Wunschbild DDR : „Hasta la Westler, Baby“ in den Kammerspielen des DT

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner geben sich nostalgisch: „Hasta la Westler, Baby“ in den Kammerspielen des DT.

Szene aus Tom Kühnels und Jürgen Kuttners "Hasta la Westler, Baby!"
Szene aus Tom Kühnels und Jürgen Kuttners "Hasta la Westler, Baby!"Foto: Arno DeclairDT

Der Anfang ist das Beste. Maren Eggert, larmoyant-übergriffige Westzicke, und Peter René Lüdicke, traurig-verschlagener Zonenbär, sitzen einander beim Speed-Dating gegenüber. Sie finden sich in einer krampfigen Umarmung. Sie finden schnell heraus, dass da etwas nicht stimmt.

Und so leben sie dahin und daher in Deutschland einig Katerland, absolvieren Workshops für Vertreter, singen sich mit ihren Kollegen Katrin Klein und Bozidar Kocevski durch die Jahrzehnte geteilter und ungeteilter Schlagerfreude – bei all der Depression und Geschichtslast eine lustige, sympathische Truppe.

Das Potpourri schmeckt stark nach DDR

Das Kreativteam Jürgen Kuttner und Tom Kühnel kleckst zusammen, was die große Einheitsfeier stört. Aber die war eigentlich schon im November, sie kommen ganz schön spät: Besserwessis, Treuhand-Betrug, Ostgejammer, ein Abend zwischen „Reflexion und Quatsch“, wie der ölige Conferencier Kuttner ja selbst sagt, ein „postcircensischer“ Kessel Buntes, eine Show, die niemand braucht, die aber auch keinem wehtut und für ein paar schöne Lacher sorgt an einem Haus von sonst so großer Ernsthaftigkeit und Bedeutungssuche.

„Hasta la Westler, Baby“ (wieder am 28. 1. und am 9. und 24. 2.) ist ein „deutsches Theater mit Musik“, deutsch kleingeschrieben.

Kuttner gibt wieder Fernsehschnipsel und Soundbites von Politikern zum Besten, der gute alte SFB bekommt was ab, und das läuft gut zwei Stunden unter dem bekannten Motto: „Der Ossi ist schlau und stellt sich dumm. Beim Wessi ist es andersrum.“ Auch wenn die Dummsteller einräumen, dass es durchaus blöde Ossis gibt, schmeckt das Potpourri stark nach DDR.

Es gibt sich Ost-ironisch und beschreibt einen Phantomschmerz. Und das nach drei Jahzehnten. Dazu singt Maren Eggert – was für ein Hitparaden-Talent! – mit Verve und tiefem Herzweh zum Finale „Der Sieger hat die Wahl“. ABBA liefern die Hymne der Verlierer. „The Winner Takes It All“. Man geht mit einem schrecklichen Ohrwurm nach Hause.

Das Ganze hat auch etwas Denunziatorisches

Und mit einem Problem: Kühnel und Kuttner bauen ihr „Wünsch dir was“ des Ostens um Texte von Michael Eberth herum. Der erfahrene Theatermann (u. a. München, Frankfurt, Hamburg, Salzburg) war in den frühen Neunzigern Dramaturg bei DT–Intendant Thomas Langhoff, eine Art Berater aus dem Westen, wo Langhoff als Regisseur ja bereits erfolgreich war.

Eberths zum Teil sehr bittere, ehrliche Tagebücher („Einheit“, im Alexander Verlag erschienen) erzählen vom Scheitern, von zwei deutschen Theaterwelten, die glaubten, sich nahe zu sein, von krustigen Strukturen und dem grauenhaften Pragmatismus der Langhoff-Leitung.

Die Art und Weise, wie Eberth hier vorgeführt wird, hat etwas Denunziatorisches. Gab es damals nicht auch ein kleines Stasi-Problem am DT? Und waren die Ost-Theater nicht die Gewinner der Wende, ob Volksbühne, Maxim Gorki, BE oder DT? Kühnel und Kuttner könnte man Verharmlosung und Verdrehung vorwerfen. Aber es ist ja nur ein bunter, nostalgischer Abend, bei dem ambivalente Sätze über kunstfreundliche DDR-Zensur von einigen Zuschauern goutiert werden. Der Sozialismus, er klebt.

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