee House begegnet. In seinem Zuhause, das er seit 30 Stunden nicht mehr aufgesucht hat, warten Mutter und Vater, die Schwester Malati und Onkel Chikkappa, jener Bruder seines Vaters, dem sie den neuen Reichtum verdanken und für den alle einen hohen Preis bezahlt haben. Nur Anita, seine Frau, die wartet nicht.

Diese Familie ist der Kosmos, um den sich die Erzählung dreht: „Es ist eine der großen Stärken von Familien, so zu tun, als wäre das, was unvermeidbar ist, auch genau das, was sich alle insgeheim wünschen.“ Solange Appa, der Vater, noch als kleiner Handelsvertreter ihrer aller Brot verdiente, unter lebhafter Anteilnahme der Familie, die ihn nachts bei den Abrechnungen unterstützt und sich willig seine komischen Geschichten anhört, kam der „Wunsch nach Dingen, die wir uns nicht leisten konnten“, gar nicht auf.

Raffinierte Komposition, die Abgründe eröffnet

Dann aber verliert Appa seinen Job, Chikkappa gründet mit dem Kapital aus dessen Frührente ein Unternehmen, Sona Masala, wird reich und übernimmt das Zepter in der Familie. Er zieht mit ihr aus dem engen, dunklen, von Ameisen befallenen Haus in ein mondäneres Heim. Doch der neue Wohlstand zerstört die ehemalige emotionale Nähe. Mutter und Tochter verprassen das Geld aus der mit zweifelhaften Methoden arbeitenden Firma, während der Erzähler sich als Frühstücksdirektor von seinem Onkel aushalten lässt und seine Tage vertrödelt. Erst mit der unerschrockenen Anita, seiner aus dem Bildungsbürgertum stammenden Ehefrau, werden Bindungen, Normen und Abläufe plötzlich infrage gestellt. Die Situation eskaliert, als eine weitere fremde Frau im Haus auftaucht.

Diese vordergründig einfach, mit wenig rhetorischem Aufwand erzählte Geschichte erweist sich bei näherem Hinsehen als raffinierte Komposition, die Abgründe eröffnet, als die diffizil austarierten Abhängigkeiten und Hierarchien aus dem Gleichgewicht geraten. Denn „nicht wir kontrollieren das Geld, sondern das Geld uns. Wenn es wenig Geld gibt, ist es ganz kleinlaut, doch je mehr davon da ist, desto dreister und stärker packt es uns am Kragen.“ Dieses Am-Kragen-Packen deutet Shanbhag aber nur an, wenn der Erzähler etwa nicht mehr ins Zimmer seiner Schwester kommt, um wie früher Geheimnisse zu teilen, oder wenn er die wechselnden weiblichen Bündnisse im Haus am Beispiel des Frühstück-Upma-Kriegs beschreibt. Sticheleien und Zickenkriege, die indirekt auf die Rechtlosigkeit der Frau im öffentlichen Leben verweisen. Und wenn der Erzähler zum Entsetzen Anitas ohne Not Ameisen zerquetscht, spiegelt sich darin dieselbe „moralische Unvoreingenommenheit“ der Familie wie in den gewalttätigen „Rückgewinnungsagenten“, die Chikkappa auf Malatis Schwiegerfamilie ansetzt, um diese einzuschüchtern.

Sein Schweigen lässt den Erzähler zum Komplizen werden

„Wie bin ich in dieses Leben hineingerutscht“, fragt sich der Erzähler einmal in den Stunden im Coffee House, aufgewühlt von seinen eigenen Grenzüberschreitungen, mit denen er den verbalen Ausfällen seiner Frau begegnet ist. Die Solidarität mit seiner Familie zwingt ihn zu einem Schweigen, das ihn zum Komplizen werden lässt.

Eine Komplizenschaft, die sich nicht nur auf die Familie beschränkt, sondern auf die von Kasten- und Geschlechterungleichheit und Korruption bestimmte indische Gesellschaft erstreckt, der Shanbhag mit seiner bescheiden auftretenden, eindringlichen Familiengeschichte – eher Novelle als Roman – den Spiegel vorhält. Ob er den langen Atem zu einem „indischen Tschechow“ hat, wie ihn sein Landsmann und Kollege Suketu Mehta feiert? Das Zeug dazu hat er.

Vivek Shanbhag: Ghachar Ghochar. Roman. Aus dem Englischen von Daniel Schreiber. Aufbau Verlag, Berlin 2018. 152 Seiten, 18 €.

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