Werkausgabe Marina Zwetajewa : Schraubstöcke für den Körper, Elysium für die Seele

Marina Zwetajewa gilt als bedeutendste russische Dichterin des 20. Jahrhunderts. Eine Werkausgabe beginnt mit Tagebuchprosa und autobiografischen Erzählungen.

Dichterin Marina Zwetajewa im Jahr 1926 mit ihrer Tochter.
Dichterin Marina Zwetajewa im Jahr 1926 mit ihrer Tochter.Foto: Carl Hanser Verlag

"Der Waggon, der Lenin brachte – ist er nicht ebenjenes trojanische Pferd?“, fragte Marina Zwetajewa 1919. Sie weiß: „Den Deutschen haben wir die Bolschewiken zu verdanken“. Und: „Den Deutschen haben wir den plombierten Lenin zu verdanken ...“ Sie sagt diese beiden Sätze als Zitate, aber sie kommen von ihr selbst. Ihr kann man nichts vormachen.

Ihren späteren Verfolgern aufseiten der bolschewistischen Partei jedoch ebenso wenig. Sie wussten, dass bei dieser Dichterin jede parteifromme „Umschmiedung“ (perekowka) vergeblich sein würde. Noch ist es nicht so weit, das Jahr ist 1919. Die Kriegshysterie, die Kriegspropaganda, gerade erst vorbei, zerpflückt sie noch immer und setzt ihr ihre schwärmerische Zuneigung, ja Liebe zu Deutschland entgegen. „An Deutschland verlockt mich das Geregelte (das heißt Vereinfachte) des äußeren Lebens – das, was es in Russland nicht gibt und niemals gab.“ Und etwas weiter: „Deutschland, das ist: Schraubstöcke für die Körper und elysische Gefilde – für die Seele. Ich mit meiner Maßlosigkeit brauche Schraubstöcke.“

Zwetajewa gilt als bedeutendste russische Dichterin des 20. Jahrhunderts

Tatsächlich lebte Zwetajewa (1892–1941) ihr Leben lang in den „elysischen Gefilden“ der Seele, gleichgültig gegen die Bedrückungen des irdischen Daseins. Sie war Poetin, die Lyrik ihr Gebiet. Doch „sie schrieb, was und wie sie musste, stets der Dringlichkeit und inneren Notwendigkeit gehorchend“, schreibt Ilma Rakusa im Nachwort der von ihr als Band I der Gesammelten Werke der Zwetajewa herausgegebenen Tagebuchprosa und autobiografischen Erzählungen.

In den Bürgerkriegsjahren, als ihr Mann Sergej Efron sich den Weißen anschließt und sie alleine mit zwei kleinen Kindern im hungernden Moskau zurücklässt – eine Tochter stirbt 1920 –, dient die Prosa der Aufzeichnung des Alltäglichen, des so Ungeheuerlichen, das sie, die behütet und komfortabel aufgewachsen ist, besonders empfindet, doch nicht als materiellen Verlust. Der ist ihr gleichgültig; wegen des Hungertodes ihres Kindes allerdings macht sie sich schwere Vorwürfe. Zwetajewa gilt längst mit Anna Achmatowa als bedeutendste russische Dichterin des 20. Jahrhunderts. Hier aber ist ihre Prosa versammelt, die sie selbst in ihren Exiljahren als Brotarbeit betrachtete, ohne darum von ihrem Anspruch auf sprachliche Durchformung abzulassen.

Die von sechs verschiedenen Übersetzerinnen, darunter der Herausgeberin, übertragenen Texte gliedern sich in zwei Teile, die Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1917 bis 1921 und die späteren, selbstständigen Erzählungen aus dem französischen Exil. Doch die bei Weitem umfangreichste, knapp 200 Seiten lange „Erzählung von Sonetschka“ handelt von einer Moskauer Freundin des Jahres 1919, von deren Krebstod im Jahr 1934 sie drei Jahre später erfährt und dieses Erinnerungsstück schreibt.

Kunst als Verewigung von Verlusten

An dessen Ende wird Sonetschkas Tod zeitlich eingeordnet, „als die Tscheljuskin-Männer hergeflogen kamen“ – das war die Rettung der Schiffbrüchigen eines Polarmeer-Forschungsschiffs und eine der größten Propagandaaktionen Stalins, die bei Zwetajewa ganz äußerlich bleibt, oder wie sie selbst schreibt: „es klingt wie eine Naturerscheinung ...“ Ihre Kraft angesichts ihrer immer aufs Neue katastrophalen Lebensumstände zog Zwetajewa aus der Weigerung, so etwas wie die Realität der politischen Geschehnisse auch nur in Betracht zu ziehen. Daher wohl auch die befremdliche Naivität, 1939, ein halbes Jahr nachdem sogar schon ihre Schwester zu zehn Jahren Lagerhaft, einem vergleichsweise milden Strafmaß im „Großen Terror“, verurteilt worden war, in die Sowjetunion Stalins zurückzukehren.

„Was ist denn Kunst anderes als das Auffinden verlorener Dinge, als die Verewigung von Verlusten?“, zitiert Ilma Rakusa die Dichterin aus der Erzählung „Das Haus beim Alten Pimen“, das eine Familiengeschichte gestaltet. Bezeichnend ist, was Rakusa aus der Korrespondenz der Dichterin mit dem Redakteur einer russischsprachigen Exilzeitschrift beibringt, wo es um genau diese Erzählung geht: „Die Prosa eines Dichters ist anders als die Prosa eines Prosaikers, in ihr bildet nicht der Satz eine Einheit der Anstrengung, sondern das Wort, ja häufig sogar die Silbe.“ Anhand dieses Satzes lässt sich nur erahnen, welche Sorgfalt die Übersetzung erfordert haben muss. „Aus dem ,Pimen‘ hätte ein ganzer Roman werden können, ich aber liefere eine kurze lyrische Lebensbeschreibung: ein POEM.“

Scharfe Beobachtung des Sowjetkommunismus

Kein Poem, sondern scharfe Beobachtung und zugleich inneres Zwiegespräch ist, was Zwetajewa aus den Anfängen des Sowjetkommunismus in ihrem Tagebuch festhält. Das ganze Sowjetsystem ist enthalten in dem Miteinander von Bürokratie und Chaos, das sie als Angestellte einer der zahllosen neuen Behörden und Organisationen erlebt. Sie erträgt es nicht, kündigt nach fünfeinhalb Monaten, obwohl ihr nach vollen sechs Monaten Urlaub zugestanden hätte – „bei Fortzahlung des Gehalts“. Sie wollte Dichterin sein und bleiben, und ihre Tagebuchprosa hält die Schwebe zwischen Erlebtem und Erinnertem, erinnert aus der Dichtung, die sie von Kindesbeinen an aufgesogen hat und die ihre wahre und bleibende Heimat ist. Für eine Lesung Mitte 1919 in Gegenwart des Volksbildungskommissars Lunatscharskij, den sie kurz und treffend beschreibt, soll sie 60 Rubel erhalten – den Preis von drei Pfund Kartoffeln. Sie lehnt öffentlich ab und will für das Geld eine Kerze in einer Kirche aufstellen „für das Ende einer Ordnung, in der Arbeit so honoriert wird“.

Zwei Jahrzehnte später, im Evakuierungsort Jelabuga, hatte sie am selben Nachmittag versucht, als Tellerwäscherin in der Kantine des Schriftstellerverbandes angestellt zu werden, um irgendein Einkommen zu haben. Sie wurde abgewiesen. Mit „Volksfeinden“, so die gängige Bezeichnung der Stalin-Zeit, wollte sich keiner der Privilegierten einlassen. Zwetajewa ging in ihre Unterkunft und erhängte sich.

Marina Zwetajewa: „Ich schicke meinen Schatten voraus“. Prosa. Gesammelte Werke Band 1. Suhrkamp, Berlin 2018. 730 S., 42 €.

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