Feurig: Das O/Modernt Kammarorkester.

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Young Euro Classic im Konzerthaus : Die Spielwütigen
Das O/Modernt Kammarorkester beim Publikumskonzert.
Das O/Modernt Kammarorkester beim Publikumskonzert.Foto: Kai Bienert/YEC

Wer Jugendorchester kennt, kennt auch dieses Phänomen: Mit Begeisterung wird ein klassisches Programm vorbereitet, doch bei der Busfahrt nach dem Konzert ist auf den Smartphones meist alles andere zu hören als Sinfonien. Eine schizophrene Einstellung, mit der sich das O/Modernt Kammarorkester mit Musikern nicht zufriedengeben will. Gründer und Leiter des Ensembles ist der 1980 geborene Geiger Hugo Ticciati – von ferne eine unschuldige Harry- Potter-Erscheinung, doch mit Hummeln in den Fingern und einer feurigen Musikalität, die sich an Vivaldi ebenso entzündet wie an dem progressiven Rock von Muse oder den harten Sounds von Metallica und Dream Theatre.

Die Sorge, das Ensemble könnte Vivaldis Musik, die sich mit Stücken der Bands abwechselt, gegen den Strich bürsten, ist unberechtigt: dass die Solopartien im Doppelkonzert für zwei Celli mit Fagott und Kontrabass besetzt sind, dass der Continuopart vom Harmonium übernommen wird und dass die Streicher im Winter-Konzert aus den Jahreszeiten besonders „eisig“ am Steg spielen, genügt schon fast als angleichende Verfremdung. Zum Ereignis wird der Abend vor allem durch die bereits arrivierten Ausnahmesolisten. Zu ihnen gehören neben Ticciati der Fagottist Bram van Sambeek, der ein sangliches messa di voce bei Vivaldi ebenso stilsicher und virtuos hinlegt wie er bei Metallicas „Pulling Teeth“ mit akustischen wie elektronischen Verzerrungseffekten begeistert. Stark sind auch Sven Figee, der seiner Hammondorgel eine hinreißende, aquatisch-blubbernde Improvisation entlockt sowie der intim, aber farbenreich gestaltende Kontrabassist Rick Stotijn.

Feurige Musikalität, die sich an Vivaldi wie Metallica entzündet

Schade ist lediglich, dass die Musiker in Vivaldis Follia-Variationen nicht die Chance nützen, deren insistierendes harmonisch-rhythmisches Modell in ihren Soli weiterzuführen. Etwas geraten auch die jugendlichen Streicher in den Hintergrund, die das Geschehen oft nur mit Tremoli und Klangteppichen unterlegen. Erst beim anschließenden Publikumsfest vor der Freitreppe des Konzerthauses können sie mit etlichen Folktanzarrangements zeigen, wie viel Esprit und spontane Musizierfreude neben Klangschönheit und Intonationssicherheit in ihnen steckt. Carsten Niemann

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