Walter Benjamin im Exil : Auf den halbverwehten Wegen einer Berliner Kindheit

Walter Benjamin musste vor den Nazis fliehen. In seinem Buch von der „Berliner Kindheit um neunzehnhundert" schrieb er gegen sein Heimweh an. Es liegt in der Kritischen Ausgabe des Gesamtwerks vor.

Auf der Suche. Walter Benjamin (1892 – 1940, oben) wuchs im Berliner Westen auf.
Auf der Suche. Walter Benjamin (1892 – 1940, oben) wuchs im Berliner Westen auf.Foto: imago/Leemage

Es gibt kein zweites literarisches Lebenswerk, das trotz oder wohl gerade wegen seines fragmentarischen Charakters eine derartige Nachwirkung entfaltet hätte wie dasjenige von Walter Benjamin. Längst ist die Benjamin-Philologie eine eigene Zweigwissenschaft geworden. Der Charakter der Unabgeschlossenheit der meisten von Benjamin, dem 1940 tragisch im französisch-spanischen Grenzort Port Bou geendeten Flüchtling, hinterlassenen Schriften und, sofern vorhanden, deren durch Exil und prekäre Lebensumstände verkomplizierte Publikationsgeschichte lassen die Fachphilologie ihrerseits zu einer unendlichen Geschichte werden.

Einen neuerlichen Markstein im unablässigen Strom der Veröffentlichungen bildet die Kritische Gesamtausgabe, die unter der Gesamtherausgeberschaft von Christoph Gödde und Henri Lonitz in Zusammenarbeit mit dem Walter Benjamin Archiv in der Berliner Akademie der Künste im Entstehen begriffen ist. Diese Kritische Ausgabe von Werk und Nachlass löst die verdienstvolle, aufgrund der unzureichenden Materiallage unabgeschlossene Ausgabe der „Gesammelten Schriften“ ab, die seit 1972 von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser herausgegeben wurde und in der erstmaligen Publikation des berühmten „Passagenwerks“ im Jahr 1982 kulminierte.

Die erste Ausgabe des Kindheitsbuches erschien bereits 1950 bei Suhrkamp

Demgegenüber zählt die „Berliner Kindheit“ nicht zu jenen Schriften Benjamins, die erst im Zuge des Aufkommens der Frankfurter Schule Ende der sechziger Jahre aufgelegt wurden oder, wie das Passagenwerk, überhaupt erst als Textkorpus ins Blickfeld rückten. Die erste Ausgabe des Kindheitsbuches erschien bereits 1950 bei Suhrkamp, zusammengestellt von Theodor Adorno, in einem Leinenband im Schmuckschuber, der eine gemalte Ansicht des im Krieg untergegangenen alten Berlin zeigt. In der „Bibliothek Suhrkamp“ nahm die „Kindheit“ als Band 2 einen Vorzugsplatz ein und wurde später in derselben Reihe in jeweils veränderter Form neu aufgelegt.

Sie gehört allerdings nur scheinbar zu den besterschlossenen Schriften Benjamins, der mit seinen fragmentarisch überlieferten Texten ganze Generationen von Literaturwissenschaftlern in Lohn und Brot, mindestens aber in Mühe und Arbeit hielt. In den 1972 begonnenen „Gesammelten Schriften“ fanden sie ihren Platz im ersterschienenen Band IV.

Die Erinnerung als Erkenntnisform

Jetzt liegt seit vergangener Woche als Band 11 der „Kritischen Ausgabe“ von Burkhardt Lindner und Nadine Werner erstmals eine quellenkritische Ausgabe vor, verteilt auf zwei Halbbände mit 652 Seiten Texten und 466 Seiten Kommentar. Sie kann sich auf die Fassung letzter Hand stützen, das Typoskript aus dem Jahr 1938, das Benjamin bei der Flucht aus Paris 1940 mithilfe des dort beschäftigten Georges Bataille in der Bibliothèque nationale versteckte. Es wurde erst 1981 von Giorgio Agamben aufgefunden und bildete die Grundlage für die seit 1987 bei Suhrkamp verlegten Ausgaben.

Die „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ – die Großschreibung der Jahreszahl noch in den „Schriften“ ist nunmehr aufgegeben – steht unter dem Motto, „O braungebackene Siegessäule / mit Winterzucker aus den Kindertagen“. Benjamin hat die Siegessäule noch an ihrem ursprünglichen Ort auf dem Königsplatz gesehen, und für ihn war sie auf immer verbunden mit dem „Sedantag“, dem Jahrestag der betreffenden Schlacht am 2. September 1870, von der aus die Gründung des Kaiserreiches ihren Ausgang nahm. Aber es geht bekanntlich nicht um eine Beschreibung der Kindheitserlebnisse des 1892 geborenen Benjamin oder jedenfalls nur mittelbar, sondern um die Erinnerung als eine Form der Erkenntnis.

„Nie wieder können wir Vergessenes ganz zurückgewinnen“, heißt es denn auch zu Beginn eines der „Stücke“, wie Benjamin sie nannte, und weiter: „Und das ist vielleicht gut. Der Choc des Wiederhabens wäre so zerstörend, dass wir im Augenblick aufhören müssten, unsere Sehnsucht zu verstehen.“ In dieser Differenz zwischen dem Erlebten und dem Erinnerten sind die Stücke angesiedelt.

Der Kommentarband zeigt die steten Änderungen am Text

In der 1928 als Buch erschienenen Aphorismensammlung „Einbahnstraße“ spricht Benjamin einmal von der „Zeit, da man selber Geschichten im Bett sich ausdachte. Ihren halbverwehten Wegen spürt das Kind nach.“ Von halbverwehten Wegen, durch den Tiergarten oder durch den dunklen Flur der elterlichen Wohnung in der Kurfürstenstraße 154, handeln denn auch die Stücke der „Kindheit“.

Deren Entstehungs- und Publikationsgeschichte ist höchst verwickelt. Seit 1932 schrieb Benjamin intensiv daran und hoffte, sie im folgenden Jahr als Buch veröffentlichen zu können. Die Machtübernahme der Nazis machte diese Hoffnung zunichte. Bereits zuvor, aber auch noch danach konnte Benjamin einzelne Stücke in Zeitungen veröffentlichen, und auch die letzte seiner rund 90 Radiosendungen bestritt Walter Benjamin am 29. Januar 1933 – einen Tag vor Hitlers Machtantritt – mit Miniaturen aus der „Kindheit“. Die jetzige Kommentarband zeichnet die steten Änderungen, die Benjamin vornahm – er schrieb immer noch neue „Stücke“ –, ebenso wie die beständigen Enttäuschungen über fehlgeschlagene Publikationsversuche nach, bei denen die Liste der ablehnenden Verlage von Rowohlt über Kiepenheuer bis zum Amsterdamer Exilverlag Querido reicht.

Schreiben als Impfung gegen Heimweh

In einem Brief von Ende 1937 erläutert Benjamin sein Schreiben als eine Art „Impfung, die mich gegen das Heimweh nach der Stadt immun machen sollte, in der ich meine Kindheit verbracht hatte“. In einem anderen Brief heißt es: „Ich hatte das Verfahren der Impfung mehrmals in meinem inneren Leben als heilsam erfahren; ich hielt mich auch in dieser Lage daran und rief die Bilder, die im Exil das Heimweh am stärksten zu wecken pflegen – die der Kindheit – mit Absicht in mir hervor.“ Benjamin versteckt schließlich das Typoskript der Fassung letzter Hand in der Pariser Nationalbibliothek und begibt sich im Juni 1940 auf die Flucht Richtung Süden.

Nun also liegt die „Berliner Kindheit“ mit allen Varianten, Ergänzungen und Streichungen vor, und jedes Detail, das Benjamin aus dem Gedächtnis aufrief und heute nicht mehr als bekannt vorausgesetzt werden kann – etwa über „Ohm Krüger“ auf der Tauentzienstraße –, wird akribisch erläutert. Das Werk sei die „Totenmaske der Konzeption“, heißt ein viel zitierter Aphorismus aus der „Einbahnstraße“, aber hier verhält es sich etwas anders: Erst der akribische Aufweis der in alle Richtungen sich verzweigenden Ausführung lässt Benjamins Konzeption – oder vielleicht eher seine Absicht – ganz hervortreten.

Es ist, so jedenfalls schwebte es Benjamin vor, die Erinnerung, die über das Persönliche hinaus auf das Gesellschaftliche zielt. Gleichwohl haftet sie allein an den Bildern, die Benjamin aus der Zeit seiner Kindheit aufruft.

Burkhardt Lindner, Nadine Werner (Hg.): Walter Benjamin. Berliner Chronik/ Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Kritische Gesamtausgabe Bd. 11., Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 652 und 466 S., 89 €.

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