Wiederentdeckter Maler der Moderne : Marsden Hartley flüchtete vor der Einsamkeit

Muskulöse Männer, dramatische Landschaften: Das dänische Louisiana Museum zeigt das Werk des großen amerikanischen Malers Marsden Hartley.

Objekt der Begierde. Hartley schuf das Gemälde „Canuck Yankee Lumberjack at Old Orchard Beach, Maine“ 1940/41.
Objekt der Begierde. Hartley schuf das Gemälde „Canuck Yankee Lumberjack at Old Orchard Beach, Maine“ 1940/41.Foto: Cathy Carver/ Hirshhorn Museum and Sculpture Garden

Im Frühjahr 2014 überraschte die Neue Nationalgalerie mit der Ausstellung eines hierzulande unbekannten Künstlers der Moderne vor und um den Ersten Weltkrieg: Marsden Hartley. Der 1877 in einer Kleinstadt im nordöstlichen Maine gebürtige Amerikaner begann um 1905 zu malen und schrieb zugleich Gedichte und Essays.

Wie so viele seiner Zeitgenossen fühlte er sich in den USA künstlerisch unausgefüllt und ging nach Paris, wo Gertrude Stein den Leuchtturm für alle Neuankömmlinge abgab. In ihrem Umkreis lernte Hartley auch Deutsche kennen, den Bildhauer Arnold Rönnebeck und den jungen Offizier Karl von Freyburg. Ihm zuliebe ging Hartley nach Berlin.

In Berlin fand Hartley kurzes Glück

Darüber gab die Ausstellung der Nationalgalerie vor fünf Jahren Auskunft. Hartley war homosexuell, und obgleich das in Künstlerkreisen der amerikanischen Ostküste akzeptiert war, hatte er zeitlebens Schwierigkeiten, auch so zu leben.

In Berlin fand er ein kurzes, heftiges Glück – Freyburg fiel gleich 1914 im Krieg –, davon zeugen seine farbfrohen, geradezu explodierenden Bilder, die er hier malte. Sie zeigen Uniformstücke, Orden und Abzeichen, aber nie die Person selbst, um die es Hartley zu tun war. Das sollte seine Kunst fast bis zum Tod des Künstlers 1943 kennzeichnen.

Wer damals in Berlin neugierig geworden ist auf das ganze Œuvre dieses Modernisten, muss jetzt nach Dänemark fahren, in das wundervolle Louisiana Museum eine Stunde nördlich von Kopenhagen. In den sechziger Jahren ein einsamer Vorposten amerikanischer Kunst in Europa, hat das Haus seine Verbindung zu den USA behalten und zeigt wieder einmal – wie vor Jahren schon mit Georgia O’Keeffe – die Retrospektive eines Künstlers aus der neuen Welt, wie sie selbst dort noch kaum zu sehen war.

Die Übersicht zu Marsden Hartley jedenfalls übertrifft, wie Kurator Mathias Ussing Seeberg im Gespräch hervorhebt, mit über 130 Arbeiten und dazu dem poetischen Werk die bisherigen Retrospektiven amerikanischer Museen.

In seiner Kunst so ruhelos wie im Leben

Gerade bei Hartleys Œuvre ist es unabdingbar, alle Schaffensphasen gleichermaßen zu berücksichtigen. Denn Hartley wandelte sich immer und immer wieder, in seiner Kunst so ruhelos wie im Leben.

Es liegt nahe, so Ussing Seeberg, in den rastlosen Ortswechseln die Flucht vor der quälenden Einsamkeit zu erblicken, die Hartleys ständiger Begleiter war. Nach den Berliner Amouren fand Hartley wohl nie mehr zu vergleichbarer Erfüllung. Doch was er seinem Schicksal abrang, ist eine der großen Lebensleistungen der amerikanischen Moderne.

Man kann es so pathetisch formulieren, denn die Bilder sprechen genau davon. Hartley war ein Leben lang Landschaftsmaler; erst in den letzten Jahren bekannte er sich zur menschlichen Figur und damit zu seiner Liebe zum männlichen Körper. Aber die Landschaften sind Seelenlandschaften, sie verbergen und verraten zugleich körperliche Wünsche und Projektionen.

Abgesehen davon teilt Hartley mit allen Modernen in den USA seiner Zeit das nagende Gefühl, keinen Platz in der Gesellschaft zu finden, ja überflüssig zu sein. Dass Hartley zum engsten Kreis um den Galeristen und Fotografen Alfred Stieglitz zählte, den Entdecker und Ehemann von Georgia O’Keeffe, der sein Leben lang für die Anerkennung der Moderne und der Kunst überhaupt in seinem Land kämpfte, kommt in der jetzigen Ausstellung nicht vor und ist doch zum Verständnis auch Hartleys unabdingbar.

Eine lebhafte Erinnerung gegen das Alleinsein

Hartley hat bezeichnenderweise niemals die Stadt gemalt, obgleich er nirgendwohin so oft wiederkehrte wie nach New York, und obwohl er Paris kannte und Berlin, wo er in den zwanziger und dreißiger Jahren wiederholt Station machte. Er malte Landschaften, schon bei seinem ersten Besuch in Deutschland angeregt durch Kandinsky, Münter und Marc, mit denen er sich alsbald bekannt machte.

[Louisiana Museum, Humlebæk nahe Kopenhagen, bis 19. Januar. Katalog in Englisch 198 DKK. www.louisiana.dk]

Und er suchte diejenigen Landschaften Nordamerikas, die von vorneherein dramatisch waren, immer wieder das heimatliche Maine und die Küste, aber ebenso Neu-Mexiko, und selbst im sanften Massachusetts fand er eine Gegend wilder Felsen. Er suchte diese Landschaften auf, aber er malte sie nicht am Ort selbst.

Neu-Mexiko beispielsweise kam ihm 1923 in Berlin in den Sinn, und sicher half er sich über die Mühsal des Alleinseins hinweg durch lebhafte Erinnerung, die er im Atelier auf die Leinwand bannte.

Einen Eindruck der Landschaft vermitteln, nicht ihre physische Realität

Das sind kraftvolle Bilder hart am Rande der Abstraktion, Bilder einer göttlichen Offenbarung in der Natur, wie es die von Hartley und seinen Kollegen bewunderten Ralph Waldo Emerson philosophiert und Walt Whitman bedichtet hatten.

Hartley kümmert sich nicht um Perspektive noch um Lokalfarben, er setzt Berge und Wolken, Bäume und Wellen als breite Pinselstriche auf die Leinwand, sodass sie den Eindruck der jeweiligen Landschaft vermitteln, nicht ihre physische Realität.

Und es gibt interessanterweise keine Distanz zwischen dem Betrachter und der Landschaft, obgleich Hartley oft eine Art Fenstermotiv verwendet. Der Künstler und mit ihm der Betrachter sind in der Landschaft, nicht vor ihr.

In seinen späten Jahren macht Hartley die Bekanntschaft von Fischern im nördlichen Maine, einer rauen Gegend mit entsprechenden Charakteren. Wieder wird er vom Unglück ereilt, als zwei seiner jungen Bekanntschaften in stürmischer See ertrinken. Von da an malt er muskulöse Männer, wieder und wieder, die doch zugleich so unschuldig sind wie Kinder.

Hartley idealisierte die Objekte seiner Begierde

Während Altersgenossen wie Charles Demuth – ein weiteres Mitglied des Stieglitz-Kreises – oder jüngere Künstler wie Paul Cadmus wiederholt homosexuelle Beziehungen und vor allem Prostitution thematisieren, idealisiert Hartley die Objekte seiner Begierde – und gibt gerade dadurch dem amerikanischen Selbstbild der unverbrauchten Nation Ausdruck.

Anders als die Regionalisten der dreißiger Jahre jedoch stellt Hartley niemals Bezüge zu einer konkreten historischen oder gar politischen Situation her.

Erst während des Zweiten Weltkriegs kann Hartley Museumsankäufe und damit öffentliche Anerkennung verzeichnen. Für die Künstler des kommenden, abstrakten Expressionismus ist er eine wichtige Bezugsperson; sie erkennen in seinen Bildern die Befreiung zu autonomer Malerei.

Er bleibt gleichwohl ein sperriger Maler, der in seinem eigenen Kosmos lebt. Aber diesen Kosmos zugänglich zu machen, ist die Leistung dieser vorzüglichen und im besten Sinne fordernden Ausstellung.

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