„Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš : Die Verteidigung von Mitteleuropa

„Winterbergs letzte Reise“: Jaroslav Rudiš geht mit einem Baedeker aus Habsburger Zeiten auf große Zugfahrt.

Nicole Henneberg
Grenzgänger zwischen Tschechien und Deutschland. Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš.
Grenzgänger zwischen Tschechien und Deutschland. Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš.Foto: Peter von Felbert

Königgrätz geht durch mein Herz“, sagt Winterberg. Mit diesem rätselhaften Satz beginnt „Winterbergs Reise“, eine mitreißende, melancholische und hochkomische Roadnovel, deren Held seinen illustren Ahnen von Charlie Chaplins „The Tramp“ bis zu Sal Paradise in Jack Kerouacs „Unterwegs“ alle Ehre macht. Winterberg und sein Betreuer Kraus sind zwei Ritter von der traurigen Gestalt. Sie haben den lakonischen Humor eines Schweijk und die leidenschaftliche Hartnäckigkeit von Entdeckungsreisenden auf einem unbekannten Kontinent.

Schwer zu entscheiden, ob Winterberg, der mit 91 Jahren so alt ist wie die 1918 gegründete tschechische Republik, ein begnadeter Träumer ist, ein Schwadroneur oder schlicht verrückt: Jedenfalls versenkt er sich manisch lesend und rezitierend in sein Lebensbuch, den Baedeker Österreich - Ungarn von 1913.

Sein Reisebegleiter Kraus, den Winterberg mit verblüffender Energie zu dieser Reise genötigt hat, ist genervt, denn er war nur als Sterbebegleiter engagiert, als Kapitän „der letzten Überfahrt“, wie er es nennt. Es verstößt gegen alle Regeln seines Berufes, dass er mit dem alten Mann, der anfangs abwesend und halb gelähmt im Bett liegt, aus Berlin zu einer Reise aufbricht, die sich als Lebens-, Abschieds- und Hochzeitsreise in einem entpuppt. Denn Winterberg hatte Lenka Morgenstern, seine große Liebe, auf ihrer Flucht vor den Nazis im Stich gelassen und damit in den Tod getrieben – jetzt sitzt sie stets neben ihm. Das Zauberwort, das den Greis elektrisiert und seinen Begleiter milde stimmt, heißt Böhmen: Ausgerechnet im tschechischen Vimperk (oder Winterberg) ist Kraus geboren, Winterberg selbst nicht weit davon in Liberec (Reichenbach).

Winterberg tanzt und lacht

Jaroslav Rudiš, 1972 im böhmischen Turnov geboren, studierte Germanistik und Geschichte in Prag, Berlin und Liberec. Er liebt Mitteleuropa (und die Idee davon), es ist sein Thema und steht in den meisten seiner Romane im Zentrum, in „Grandhotel“ (deutsch 2008) oder „Alois Nebel“ (2013). Wie die Titelfigur dieser Graphic Novel ist auch der Protagonist von „Winterbergs letzte Reise“, dem ersten Roman, den Rudiš auf Deutsch geschrieben hat, ein Eisenbahnsüchtiger, und so folgen sie den Schienenwegen von Stadt zu Stadt, durch Böhmen und Österreich und Kroatien, nach Reichenberg, Brünn, Linz und auf die Schlachtfelder von Königgrätz, wo sich Preußen, Sachsen und Österreicher gegenüberstanden.

Winterberg tanzt und lacht, er rennt über das verschneite, neblige Gelände und findet tatsächlich den Gedenkstein mit den Namen seiner beiden Großväter, die hier 1866 aufeinander schossen und starben – eine der eindringlichsten und schönsten Szenen. Hier fing alles an, erklärt der aufgeregte Winterberg seinem müden Begleiter, hier begann die allgemeine Geistesverwirrung, die zu zwei Weltkriegen führte.

Der Baedeker von 1913, der letzte des Habsburgerreiches, bildet das Logbuch dieser Reise, er bewahrt im Detail eine verschwundene Welt, von der nur noch wenige, allerdings sehr prägnante Spuren existieren – wenn man sie zu lesen versteht. Jene träumerische Atmosphäre, erweckt „Winterbergs letzte Reise“ auf äußerst unterhaltsame, präzise und eindringliche Weise zum Leben: Die abgelegenen Bahnhöfe beginnen zu leuchten, die Kämpfe um regionale Spurbreiten hallen nach, und die wagemutigen Pläne der damaligen Ingenieure stehen vor uns, unzählige Tunnel durch den Böhmerwald oder die kühne Semmering-Bahn bei Wien.

Das detailversessene rote Büchlein, kanonische Lektüre für alle Reisenden des 19. Jahrhunderts, verzeichnet jede Weiche, jede der schwindelnd hohen Brücken samt „reizvollem Landschaftsbild“. Und auf dem Wiener Zentralfriedhof huldigt Winterberg dem genialen Planer jenes Eisenbahnnetzes, Carl Ritter von Ghega, völlig zu Recht. Das weiße Mausoleum erscheint ihm als Stellwerk, das Diesseits und Jenseits verbindet.

Wie Don Quijote und Sancho Pansa

Immer klarer tritt das Schienengeflecht des Habsburgerreiches als historisches Rhizom hervor, und oft stehen neben den Bahnhöfen noch die im Baedeker beschriebenen Grandhotels. Gerade diesen Baedeker zur Richtschnur der Handlung zu machen, erweist sich als großartig tragfähiger Einfall, denn die beiden böhmischen Reisenden, vertriebener Sudetendeutscher der eine, aus politischen Gründen geflohener Tscheche der andere, sind geprägt von ihrer deutsch-tschechisch-polnischen Grenzregion. Ihre alten Wunden können genauso wenig heilen wie die ihrer Heimat, in der Verlust, Trauer und verdrängte Schuld noch überall spürbar sind. Der Geschichte, der eigenen wie der großen, kann man nicht entkommen, davon sind beide zutiefst überzeugt. Doch sind sie nicht genau deshalb aufgebrochen?

Wie Don Quijote und Sancho Pansa trotten die beiden nebeneinander her, Winterberg in seinen kunstvollen, unentwegt kreisenden Monolog versunken, Kraus Bier trinkend und immer stärker von seinen Erinnerungen bedrängt. In einer besonders anrührenden Szene sitzen sie in einer tristen Kneipe in Bratislava einem Eisenbahner gegenüber, der mit dem Schlaf kämpft und ihnen schweigend zuprostet – schöner kann man Melancholie nicht erzählen.

In einem mitreißenden Schlusskapitel finden sie, was sie, ohne es eigentlich zu wissen, gesucht haben – Winterberg ist sogar mit seiner verlorenen Liebe ausgesöhnt. Seine Reise ist zu Ende, doch Kraus will weiterfahren, lesen, erzählen, verführt vom Sog der ineinander verknoteten Geschichten. Die Leser würden ihm auf der Stelle folgen.

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise. Roman. Luchterhand, München 2018. 544 Seiten, 24 €.

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